Süddeutsche Zeitung

Taschenbücher:Wiedersehen in Privilege Hill

Jane Gardam erzählt vom absteigenden England, Bertrand Russell lobt den Müßiggang und Iwan Bunin skizziert die russische Provinz des Jahres 1913: Neue Taschenbücher in der Übersicht.

Verständnislose Hochachtung

1916 verlor der Mathematiker und Philosoph Bertrand Russell wegen seines pazifistischen Engagements seine Professur in Cambridge. 1950 erhielt er den Nobelpreis - als Schriftsteller. Aktuell ist Russell bis heute. Ob es um die geistigen Mütter und Väter des Faschismus geht oder die destruktiven Kräfte des Kapitalismus - Russell besticht durch Unvoreingenommenheit und klaren Verstand: "Diese verständnislose Hochachtung auf Seiten der Öffentlichkeit ist genau das, was der Finanzier braucht, um von der Demokratie unbelästigt zu bleiben." Für Russell durchaus ein weiterreichendes Problem. Denn "die beschäftigungslosen Reichen", "die über wenig Bildung, viel Geld und demzufolge großes Selbstvertrauen verfügen", hätten zwar selten echte Kultur, protegierten diese aber, "wenn ihnen auch in der Regel Kunstwerke nur gefallen, sofern sie schlecht sind. Die Nutzlosigkeit ihres Daseins treibt sie in eine so wirklichkeitsferne Sentimentalität, dass sie alles Aufrichtige und Kraftvolle verabscheuen und einen beklagenswerten Einfluss auf die Kultur ausüben." Das hat sich geändert. Inzwischen ist die Gruppe der Reichen schier unüberschaubar geworden. Helmut Mauró

Sehen und Glauben

Manche Sammler gehen über Leichen für Raritäten, etwa für sagenhafte Exponate, die es vielleicht gar nicht gibt. Dass er auf einen solchen Fanatiker getroffen ist, merkt der Journalist und gescheiterte Musiker Thomas Dupré erst nach einer Weile. Da befindet er sich aber schon im Auftrag eines britischen Kenners auf der Suche nach der legendären E-Gitarre Gibson Moderne, dem Heiligen Gral der Rockmusikgeschichte, wenn man so will. In "Vintage" gelingt dem Krimiautor Grégoire Hervier das Kunststück, Mythos und Musikgeschichte zu einem atemberaubenden, zugleich skurrilen Thriller zu verweben. Thomas begibt sich auf einen Roadtrip zu den Wurzeln des Rock'n'Roll, vom Delta Blues in Mississippi bis zum schottischen Landsitz von Gitarren-Gott Jimmy Page. Immer tiefer gerät er dabei in die Parallelwelt der Sammler, die zwischen Geheimnistuerei und Geprotze hin und hergerissen und bereit sind, ihre Schätze um jeden Preis zu beschützen. "Muss man sehen, um zu glauben, oder glauben, um zu sehen?" Für Thomas wird die Frage existenziell und er hinterfragt nicht nur seinen Auftraggeber, sondern die Mythenbildung an sich. Sofia Glasl

Wunder des Alltäglichen

Frühere Klagen über die Fetischisierung mathematischer Evidenz erscheinen niedlich und haben fast etwas Komisches, wenn man sie mit unserer durchdigitalisierten Lebensrealität vergleicht. Als umso dringlicher können aber damalige Bewältigungs- und Überwindungsversuche gelesen werden. Louis Aragons Montagewerk von 1926 ist aus unzähligen Skizzen, Zeitungsausschnitten, Aushängen und Inschriften zusammengesetzt und gilt nicht nur als ein Hauptwerk des Surrealismus. Es betört noch heute durch einen aufgekratzt-schweifenden Blick, den Rausch der Assoziationen und die ungenierte Lust am Fabulieren. In einer Art programmatischen Einführung bekennt Aragon auf den ersten Seiten: "Jedem Irrtum der Sinne entsprechen seltsame Blumen der Vernunft." Auf jene Sphäre einer menschlichen Welterfahrung eigenen Rechts hat es Aragon mit der Verarbeitung seiner Pariser Flanerien abgesehen. Die revolutionäre Kraft dieser Großstadtprosa illustriert Walter Benjamin, der "des Abends im Bett nie mehr als zwei bis drei Seiten lesen konnte, weil mein Herzklopfen dann so stark wurde, daß ich das Buch aus der Hand legen mußte." Volker Bernhard

Wiedersehen in Privilege Hill

Die Zeit ist auf dem Sprung in diesen Erzählungen, sie rafft und faltet sich, oder macht gewaltige Sätze. "Molly Fieldings Mutter war eine schreckliche Frau gewesen, ungefähr zur selben Zeit geboren wie Tennysons Maud und etwa ebenso unzugänglich. Niemand wusste viel über sie, und Molly selbst war inzwischen uralt." (Die Maud-Gedichte erschienen 1855.) Das sind die Leute, über die Jane Gardam am liebsten erzählt, schrecklich, unzugänglich, man weiß nicht viel von ihnen. Gardam ist selbst schon mal neunzig, und seit einigen Jahren werden ihre liebevoll sarkastischen Romane auch bei uns mit Begeisterung gelesen. Einige Leute, die man daraus kennt, sind auch hier dabei, die Altjuristen Feathers, Veneering und Fiscal-Smith etwa, aus der "Filth"-Trilogie, die sich im strömenden Regen von Privilege Hill wiederbegegnen. Es ist eine spukhafte Literatur, geprägt vom Niedergang des britischen Empire. Selbst wenn die Figuren in Raum und Zeit nicht direkt miteinander zu tun haben, muss es geheime Verbindungen zwischen ihnen geben, transgenetisch gewissermaßen. Was die Liebe angeht, ist das Prinzip dafür: die Telegonie. Fritz Göttler

Im Versteck

Versteckt auf einem Berliner Dachboden führt Daniel Saporta Tagebuch, erinnert sich im Winter 1943 an schöne Zeiten als Elegant des Berliner Nachtlebens und Liebling der Frauen und überbrückt so die Kälte, den Hunger, die Angst und die leere Zeit, die nur unregelmäßig unterbrochen wird von einem früheren Angestellten, der ihn versorgt. Als Knabe kam er aus Syrien nach Berlin in die Lehre, das Verhältnis mit der Frau des Chefs führte zum Hinauswurf und zu einer schillernden Karriere als junger Nachtklubbesitzer. Zu spät bemerkte er, sephardischer Jude, die Gefahr und vergnügte sich damit, die Welt mit den Augen eines Schelms zu betrachten. Harold Nebenzal kam 1922 als Kind einer jüdischen Familie in Berlin zur Welt. Manche Erfahrung wird in den Film "Cabaret" eingeflossen sein, den er später produzierte. Seine Bemerkungen zum Beispiel über die Aktentasche als Statussymbol des deutschen Angestellten und Gefilte Fisch als harte Trennungslinie zwischen Aschkenasim und Sephardim sind von derselben liebevollen Distanz gefärbt, die auch den Humor seines Freundes Billy Wilder prägte. Das macht dieses Buch trotz seiner Tragik zum Vergnügen. Rudolf von Bitter

Versunkene Welt

Nichts, aber rein gar nichts deutet in den menschlich allzumenschlichen Erzählungen, die Iwan Bunin 1913 zu Papier gebracht hat, darauf hin, dass die Welt, die er dort zum Leben erweckt, bald nicht mehr existieren würde. Es ist die russische Provinz. Ein paar Katen bilden ein Dorf, drum herum Roggenfelder. "Dürres Gras" heißt eine dieser Geschichten, eine andere "An der Landstraße", und wenn ein Steppendorf, wie das in der Legende vom seligen Narr in Christo Ioann Rydalez über eine neue Bahnstation verfügt, dann hält trotzdem nicht die große Welt und mit ihr die Säkularisierung Einzug: "An der Bahnstation Greschnoje wird es still und ausgestorben, wenn der Zug in der Steppe verschwindet."

Iwan Bunin, und das macht die Meisterschaft des späteren Nobelpreisträgers aus, genügen wenige Sätze von großer Klarheit, um dem Leser die Landschaft vor Augen zu führen. "Nach Norden hin war es schon vollkommen finster. Dort senkte sich eine Wolke herab. Der leichte Wind, der von allen Seiten her blies, frischte mitunter auf, fegte ungestüm über Roggen und Hafer, und das Korn raschelte trocken und unruhig", heißt es in "Der Prophet Elias". Aus dieser Landschaft schält Bunin einzelne Menschen heraus, scharf gestellt, als hätte er ein Fernrohr im Anschlag. Einen eingeschüchterten Seminaristen hier, einen buckligen Kleinbürger dort. Und immer wieder Bauern, arme wie reiche. Wer je gelesen hat, wie sich Awdej Sabota in der gleichnamigen Prosaminiatur mit seinem Hammel in die Stadt schleppt, wird diesen kummergebeugten Alten wohl nie mehr vergessen. Ebenso wenig wie den Fürsten in der titelgebenden Erzählung "Frühling". Mit der aufblühenden Natur erwacht auch dieser wieder zum Leben - er hatte den Winter vertrunken - und macht sich auf zur Familiengruft, wo ihn der Gedanke an die Vergänglichkeit alles Irdischen eiskalt erwischt: "Um nicht wieder das Trinken anzufangen, fuhr der Fürst am nächsten Tag in aller Frühe mit dem alten Pankrat nach Sadonsk. Das Sommergetreide säte man ohne ihn aus." Florian Welle

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Quelle:
SZ vom 07.05.2019
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