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Tarjei Vesaas:Ein Heiliger oder Dichter

Waldschnepfe, Wald-Schnepfe (Scolopax rusticola), Maennchen beim Balzflug in der Daemmerung, Finnland, Hanko Eurasian wo

Flug der Waldschnepfe.

(Foto: AGAMI/D. Forsman/imago images/blickwinkel)

Mit dem Roman "Die Vögel" schuf Tarjei Vesaas eine große Außenseiterfigur und einen modernen Klassiker der norwegischen Literatur. Jetzt erscheint er in einer präzisen neuen Übersetzung.

Von Sophie Wennerscheid

Die Waldschnepfe ist ein scheuer Einzelgänger, der sich tagsüber gut getarnt im Laub versteckt. Erst bei Einbruch der Dämmerung wird der braun gesprenkelte Vogel aktiv. Tief senkt er seinen langen Schnabel in die Erde und zieht einen Wurm heraus. Während der Balzzeit fliegen die männlichen Tiere abends und morgens in regelmäßigen Bahnen über den Wald und machen mit einem bauchrednerisch tiefen Quorren und einem nachfolgend hohen Puitzen auf sich aufmerksam, hin und her auf dem Schnepfenstrich.

In dem Roman "Die Vögel", 1957 von dem norwegischen Autor Tarjei Vesaas veröffentlicht, ist es der Sonderling Mattis, der eines Abends die Schnepfe über das Haus ziehen hört. Erst einmal, dann nochmal und schließlich ein drittes Mal. "Genau wie vorhin, das Flattern, der pfeilschnelle Schatten im Dämmer - und der schöne Lockruf, ob den nun wer hörte oder nicht. Gleich überm Dach hier, und fort ins Unendliche. Dann wieder nichts als der Spätabend." Für Mattis, der seit dem frühen Tod der Eltern allein mit seiner Schwester Hege zusammenlebt, hat das Erlebnis eine magische Qualität, die er sofort teilen möchte. Doch Hege hat kein Ohr für das, was er ihr stockend vorträgt. Sie hat den ganzen Tag ununterbrochen gestrickt, um für sich und den arbeitsuntauglichen Bruder den Lebensunterhalt zu verdienen, und will schlafen. Sie versteht es einfach nicht. Das Besondere. Und Mattis versteht nicht, dass sie nicht versteht.

Mattis als Sonderling zu bezeichnen ist eine Verlegenheitslösung. Die Leute im Dorf sprechen über ihn als "den Dussel". Mattis selbst fühlt sich "den Klugen" unterlegen. Wäre das Buch heute geschrieben, würde eine der anderen Figuren ihm vermutlich einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis ausstellen oder ihn einen Vollpfosten nennen. Der Erzähler aber, der uns die Welt der Romanhandlung ausschließlich aus der Perspektive von Mattis wiedergibt, umgibt den Kind gebliebenen Enddreißiger mit der Aura des reinen Toren. Der überdies noch poetisch begabt ist. Manchmal schießen Bilder und Worte durch seinen Kopf, die Teil eines Gedichts sein könnten. "Du mein Schnabel gegen Stein, dachte er urplötzlich - es durchzuckte ihn."

Sie strickt schnell wie der Blitz. Er fällt Bäume, dass es kracht

Während es Mattis schwerfällt, seine Gedanken und Gefühle gegenüber anderen zu artikulieren, ist es ihm ein Leichtes, mit der Schnepfe zu kommunizieren. Nicht nur ihren Balzruf versteht Mattis, sondern auch die Spuren auf der Erde kann er lesen. "Du bist du, stand da. Welch ein Gruß an ihn. Er suchte einen kleinen Ast und tupfte eine Antwort auf einen freien Fleck im Braunen. Gewöhnliche Buchstaben benutzte er nicht, es war ja für die Schnepfe, also benutzte auch er Vogelschrift."

Die lyrische Sprache und die mit wenigen Strichen sicher gezeichneten Figuren des Romans haben dazu geführt, dass dem Buch gleich bei seinem Erscheinen der Status eines Meisterwerks der norwegischen Romankunst zugeschrieben wurde. Doch trotz zahlreicher Übersetzungen, Verfilmungen und akademischer Würdigungen geriet das Werk außerhalb Norwegens in Vergessenheit. Seit einigen Jahren lässt sich aber ein erneutes Interesse beobachten. Einer hochgelobten Neuübersetzung ins Englische im Jahr 2013 folgten weitere in andere Sprachen. Nun hat der Berliner Guggolz Verlag, der 2019 bereits Vesaas' Roman "Das Eisschloss" herausgebracht hat, "Die Vögel" in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel wieder zugänglich gemacht.

Das mythisch verknappte, dialektstarke Neunorwegisch Vesaas' ist bei Schmidt-Henkel gut aufgehoben. Präzise gibt er den Tonfall des Erzählers wieder, der bei aller Schlichtheit flimmert wie Licht- und Schattenspiele im Wald. Ein Ton wird angeschlagen, bricht ab, klingt nach. Halbsätze stoßen unversöhnt aneinander. Das Unausgesprochene erhebt sich zum Unaussprechbaren. Das ist stark und schön. Poetisch und verführerisch. Als Leserin steht man schnell ganz auf Mattis' Seite. Er ist hilflos. Ein Außenseiter, dessen Anderssein den Regeln der Normalen und Arbeitsamen angepasst werden soll. Hege hingegen, und mehr noch Jørgen, der im dritten und letzten Teil des Romans unerwartet in das Leben der Geschwister tritt, sind stark. Sie strickt schnell wie der Blitz. Er fällt Bäume, dass es kracht. Mattis aber hat vor nichts mehr Angst als vor Gewittern. Fühlt man sich in diese Angst ein, verheddert man sich leicht in einer vormodernen Weltsicht. Auch dass Mattis sich von den durchs Dorf fahrenden Autos an den Rand gedrängt fühlt, gibt dem Roman, der ohne Orts- oder Zeitangaben auskommt, einen modernekritischen Anstrich. Ist es das, was dem Buch heute wieder ein neues Publikum zuträgt? Die Sehnsucht nach Wiederverzauberung?

Tarjei Vesaas, 1897 in der norwegischen Telemark geboren, war ein bedeutender literarischer Modernist. Er starb 1970 in Oslo.

(Foto: Alamy / 914 collection/mauritius images)

Mattis ist ohne Zweifel eine zauberhafte Figur. Er steht den Klugen, Starken und Schönen gegenüber, die immer auch die Angepassten sind und für die es vor lauter Arbeit nichts Heiliges mehr gibt. Man kann Mattis lieben wie ein Kind, das glücklich ist, solange man es nicht dabei stört, stundenlang Steine ins Wasser zu werfen und ihnen versonnen nachzublicken. Oder man bewundert ihn wie einen Dichter, der für monotone Erwerbsarbeit nicht geschaffen ist, aber eine besondere Verbindung zur Natur hat und sie in Worten zum Klingen bringen kann: "Irgendwie, als ob er unabsichtlich auf einen Ton treten würde, in der Wiese, und dann stieg der Ton auf, zauberte und war wirklich und wahr." Sätzen wie diesen ist es zu verdanken, dass Vesaas seinen Roman als eine Art Selbstporträt verstanden wissen wollte, Dag Solstad ihn als genuine Verteidigung des Dichters las und Karl Ove Knausgård ihn als einen von überhaupt nur zwei großen modernen Romanen Norwegens herausstellte.

Doch so sehr Mattis eine Parsifal ähnliche Erlöserfigur und romantischer Taugenichts ist, ist er auch ein Mann, der seiner Schwester viel abverlangt. Vesaas macht das bereits im ersten Kapitel seines Romans klar. Die Direktheit, mit der Mattis Hege mitteilt, dass sie graue Haare bekommt, obwohl sie doch erst vierzig ist, ist nicht nur Ausdruck von Mattis unverstelltem Zugang zur Welt. Es ist in all seiner Naivität auch brutal.

Brutal ist auch das Ende des Romans. Obwohl Mattis seine Schwester immer wieder beschwört, dass sie ihn nie verlassen dürfe, spürt er, dass sie ihm entgleitet. Seit Jørgen in ihr Leben getreten ist, gibt es nicht nur Mattis, sondern eben auch den anderen. Vor allem aber gibt es sie selbst. Mit einem Male lacht sie wieder und kleidet sich schön. Bei alledem verliert sie jedoch Mattis nicht aus den Augen, aber er, der durch eine gewisse Ironie des Schicksals Jørgen selbst ins Haus gebracht hat, ist letztlich so in seiner Welt gefangen, dass ihm kein anderer Blick auf die Ereignisse möglich ist als nur sein eigener. "Kannst du nicht auch ein bisschen an Hege denken? Dich ein bisschen für sie freuen", fragt Jørgen. Nein, das kann Mattis nicht. Oder will er es nicht?

Die Aura des Unantastbaren, die der Roman um Mattis legt, lässt eine klare Antwort nicht zu. Mattis gibt sich selbst verloren und der Natur hin. Die soll entscheiden, was mit ihm geschieht, wenn er mit seinem löchrigen Ruderboot hinaus auf den See fährt. Entweder werden ihn die selbst geschnitzten klobigen Ruder tragen, wenn das Boot sinkt, oder er ist dem Untergang geweiht. Doch wer, außer den Lesenden, wird seinen Schrei hören, der über den See hallt "wie ein fremder Vogelruf"? Judith Hermann schließt ihr einfühlsames Nachwort zu der Neuausgabe von "Die Vögel" mit der Bemerkung, dass Vesaas mit Zärtlichkeit von einem erzähle, "der untergeht und sich im Untergang selbst begegnen darf". Das ist schön gesagt. Aber auch arg romantisierend. Und irgendwie übersieht es, dass es hier wieder einmal der männliche Künstler ist, der unverstanden von der Welt untergehen muss, während die Schwester mit ihrem Schmerz am Ufer zurückbleiben wird. Aber sie hat ja Jørgen. Und die Strickerei. Prosaisches Schicksal.

Tarjei Vesaas: Die Vögel. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Nachwort von Judith Hermann. Guggolz, Berlin 2020. 276 Seiten, 23 Euro.

© SZ
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