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Tanztheater:Rausch und Wehmut

Reiner Eros: Friedemann Vogel tanzt Maurice Béjarts "Bolero" in einer coronatauglichen Slim-Variante.

(Foto: Stuttgarter Ballett)

Das Stuttgarter Ballett kehrt mit dem fulminanten Abend "Response I" auf die Bühne zurück und erzeugt Eros auf Distanz.

Von Dorion Weickman

Nur jeder vierte Platz, jede zweite Reihe besetzt - so passen gerade mal 250 Zuschauer ins Stuttgarter Opernhaus, ein Fünftel der regulären Kapazität. Schon deshalb muss am Ende dieser Tanzpremiere bis zum Klatschkoller applaudiert werden. Was keine Anstrengung ist angesichts des fulminanten Abends, mit dem das Stuttgarter Ballett auf die Bühne zurückkehrt. Dank Übertragung ins Freie können draußen zwar weitere 2000 Tanzbegeisterte beiwohnen. Aber zehnmal so viele Ticketinteressenten für das siebenteilige, mit drei Uraufführungen bestückte "Response I"-Programm sind leer ausgegangen. Sie verpassen eine Kompanie, die im Corona-Loch nichts an Charisma eingebüßt hat: Reif und nachdenklich, zart und wehmütig spannt sie die Flügel ihrer Tanzkunst auf und entfesselt ein zweistündiges Ballett-Crescendo, gekrönt von einem orkanartigen Finale.

Den Prolog bestreitet Tamas Detrich, ganz in Weiß. "Ich bin der glücklichste Ballettintendant der Welt", sagt er vor dem geschlossenen Vorhang. Denn seine internationalen Kollegen müssen weiterhin aus dem Lockdown-Modus operieren. Hierzulande haben sich mehrere Tanzdepartments mit Live-Formaten aus der radikal gestutzten Saison verabschiedet. Allerdings hat niemand ein so vielfältiges Tanzpaket geschnürt wie Detrich: "Something old, something new, something classic, something blue" soll das Publikum an diesem Abend zu sehen kriegen.

"Old" steht für Evergreens aus dem Repertoire, etwa Hans van Manens spritziges Herrentrio "Solo". Wie Billardkugeln schießen die Tänzer durch den Raum, wirbeln und zwirbeln sich um die eigene Achse, schlittern in x-förmiger Haltung, Arme und Beine weit gespreizt, zu Bachs D-Moll-Violinpartita um die Kurven. Ein herrlicher Spaß - das Gegenteil jenes "Sterbenden Schwans", der hier pars pro toto die Spitzenschuhästhetik vertritt. Anna Osadcenko trippelt con brio, aber einen Tick zu robust in den Tod. "New" und "blue" zugleich sind zwei der drei Kreationen, die Tamas Detrich in die Hände der drei hauseigenen Nachwuchschoreografen gelegt hat.

Was für eine dramatische Intensität - trotz Entzug des Körperkontakts

Fabio Adorisio gelingt mit "Empty Hands" ein expressives, bisweilen leicht überspanntes Quintett. Klassische Positionen werden zerdehnt, überstreckt, gestaucht und spiegeln so die Verzerrungen unserer Alltagswirklichkeit. Das Orchester sitzt leicht erhöht hinter den Tänzern und wischt Bryce Dessners "Lachrimae" wie Akustikschlieren über die Choreografie.

Roman Novitzkys "Everybody needs some/body" bespielt das gleiche Raumarrangement mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" in der Remix-Version von Max Richter. Novitzky ist ein eleganter Erzähler, der packende Bilder für das geltende Berührungstabu findet. Drei Männer, drei Frauen treffen aufeinander, aber zusammenfinden darf nur ein einziges Paar - weil es auch privat verbunden ist. Ein inniger Pas de deux, der einzige weit und breit, hebt Bangen, Sorgen und Zweifeln im Ausnahmezustand in sich auf. Die Sehnsucht der anderen wird mit Surrogaten gestillt, mit Schneiderpuppen - ohne Kopf, ohne Glieder. Sie geben perfekte Agenten der Einsamkeit ab, analoge Avatare.

Den eigenwilligsten Beitrag des Abends liefert Louis Stiens mit "Petals". Zu Scarlatti- und Couperin-Sonaten, die Alastair Bannerman am Flügel zeitgenössisch entbarockisiert, zeichnet Stiens das Porträt einer Zweierbeziehung als hinreißende Folie-à-quatre: Mann und Frau plus zwei nachtschwarze Seelenschatten. Die Ego-Erweiterungen schüren abwechselnd Anziehung und Abwehr und treiben das Ringen um Macht und Unterwerfung dem Höhepunkt zu. Mit Füßen und Armen werden zierliche Achterformen in den Raum gezeichnet, Symbole der ewigen Wiederkehr des Immergleichen. Phänomenal zu beobachten, wie die Tänzer explosive Spannung zwischen sich aufzubauen verstehen, wie sie das Beziehungsgewebe allein durch Blicke verdichten. Es ist diese dramatische Intensität, die dem Tanz trotz Entzug des Körperkontakts zuwachsen kann.

Den Schlussakkord setzt Friedemann Vogel mit einer Slim-Variante von Maurice Béjarts "Boléro": der Tänzer, allein auf dem roten Tisch inmitten einer auf acht Männer abgeschmolzenen Entourage. Umso plastischer tritt die Genialität der choreografischen Idee in Erscheinung, das Über- und Ineinander dionysischer und apollinischer Strebungen. Der Körper des Tänzers ist reiner Eros. Die Form, in die er sich gießt, reiner Logos. Vogel verwandelt diesen Moment in einen Götterfunken - ein Erlebnis, das hoffentlich bald wieder mehr als 250 Köpfe erleuchten wird.

© SZ vom 29.07.2020
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