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Tanztheater:Ohne Worte

Ton in Ton sind die Requisiten und Kostüme der Tänzer Ceren Oran und Roni Sagi sowie des Percussionisten Tunkay Acar aufeinander abgestimmt.

(Foto: Cem Czerwionke)

In ihrem Tanztheaterprojekt "Sag mal. . ." für Kinder setzt sich die Choreografin und Tänzerin Ceren Oran mit dem Phänomen der Sprache auseinander. Ihre Verständigungsmittel sind Geräusche, Musik und Bewegung

Wenn der Mann mit dem Hut hinter den Trommeln auf seiner kleinen Flöte pfeift, betritt sie die Bühne: eine quicklebendige Tänzerin im kanariengelben Kleid, deren lange Locken mit einem ebenfalls gelben Band gebändigt sind. Sie wiegt sich im Takt der jetzt einsetzenden Trommelschläge, gleitet von hierhin nach dorthin, immer bestrebt, ihre schwungvollen Armbewegungen und Drehungen mit den vom Percussionisten vorgegebenen Rhythmen in Einklang zu bringen. Das klappt nicht immer, mal versetzt er sie mit seinen Trommeln in hektische, beinahe zuckende Zustände, mal ist ihr aber das Tempo auch zu langsam, wartet sie ungeduldig hin und her tippelnd auf die nächsten Laute. Keine Frage, Performerin und Musiker können einander auch ohne Worte verstehen - nicht immer, aber immer besser. Doch was ist das? Plötzlich steht ein großer Kasten mit den Ausmaßen einer Duschkabine auf der Bühne, weiß bis auf die Kanten, die in genau denselben Farben gehalten sind wie der Hut des Percussionisten - orange, blau, gelb. Ein untrügliches Indiz dafür, dass bei aller Fremdheit und Unterschiedlichkeit die Dinge und Wesen in dieser "sprach-losen" Welt (Kostüm und Bühne: Sigrid Wurzinger) etwas miteinander zu tun haben müssen. Zwar verfügen sie über keine gemeinsame Sprache, aber auf geheimnisvolle Weise sind sie dennoch miteinander verwoben.

Genau darum geht es in dem Tanztheaterprojekt "Sag mal. . ." der 1984 in Istanbul geborenen Tänzerin Ceren Oran. Sie hat an der Salzburg Experimental Academy of Dance studiert und lebt seit eineinhalb Jahren in München, wo sie sich im vergangenen Sommer mit ihrem Drei-Frauen-Abend "Heimat . . . los" über die Zerreißprobe Migration dem Publikum im I-camp vorstellte. Nun hat die Tänzerin ein vom Kulturreferat gefördertes Tanztheaterprojekt über Sprache, aber ohne Worte, für Kinder konzipiert. Für ihr Kreativteam gewann sie den Musiker und Veranstalter Tuncay Acar (früher beim Kulturprojekt "Import Export") und den aus Israel stammenden Tänzer Roni Sagi. Der verlässt bei der Generalprobe von "Sag mal. . ." in den Räumen der Tanztendenz, deren Gast Ceren Oran derzeit ist, nur zögerlich seine schützende Box.

Doch bis es soweit ist, steht das quicklebendige Flatterwesen dem Kasten recht skeptisch gegenüber. Es bedarf einiger aufmunternder Gesten des Percussionisten, damit sie sich traut, auf die Box zuzugehen. Neugierig pikst sie erst mit den Fingern, dann mit der ganzen Hand durch die straff gespannten Bänder ins Innere - und schreckt zurück, als von dort plötzlich ein nackter Fuß, dann eine Hand zum Vorschein kommen. Schließlich entsteigt der Box ein merkwürdig anzuschauendes Wesen mit ulkig hochgezwirbelter Zopffrisur, in orangener Hose und schwarz-orange geringeltem Pullover. Diese Figur - Roni Sagi - agiert merklich zurückhaltender als die wieder forscher auftretende knallgelbe Tänzerin. Er wagt sich nur mit vorsichtigen Schritten auf dem Boden voran, ertastet vornübergebeugt mit weit ausladenden, langsam fließenden Armbewegungen den Raum.

"Da Cerens Grundidee war, dass wir beide aus unterschiedlichen Elementen stammen, mussten unsere Figuren natürlich auch eine unterschiedliche Bewegungssprache haben", erklärt Roni Sagi. Also entwickelte er seine Körpersprache bewusst als Gegenpart zu ihren energiegeladenen und flinken Bewegungen. Schließlich ist sein Element das Meer - prompt kommen denn auch schillernde Fische und Seepferdchen zum Vorschein, als er seine Box umkippt und das Innere eines Aquariums sichtbar wird.

Bei allem Interesse füreinander sind die Missverständnisse zwischen diesen beiden Lebewesen auch programmiert. Beispielsweise, wenn die eine den anderen zu einem Picknick einladen will: Sie breitet ein Tuch auf dem Boden aus, schafft Orangen und Bananen herbei, klopft erwartungsfroh an die Box, um den Bewohner hervorzulocken. Der kommt zwar heraus, scheint aber die Situation nicht zu begreifen. Kurzerhand zieht ihn die Tänzerin zur Picknickdecke, drückt ihn an den Schultern herunter, damit er sich setzt. Während sie genüsslich erst eine Banane isst und dann ihrem Gast eine Orange schält, beäugt der das Obst - und beginnt, aus einer Banane und den Orangenschalen mithilfe eines Zahnstochers einen Delfin zu bauen, den er durch die Luft gleiten lässt. Was seine Partnerin sichtlich verstimmt. Doch dann leuchtet ihr das Charmante des Einfalls ein, bekundet sie mit Gestik und Mimik ihr Gefallen. Ein schönes Bild für die Überwindung von Verständigungsproblemen, ganz ohne Worte. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt", erklärte Ludwig Wittgenstein einst. Nicht unbedingt. Zumindest nicht in Ceren Orans poetisch-phantasievollem Spiel.

Sag mal. . ., Uraufführung, Do., 11. und Fr., 12. Feb., je 16 Uhr, Einstein Kultur, Einsteinstr. 42, 416 17 37 95

© SZ vom 11.02.2016
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