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Tanztheater:Berührend

Scores Tanztheater

Schöner leben als Wesen aus zwei Körpern: Lucy Wilke und Paweł Duduś.

(Foto: Martina Marini Misterioso)

Lucy Wilke und Paweł Duduś im Schwere Reiter

Alle sollen sich wohlfühlen. Deshalb liegen auf dem Boden und den im Raum verteilten Podesten Kunstfelle und seidige Stoffbahnen aus. Mittendrin sitzt Lucy Wilke in den Armen von Paweł Duduś und lächelt. "Scores that shaped our friendship" ist ihr Abend, den sie mit der Musikerin Kim Ramona Ranalter auf die Bühne des Schwere Reiter bringen. Realisiert wurde er mit der Debütförderung Tanz der Landeshauptstadt München - und ist doch schon so reif.

Die Schauspielerin und Sängerin, die mit der neuromuskulären Störung SMA auf die Welt kam, und der queere Tänzer aus Polen erzählen weniger von Behinderung und Anderssein als von Berührung und Nähe. Lucy braucht sie für jede Bewegung, die sie alleine nicht ausführen kann. Manchmal auch, um sich selbst zu spüren. Im Um-Hilfe-Bitten ist die hübsche junge Frau Meisterin. In Berührung sind sie beide gut: "Touch is a language we both speak very well", sagt Duduś am Ende von "Chapter 1" dieses ganz besonderen Freundschafts-Glossars. In ihm geht es um die gemeinsame Bewegung, die beide zu einer neuen Kreatur zu verschmelzen vermag. Man kann sie wippen und wogen sehen, diese Kreatur. Wenn er sie auf seinen Bauch packt - oder ihren Körper entfaltet und ihre Beine die Kreise beschreiben lässt, von denen sie oft träumt. Manchmal kopiert er ihre Mikrobewegungen und folgt ihren Ansagen. Nie ist sie wirklich passiv. Und nicht alles, was die beiden teilen, ist kuschelig-sanft. Manchmal kippt das Wogen ins Erotische, dann wieder wird Lucy über den Boden geschleift oder ihr Gesicht in einen Strumpf gepackt, mit grellen Farben bemalt und manuell verzerrt. Ein brutales Bild als "tribute to tinder", wo sie immer wieder zu hören bekommt: "Du hast so ein hübsches Gesicht, aber ..."

Der spielerisch-ungezwungene Umgang der beiden lässt derartige Zuschreibungen vollkommen blödsinnig erscheinen. Und weil sie sich generell weniger für Defizite als für ihr gemeinsames Potenzial interessieren, lösen sich auch beim Zuschauer rasch etwaige Beklemmungen auf. Fast wird man neidisch: Einander so zu nehmen und zu lassen, wie man ist, ist doch die schönste aller Utopien. Zu sehen ist das noch Samstag und Sonntag, 20 Uhr.

© SZ vom 15.02.2020
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