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Ballett:Wie sich der Brexit auf die Tanzszene auswirkt

"From England with Love" heißt das neue Tanzstück von Hofesh Shechter. Der gefeierte israelische Choreograf hat seinen Wohnsitz in London. Das dürfte seine internationale Arbeit künftig erschweren.

(Foto: Rahi Rezvani)

Zu bürokratisch, zu kompliziert, zu teuer: Der Brexit wirft eine Menge Hindernisse auf. Befürchtet werden "katastrophale Effekte" auf Tourneebetrieb und die Ensemblekultur.

Von Dorion Weickmann

Ziemlich ironisch, dieser Titel: "From England with Love" heißt die Uraufführung, die der Choreograf Hofesh Shechter für das Nederlands Dans Theater in Den Haag entworfen hat. Live getanzt und in alle Welt gestreamt, zeigte Shechters erste Premiere nach dem Brexit, warum der Israeli mit Wohnsitz London zu den gefragtesten Tanzmachern der Gegenwart zählt. Das Stück versammelt zehn Performer in Schuluniformen, die den tristen Inselzauber nach dem EU-Ausstieg in ein hypnotisches Requiem fassen. Shechters Setting darf durchaus als persönliches Statement gelten, denn Künstler wie ihn aus London, Leeds oder Edinburgh einzufliegen, ist Ende vergangenen Jahres zum pandemieunabhängigen Problem geworden. Der Brexit hat die Freizügigkeit zunichtegemacht - mit gravierenden Folgen auf beiden Seiten des Ärmelkanals. Sowohl die britische als auch die kontinentale Tanzszene ist dabei, die bürokratischen Hindernisse zu vermessen und die Schäden zu kalkulieren.

Die Beschränkung der Bewegungsfreiheit trifft den Tanz genauso hart wie die Musikbranche. Nur ist hier kein Promi wie Simon Rattle in Sicht, der zwar britischer Staatsbürger bleiben will, aber einen deutschen Pass beantragt hat. Was nicht zuletzt daran liegt, dass die meisten Choreografen, die Häuser wie das Nederlands Dans Theater mit Auftragsarbeiten bestücken, auf der Insel eine eigene Kompanie unterhalten und sich absolut nicht vorstellen können, als Brexitflüchtige den Ärmelkanal zu überqueren.

Der Mann mit dem besten Überblick über die Lage ist Alistair Spalding. Der Direktor des Tanzhauses Sadler's Wells in London zählt zu den wichtigsten Playern auf dem globalen Tanzmarkt, sein Theater zu den wegweisenden im internationalen Tanzgeschehen. Spalding setzt programmatisch auf Vielfalt, was sich aktuell in einem dreiteiligen Online-Format widerspiegelt: "Dancing Nation" ist eine Art Schaulauf für fünfzehn Tanzdesigner, die von Hip-Hop über Modern bis Edelklassik sämtliche Spielarten des Zeitgenössischen für die Kamera aufbereitet haben. Noch bis zum 26. Februar lässt sich dieses Best-of auf sadlerswells.com bewundern. Ob ein rauschhaftes "Rouge"-Fieber bei Rambert Dance grassiert, Oona Dohertys brachialpoetisches "Hope Hunt and the Ascension into Lazarus" eine Straßenkulisse erobert oder filigrane Körpergebilde unter dem "Lazuli Sky" des Birmingham Royal Ballet leuchten - wie viele ästhetische Leuchttürme die markt- und markenaffine britische Tanzlandschaft hervorgebracht hat, lässt sich an "Dancing Nation" ablesen.

Szene aus "Lazuli Sky" des Birmingham Royal Ballet. Die Choreografie von Will Tuckett ist Teil der Tanz-Compilation "Dancing Nation" im Digital-Programm des Sadler's Wells.

(Foto: Johan Persson)

Doch die Leuchttürme wanken. Für die Ensembles, die enge Verbindungen zum Sadler's Wells unterhalten, prognostiziert Alistair Spalding "erheblich mehr Bürokratie". Sie müssten nun für jedes EU-Land Visa beantragen. (Auch das Londoner National Theatre hat geplante Tourneen in Europa deswegen vorerst aufgeschoben.) Außerdem, sagt Spalding, werden Arbeitsgenehmigungen erforderlich. "Die Bühnenbilder auf Reisen zu schicken, wird ebenfalls kompliziert. Abgesehen davon kostet der Mehraufwand natürlich eine Menge Geld." Das gilt im Übrigen auch in umgekehrter Richtung. Das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch etwa ist ein gern gesehener und gefeierter Gast in London. Künftig, so fürchtet man im Sadler's Wells, werden auch solche Aufenthalte mit erheblichen finanziellen Mehrbelastungen zu Buche schlagen. Noch hält das Haus an der Rosebery Avenue an seiner Einladungspolitik fest, weil es sich, so Spalding, als Hotspot einer "vibrierenden, diversen und wahrhaft globalen Community" des Tanzes versteht. Aber wenn sie weiter in Großbritannien touren wollen, werden sich auch die Künstler vom Kontinent für einen Abbau der Brexit-Hürden engagieren müssen.

Zahlreiche Tänzer aus der EU sind in englischen Kompanien unter Vertrag

Die Restriktionen gefährden allerdings nicht nur den Tourneebetrieb, sie treffen auch die britische Ensemblekultur ins Mark. Zahlreiche nunmehr aufenthalts- und arbeitsgenehmigungspflichtige Tänzer aus der EU sind in England unter Vertrag, beispielsweise in der Company von Akram Khan. Der Choreograf, der "Dancing Nation" mit einem intimen Format an der Seite der Starballerina Natalia Osipova bereichert, unterhält bisher enge Beziehungen zum Festland und war mit seinen preisgekrönten Produktionen überall unterwegs. Sein Manager Farooq Chaudhry erklärt: "Mehr als ein Drittel unserer Leute kommt aus Europa, und dort spielen wir auch die Hälfte unserer Auslandseinnahmen ein. Beides droht wegzubrechen, und damit ist die Kompanie in Gefahr. Wir müssen befürchten, dass europäische Veranstalter darüber nachdenken, ob es nicht zu kompliziert und zu teuer wird, uns einzuladen." Chaudhry prophezeit "katastrophale Effekte" für die gesamte Szene, falls es nicht gelingt, Nachbesserungen auszuhandeln.

Kleinere Einheiten wie das nordirische Kollektiv von Oona Doherty sind vergleichsweise flexibel und damit besser dran. Doherty überlegt, ob sie sich ein zweites Standbein in Dublin zulegen soll, um den Fuß in der EU-Tür zu behalten. "Fürs Erste", meint die außergewöhnlich talentierte Nachwuchschoreografin, "hoffen wir einfach, wieder tanzen zu können." Sicher ist: Wenn Corona endet, beginnt der Brexit-Jammer. Noch ist Zeit, den Politikern auf die Füße zu treten.

© SZ/c.d.
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