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Tanzfilm:Choreografie des Bewegtseins

Mit "Carmen" entfachte der spanische Regisseur Carlos Saura einst ein weltweites Flamenco-Fieber, seine neues Werk "Argentina" setzt diese Mission fort.

Ein Studio-Ambiente, das auf elementare Dinge reduziert ist: Bühne, Licht, Projektionswände. Bezeichnend für die Suche nach Klarheit der Form und Reinheit der Emotion, um die es Carlos Saura geht. In "Argentina" entfaltet er ein Kaleidoskop argentinischer Folklore, das nicht nur Eingeweihte lateinamerikanischer Musik- und Tanzkultur zu begeistern vermag. Dabei stellt er eine Hommage an die Mercedes Sosa (1935-2009), die legendäre Stimme Südamerikas, ins Zentrum eines bunt gefächerten Programms.

Fotos und Archivaufnahmen der unvergesslichen Sängerin sind auf den Projektionsflächen im Hintergrund der Bühne zu sehen, ihr "Todo cambio"-Lied erklingt, eine Schulklasse lauscht. Saura platziert die Schüler auf die Bühne und zeigt, wie sich jedes Kind auf seine Weise in das Lied einschwingt - bis die Klasse allmählich beim Refrain zu einer gemeinsamen Choreografie des Bewegtseins findet. "Cambio, todo cambio", alles verändert sich, immer wieder, das Leben als kreiselnder Tanz im ewigen Wandel glücklicher und schmerzlicher Momente.

Filmszene aus Argentina

Das Studio-Ambiente reduziert Carlos Saura auf elementare Klarheit - gerade darin findet er in "Argentina" die Reinheit der Emotion.

(Foto: Concorde Film)

So sucht Saura bei jeder Musik- und Tanznummer nach den Augenblicken, in denen die Emotion zündet und erstrahlt: "Vom himmlischen Glanz umgeben bin ich, der Sänger". Nach eigenen Vorlieben hat der 84-jährige Spanier aus der Schatztruhe der argentinischen Folklore und aus der Galerie ihrer namhaftesten Interpreten ausgewählt. Zugleich folgt seine Wahl noch einer anderen Logik: Die verschiedenen Stücke deuten eine regionale und geschichtliche Karte des Landes an, in ihren Genres spiegeln sich die aufeinanderfolgenden Wellen der Einwanderung.

Leidenschaft und Poesie sind die beiden Pole, die Carlos Sauras Œuvre bestimmen

Der Malambo etwa stammt aus der südlichen Pampa und lässt afrikanische Einflüsse erkennen, die Copla gründet sich auf spanische Spielleute, und der an der Küste beheimatete Chamamé wurde von polnischen, deutschen und ukrainischen Einwanderern geprägt. Musikalische und tänzerische Alchemie der Kulturen, Tradition und moderne Neuinterpretation.

Das wird nicht mit breiten didaktischen Erklärungen dargelegt, nur in Zwischentiteln kurz angedeutet und kann aus den Stücken herausgehört werden: aus der Art, wie die Percussionisten ihre Trommeln und Pauken schlagen, wie Gitarrist und Sänger ihr "Ich bin die Gitarre, die vom Mond träumt" anstimmen. Leidenschaft und Poesie sind die beiden Pole, die Sauras Œuvre bestimmen. Die Leidenschaft soll eine poetische, virtuos und präzise exekutierte Form finden. Schon früh zeigte sich sein Interesse an Tanz und Musik. Als Student war er Hausfotograf eines Madrider Flamenco-Clubs. Schwankend zwischen Fotografie und Filmemachen entschied er sich für letzteres und avancierte in der Franco-Ära zum Vorkämpfer des oppositionellen Neuen Spanischen Kinos. Nach dem Tod des Diktators trat Saura mit seinen Tanzfilmen mächtig hervor, seine Flamenco-Version des "Carmen"-Stoffes entzündete 1983 ein weltweites Flamenco-Fieber. Aus der Fülle seiner Erfahrungen schöpfend und mit der Gelassenheit des Alters drehte er später Musik- und Tanzfilme, die auf erzählerische Linien verzichten, enzyklopädischen Duktus haben und vorsätzlich das artifizielle Studio-Ambiente suchen, geprägt von dem Willen, traditionelle Folkloreformen zu entstauben und als virtuose Kunstformen darzubieten. Derart entstanden "Flamenco", "Sevillanas" und "Tango". In die Reihe dieser Arbeiten fügt sich auch "Argentina" wunderbar ein, wo sich Saura einmal mehr als Zauberer atmosphärischer Inszenierung zeigt und in minimalistischen Arrangements die Intimität einer Kneipe, den Rausch einer Karnevalsfeier oder die herzergreifende Erinnerung an Mercedes Sosa beschwört.

Zonda - Folclore Argentino, ARG/F 2015 - Konzept und Regie: Carlos Saura. Kamera: Félix Monti. Interpreten: Pedro Aznar, Luis Salinas, Soledad Pastorutti, Jairo, Tanzensemble Nuevo Arte Nativo. Concorde, 88 Min.

© SZ vom 11.07.2016
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