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Missstände an Tanzhochschulen:Eine Drillpraxis wie aus dem 19. Jahrhundert

Wien

Die Wiener Staatsoper am Opernring, in der auch die Ballettakademie beheimatet ist. An dem Elite-Institut herrschte ein toxisches Leitungs-, Struktur- und Organisationschaos.

(Foto: dpa)

Der Abschlussbericht zu den Missständen an der Wiener Ballettakademie ist niederschmetternd und zeigt: ein ganzes System muss sich neu aufstellen. Und zwar dringend.

Aurélie Dupont, Ballettdirektorin und Ex-Primaballerina der Pariser Oper, hat ihre Ausbildung in schrecklicher Erinnerung. Es war, wie sie unlängst erzählte, "ein Tal der Tränen, das man mit zusammengebissenen Zähnen und blutigen Zehen überstand". Dupont ist kein Einzelfall. Natürlich gibt es im Profibereich Lehrer, die ihren Schützlingen das Richtige abfordern: Achtsamkeit, Fantasie, Disziplin, Hingabe, Intelligenz. Aber für die Tanzakademien arbeiten auch Drillspezialisten, die von Pädagogik keinen Schimmer haben und mit Demütigungen aller Art den Unterricht für ihre Schüler zur Qual machen. Geschützt, gestützt und geduldet werden solche Zwangs- und Kontrollregime von Erwachsenen: von Vorgesetzten, Kollegen, bisweilen auch Eltern.

Das klingt nach 19. Jahrhundert? Bis vor Kurzem war es gängige Praxis, und zwar an der Wiener Ballettakademie. So steht es im Abschlussbericht der Sonderkommission, die mit der Aufarbeitung der im April aufgeflogenen Missstände betraut war (SZ vom 18. Dezember). Die Bilanz ist niederschmetternd: An dem Elite-Institut herrschte ein toxisches Leitungs-, Struktur- und Organisationschaos, das Verantwortung zur papiernen Größe schrumpfen ließ. Niemand griff ein, wenn Eleven gezüchtigt, beleidigt, beschämt wurden.

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Inzwischen hat es für die zuständigen Hierarchen erste Konsequenzen gegeben: Simona Noja ist von der Position als geschäftsführende Direktorin der Ballettakademie abberufen worden, der bisherige Künstlerische Leiter Manuel Legris ist nur noch für das Staatsballett zuständig. Die künstlerische Leitung der Wiener Ballettakademie übernimmt vorerst Staatsoperndirektor Dominique Meyer

Lange galten an den Balettakademien Kasernenhofton und Rohrstöckchen als probate Vorbereitung auf ein Dasein im Corps de ballet. Inzwischen ist klar: Bühnentanz ist Kunst und Hochleistungssport zugleich. Wer frühzeitigen Totalverschleiß vermeiden will, kommt mit der Peitsche nicht weit. Was theoretisch einleuchtet, findet im Alltag viel zu wenig Beachtung. Welche staatlich subventionierte Akademie hierzulande beschäftigt fest angestellte Psychologen, Physiotherapeuten, Gesundheits- und Ernährungsberater für ihre junge Klientel? Nach welchen Kriterien werden Professoren und Betreuer rekrutiert, wer interveniert im Krisenfall? Gibt es die Pflicht zu Weiterbildung und Supervision? Wie viel Ein- und Durchblick haben Aufsichtsbehörden und wie viel Ahnung von der Materie?

Fragen über Fragen, die beantwortet werden müssen. Mehr Transparenz, mehr Offenheit nach innen und außen ist das, was man von den Ausbildungsstätten verlangen muss. Schließlich geht es um Kinder, Heranwachsende und junge Menschen, um Körper und Kunst. Das ist so oder so empfindliches Terrain, und wer nicht sorgsam damit umgeht, riskiert enorme Schäden. Im Februar treffen sich die deutschen Tanzakademien zur 7. Ausbildungs-Biennale in Hamburg. Sie sollten selbstkritisch beraten, wie man zu Exzellenz befähigt: künstlerisch, handwerklich, menschlich.

In Wien rückt demnächst Düsseldorfs Ballettdirektor Martin Schläpfer an die Spitze des Staatsballetts und der angegliederten Akademie. Er wird einen radikalen Schnitt machen und das ganze System neu aufstellen müssen. Es darf kein Tropfen Gift darin zurückbleiben.

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