Tanz:Als das Kind Kind war

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Tanztheater  "Himmel über Berlin" in Straßburg

Wenn der Engel Mensch werden will: Damiel (Marwik Schmitt) erblickt in "Les Ailes du désir" die Trapezkünstlerin Mrion (Julia Weiss)

(Foto: Agathe Poupeney)

Bruno Bouché choreografiert Wim Wenders' "Himmel über Berlin" mit dem Ballet du Rhin als Seelenlandschaft

Von Dorion Weickmann

Auf der Balustrade im vierten Rang der Straßburger Rhein-Oper steht ein Mann - gefährlich weit oben. Er schaut ins Parkett hinunter und fängt den Blick eines Kindes auf. Mit einem Lächeln auf den Lippen dreht sich das Mädchen mitten im Publikum. Neugier und Lust auf das Abenteuer namens Leben blitzen aus seinen Augen. Keine sechzig Sekunden, dann versinkt der Saal im Dunkeln. Der Mann steigt hinab auf die Bühne, so wie sich die Schauspieler Bruno Ganz und Otto Sanders vor mehr als dreißig Jahren von den Schultern des Goldengels auf der Siegessäule gleiten ließen - als seraphische Botschafter aus dem "Himmel über Berlin". Regisseur Wim Wenders hat ihn 1987 in expressivem Schwarz-Weiß gedreht, zum Ende hin dann allerdings etwas zu knallbunt koloriert. Weil sich der Engel Damiel alias Bruno Ganz in die Trapezkünstlerin Marion verliebte und endlich ein Mensch sein wollte. Ein Sterblicher unter Sterblichen, ein Wesen mit Kopf und Körper. Das ist die zündende Idee für Bruno Bouchés choreografische Adaption des Leinwandmärchens. Doch die Materialisierung des Überirdischen erweist sich auch als Sollbruchstelle der Inszenierung. Bouchés "Les Ailes du Désir" sind zwar berückend gestaltet, aber verfehlen das, was den Menschen zum Menschen macht: Begehren, Verlangen, Obsession.

Dabei neigt der 43-jährige Choreograf durchaus unhandlichen Stoffen zu und hat ein Talent dafür, sie in feine Tanzgespinste zu verwandeln. An der Pariser Oper ausgebildet, kennt er die Tradition aus dem Effeff und nennt als wichtigste Impulsgeber europäische Tanzerneuerer von William Forsythe über Jirí Kylián bis Uwe Scholz - eine Genealogie, die nicht umsonst nach Stuttgart führt, wo alle drei tätig waren. Das Ideal einer universell aufgestellten und dabei zeitgenössisch orientierten Truppe markiert auch Bouchés Philosophie für das dreißigköpfige Ballet du Rhin, das er seit 2017 leitet. Die Kompanie firmiert als einziges Centre chorégraphique national, das einem großen Opernhaus angehört - ein fortschrittverheißendes Alleinstellungsmerkmal in der vielfältigen Tanztopografie Frankreichs. Man spielt in Straßburg, Colmar und Mulhouse, pflegt Gegenwartsrepertoire auf klassischem Fundament, engagiert internationale Choreografen von Israel bis Kanada - und kultiviert offenbar ein Binnenklima, das andernorts verkümmerte Tanzgeschöpfe aufblühen lässt.

"Alle Seelen waren eins" - Handkes Satz dient hier als Leitmotiv

Auf dem Besetzungszettel von "Les Ailes du Désir" fallen zwei Namen ins Auge, die einem bereits in Deutschland untergekommen sind. Chloé Lopes Gomes, die vor einem Jahr mit Rassismusvorwürfen gegen das Berliner Staatsballett für Schlagzeilen sorgte und das Bewusstsein für rückwärtsgewandte Traditionsideologien schärfte, ist neuerdings beim Ballet du Rhin unter Vertrag: als Ensemblemitglied, das an Bruno Bouchés Tanzhimmel vielversprechend glitzert. Im Zenit erstrahlt dort Julia Weiss, Ex-Dresdener Ballerina, deren Auftritte an der Semperoper eher hölzern als harmonisch wirkten. Jetzt glänzt sie im Zentrum der Aufführung als geschmeidige Zirkusartistin Marion und beweist, dass Bruno Bouché sich offenbar hervorragend darauf versteht, seinen Tänzern Karrieresprungbretter zu bauen.

Seine "Himmel über Berlin"-Version kommt nach dem kurzen Parkettprolog denn auch schnell in Schwung: mit zwei Tutti-Szenen, die Engels- und Alltagswelt gegeneinandersetzen. In der kosmischen Bibliothek blättert Homer - Pierre Doncq als Widergänger des legendären Curt Bois bei Wenders - durch imaginäre Bücher, umgeben von melancholischen Engeln. Folgt der Schnitt auf eine x-beliebige Straße, die in schönster Handke-Manier lauter Ego-Passanten kreuzen und queren - Leute, die nichts voneinander wissen und kaum Berührung wagen. Thibaut Welchlin hat sie poppig eingekleidet, Steve Reich liefert den minimalistischen Sound und Bruno Bouché ein kurzweiliges Tableau des menschlichen Metropolenverkehrs. Derweil schlägt Engel Damiel aka Marwik Schmitt im Zirkus auf und irrlichtert hinter Marion her, wobei die Anziehungskraft eher übersinnlichen als sinnlichen Energien zu entspringen scheint. In jedem Fall bleibt die Metamorphose des Engels unterhalb der Wahrnehmungsschwelle, weil Bouché zwar elegant auftanzen lässt, aber das Geschehen ohne große Zäsuren dahinfließt.

Wo Wenders sich mit der Filmfortsetzung "In weiter Ferne, so nah!" verhob, hat sich der Choreograf einen schlüssigen zweiten Akt einfallen lassen: eine Feier des Tanzes, der Körper und schließlich auch des Eros. Ein Mann in Weiß, ein Mann in Schwarz umarmen einander, bis sie wie Yin und Yang verschmelzen. "Als das Kind Kind war", notierte Peter Handke 1986 als Vorlage für den Film, war "alles ihm beseelt und alle Seelen waren eins". Es ist dieser Satz, der Bruno Bouchés Choreografie insgeheim als Leitmotiv dient. "Les Ailes du Désir" bildet keine Liebes-, sondern Seelenlandschaften ab - mithilfe bewegter Körper-Architekturen von großer Schönheit.

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