Virtual Reality im Tanz:Stahlharte Moves

Virtual Reality im Tanz: "Jetzt wollen wir tanzen mechanik", hieß das im Kraftwerk-Song "Die Roboter": Die Performance "kinesphere" in Augsburg

"Jetzt wollen wir tanzen mechanik", hieß das im Kraftwerk-Song "Die Roboter": Die Performance "kinesphere" in Augsburg

(Foto: Jan-Pieter Fuhr/Jan-Pieter Fuhr)

Das Staatstheater Augsburg huldigt mit der Choreografie "kinesphere" dem Automatentanz, zu sehen mit VR-Brille. Roboter im Ballett gibt es aber schon länger.

Von Dorion Weickmann

Normalerweise kommt dieser unheimliche Typ anderswo zum Einsatz. An den Fertigungsstraßen der Automobilindustrie zum Beispiel, wo er schweißt, greift, schraubt und stemmt. Allerdings nie alleine, sondern im Verbund mit baugleichen Kollegen, die hintereinander weg eine Karosserie nach der anderen montieren. Jetzt thront der Roboter mutterseelenallein auf einem Podest im denkmalgeschützten Nebengebäude des Augsburger Gaswerks: eine Tonne schwer, knallorange, mit fast sechs Metern Aktionsradius und digitalen "Motion Modes" ausgerüstet. Deshalb lässt sich seine "Performance an diverse Prozesse oder Teilschritte anpassen". So bewirbt der Maschinenbauer Kuka das elektronisch gesteuerte Multitalent aus der Modellreihe KR Iontec, das Ricardo Fernando, Ballettchef des Staatstheaters Augsburg, in seine neueste Choreografie "kinesphere" eingebaut hat. Die kommt als Aufzeichnung per Postpaket ins Haus. Inhalt: VR-Brille, Gebrauchsanweisung und Retourenschein. Fehlt nur noch der Drehstuhl, um die immersive Aufzeichnung schwindelfrei zu begutachten.

Melancholischer E-Sound, dann Blick auf den stählernen Tänzer: Im Profil hockt der Knickarmroboter auf seinem Unterbau - ein graziles Gerät mit einer Handvoll Gelenken. Es gleicht einem Schwan ohne Torso: langer biegsamer Hals, kleiner Kopf, schwarzer Schnabel. Schon schnurrt der Apparat in die Lotrechte, dreht horizontal um die Mittelachse und markiert mit ein paar gelenkigen Variationen die coolen Moves, die er so draufhat. Auf die klassische Vorstellung des Helden folgt der Auftritt der Nebenfiguren, also der echten Tänzer, die laut Begleitzettel eine postapokalyptische Vision illustrieren. Demnach irrt eine Wissenschaftlerin umher und trifft dabei auf den letzten Vertreter der Kuka-Spezies, woraus sich zuletzt ein Tête-à-tête in Form eines Mensch-Maschine-Duetts ergibt. Doch bis dahin muss das übrige Tanzkollektiv sämtliche Geschosse des Drehorts bespielen. Was auf viel Gerenne, spärliche Gestik und eine Art Aufwärmgymnastik hinausläuft.

Starke Bilder entstehen, sobald Tänzer und Roboter die Kräfte messen. So wenn der Performer-Pulk den Kunstkerl wie einen Balken vor sich herschiebt oder umgekehrt von ihm gefällt wird, einer besiegten Kriegerkohorte gleich. Diese Szene erinnert sofort an die Ikonografie eines anderen Tanzabends, an Boris Charmatz' "Enfant", der 2011 eine gigantische Seilwinde auf die Bühne platzierte, die das menschliche Dasein zu dirigieren schien.

Bislang brauchen die Automaten im Tanz immer noch ein lebendiges Gegenüber

Tanzende Automaten und automatischer Tanz sind freilich keine Erfindung der Moderne: Seit Jacques de Vaucanson das 18. Jahrhundert mit mechanischen Enten, Flötisten und Trommlern beglückte, gilt als gesichert, dass Bewegung nicht an vitale Körper gebunden ist. Der Tanz experimentiert schon lange mit KI-Gesellen, etwa in Gestalt der Nao-Miniroboter, die gemeinsam mit Tänzern aus Fleisch und Blut Choreografien von Blanca Li oder Eric Minh Cuong Castaing bevölkerten. Im Kern kreisen solche Versuchsanordnungen immer um das gleiche Thema: Wie lernfähig ist das prozessorgesteuerte Wesen? Kann es Gefühle beantworten, interagieren und kommunizieren, gar eigenständige Denkoperationen ausführen? Die Erfahrungen sind eher ernüchternd. Bislang steht und fällt alles mit den Ausdrucksqualitäten des lebendigen Gegenübers - auch in der Augsburger "kinesphere".

Schutzlos steht die Ballerina vor dem Kuka-Kameraden, angespannt bangt sie der Berührung durch das stachelförmige Kopfwerkzeug entgegen. Wider Erwarten verläuft die Annäherung sanft und vorsichtig. Organische und anorganische Materie scheinen auf einer Wellenlänge zu schwingen. Zärtlich streichelt die Frau die Metallmembran, vertrauensvoll schmiegt sie sich ans glatte Gehäuse und lässt sich zuletzt in der Beuge nieder, im Ellenbogen-Knick der Maschine. Der Pas de deux, den die Tänzerin Gabriela Zorzete Finardi und der Choreograf Ricardo Fernando gemeinsam mit dem Programmierer Markus Schubert gestaltet haben, ist das Highlight von "kinesphere". Schuberts Knowhow verdankt sich die butterweiche Motorik des Roboters und damit auch die Glaubwürdigkeit des halb akrobatischen Rendezvous.

Virtual Reality im Tanz: Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett".

Oskar Schlemmers "Triadisches Ballett".

(Foto: All mauritius images/ Peter Horree)

Natürlich ist der Flirt nichts anderes als romantische Illusion. Aber auch hybride Magie hat im Tanz Tradition, spätestens seit 1870 Arthur Saint-Léons "Coppélia" das Licht der Welt erblickte: Eine lebensgroße Puppe, in die sich ein junger Bursch verguckt, blind für die automatenhafte Bewegung der Angebeteten. Die Vorlage lieferte E.T.A Hoffmanns "Der Sandmann", der 2006 noch einmal für Christian Spucks gleichnamiges Ballett Pate stand. Von den Homunculi oder Humanoiden à la "Nussknacker" über die Abstraktion des "Triadischen Balletts" bis hin zu den Androiden, die choreografische Trendsetter wie Sharon Eyal oder Douglas Lee heute auf die Tanzbühne zaubern, reicht die Ahnengalerie von KR Iontec in "kinesphere". Die Kunstgeschöpfe sind ideale Projektionsflächen, gesellschaftliche Spiegelinstanzen und psychosoziale Reflektoren, denen sich jede erdenkliche Eigenschaft oder Befindlichkeit anheften lässt. Gerade so ergeht es dem Kuka-Solisten, dessen Einsamkeit weder das Drehbuch noch die Choreografie herstellen können, sondern einzig und allein das Auge des Betrachters.

Was also ist neu an "kinesphere"? Die VR-Raffinesse von Richard Siegals Bauhaus-Hommage "Das Totale Tanz Theater" war größer, Peter Leungs "Night Fall" beim Niederländischen Nationalballett tanzästhetisch ergiebiger. Aber noch kein Ensemble hat einen Industrieroboter angeheuert. Insofern liefert die Augsburger Premiere einen interessanten Ballett-Prototyp.

© SZ/sus
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SZ PlusTänzer Eric Gauthier
:Lässt nicht locker

Eric Gauthier ist Tänzer, Choreograf, Chef einer Truppe, die den Stuttgarter Ballettzauber neu belebt und nicht zuletzt: Animationstalent.

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