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Tanz im Museum:Aufbruch nach Modernistan

Die Berliner Akademie der Künste präsentiert die Tanzrevolutionäre des 20. Jahrhunderts in einer ambitionierten und den Besucher heraus­fordernden Schau.

Blitzeblau strahlt der Himmel über dem Tempelhofer Feld, der Sonnenschein lässt die Asphaltbahnen glitzern. Die Tänzerin, die darauf ihre Runden dreht, scheint nichts davon zu kümmern. Zwanzig Minuten lang zirkelt sie Schleifen auf den Boden, in vollkommener Harmonie mit sich selbst. Diese Frau, soviel ist klar, tanzt für sich allein, in ihrem eigenen Universum - obwohl Hunderte Menschen ihr zusehen. Sie lauscht dem eigenen Atem, treibt die Hüften in Halbkreisen vorwärts und schlenzt die Arme in den Klangraum hinein, den Steve Reichs minimalistische "Violin Phase" aufreißt. Es ist ein magischer Moment, und ein historischer dazu. Ereignet hat er sich 2017, als die belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker in Berlin einen Ausschnitt aus ihrem Frühwerk "Fase" (1982) unter freiem Himmel noch einmal selbst verkörperte: mit einer Reife und Selbstverständlichkeit, die nichts von Wirkung wissen will. Und deshalb ein auratisches Kunstwerk hervorbringt.

Mary Wigmans „Totentanz II“ von 1926 wurde 2017 am Theater Osnabrück reanimiert. Das kurze Tanzstück der Pionierin des Ausdruckstanzes inspirierte etliche Künstler, darunter Ernst Ludwig Kirchner.

(Foto: joerg landsberg)

Zeitsprung, gleiches Stück, Ortswechsel von Tempelhof nach Tiergarten: Im August 2019 entert eine junge Tänzerin die Bühne der Akademie der Künste (AdK). Sie setzt die Schritte entschieden, präzise, mit leicht ungestümem Elan. Was "Fase" in druckvollere, weniger abgeklärte Schwingung bringt und mit scharfen Ausschlägen versieht. Soa Ratsifandrihana hat das Solo von Anne Teresa De Keersmaeker anvertraut bekommen. Ihr Auftritt im Rahmen des AdK-Festivals "Was der Körper erinnert" liefert ein großartiges Beispiel dafür, wie Weitergabe im Tanz funktioniert: Nicht als Kopie eines Originals, sondern als Inbesitznahme eines fremden Bewegungsprofils, das an neu- und andersartige Energien gekoppelt wird.

Eine Szene aus Anne Teresa De Keersmaekers Jugendwerk „Fase“ von 1982, in der eine Frau 20 Minuten ganz allein für sich tanzt. Jean-Luc Tange

(Foto: Jean-Luc Tange)

Werktreue im strengen Sinn ist demnach im Tanz eine Illusion. Das gilt umso mehr für die Zeitspanne, die nun von der AdK im Verbund mit den Tanzarchiven in Köln, Leipzig und Bremen beleuchtet wird. Gemeinsam hat man eine Ausstellung über die Auf-, Aus- und Umbrüche bestückt, die sich leitmotivisch durch die Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts ziehen. Was es mit einzelnen Fortschrittskapiteln auf sich hat, thematisieren Gespräche und Aufführungen, für die hauptsächlich der Tanzfonds Erbe verantwortlich zeichnet. Die Initiative der Bundeskulturstiftung hat in den letzten acht Jahren an die 60 Inszenierungen ermöglicht, viele davon Rekonstruktionen verlorener, weil nie ins Repertoire eingegangener und trotzdem wegweisender Werke.

Eine choreografische Skizze von Mary Wigman zu Igor Strawinskys " Le sacre du printemps".

(Foto: Katalog)

Das Revival ist im Akademie-Gebäude am Hanseatenweg geradezu ideal untergebracht, fand hier doch der Anschluss des Nachkriegswestens an die internationale Avantgarde statt. Nele Hertling und Dirk Scheper holten ab den Siebzigerjahren die seinerzeit kreativsten Köpfe und ihre Kompanien nach Berlin - eine legendäre Ära, die das bis 21. September laufende Festival demnächst wiederbelebt.

Optisch bereitet dieses Setting großes Vergnügen, weil es den Betrachter mit sinnlichen Reizen überflutet.

Wie aber lässt sich Tanzgeschichte in Artefakten und toten Objekten, in statischem Museumsmaterial verdichten? Das Kuratorenteam um Johannes Odenthal hat sich für eine puristische Variante entschieden. Abertausende Archivalien und Zeugnisse künstlerischen Schaffens wurden gesichtet, um schließlich die Tanzwelt des 20. Jahrhunderts in 75 Exponaten abzubilden. Sie stammen ausschließlich von der historischen Prominenz, angefangen bei Isadora Duncan, deren Jahrhundertwendeschrift zum "Tanz der Zukunft" vom dunklen Grund der ersten Vitrine leuchtet, bis hin zur Tanztheatermatadorin Susanne Linke. In kerzengerader Linie reihen sich die Glaskästen im Obergeschoss der Akademie, dahinter laufen Fotoserien und Filme, die vom Revue-Star Josephine Baker über Steve Paxtons monolithische "Goldberg"-Variationen bis zu Ohad Naharins "Virus" den Bogen über 80 Jahre spannen.

Optisch bereitet dieses Setting großes Vergnügen, weil es die Opulenz der Tanzmoderne stilvoll bebildert und den Betrachter mit sinnlichen Reizen überflutet. Immerhin hat kaum eine andere Kunst so viele Häutungen durchlaufen und dabei ein Spektrum ausgebildet, in dem figurativ und abstrakt, formstreng und normfrei, narrativ und experimentell bestens koexistieren.

Wer allerdings unbeleckt in die Präsentation spaziert, hat wenig Chance, Zusammenhänge zu kapieren, geschweige denn soziokulturelle Vernetzungen herzustellen. Warum liegt da ein Laissez-passer für die Olympischen Spiele von 1936? Wie sieht die Genealogie der Moderne aus? Wer hat bei wem gelernt, getanzt, unterrichtet? Wieso ist Pina Bausch auf der Schaustrecke nicht vertreten? Und wie steht es überhaupt um das deutsche Tanztheater gestern, heute und morgen? Die dreißigseitige Begleitbroschüre hilft da so wenig weiter wie der gut 300-seitige Reader, der mit Choreografenporträts und einer Handvoll Essays aufwartet. Statt Kenntnis zu vermitteln, wird sie hier vorausgesetzt - und damit Exklusion und Selbstbezüglichkeit praktiziert.

Auch im Tanz gabe es eine Ingeborg Bachmann. Dore Hoyer war eine Frau, deren radikaler Kunsttrieb zur Teufelsfalle wurde

Wie es besser geht, zeigt übrigens die bis Januar 2020 laufende Schau des Wiener Theatermuseums "Alles tanzt! Kosmos Wiener Tanzmoderne", deren vorzüglicher Katalog ein zeitgeschichtliches Panorama entwirft und seinen Gegenstand von allen Seiten zugänglich macht. Genau wie der Tanzfonds Erbe, der seine Netzrepräsentanz zu einer Informationsplattform ausgebaut hat, auf der Zeitzeugeninterviews, Dokumentationen und Aufzeichnungen geförderter Projekte zu finden sind. Damit ist die historische Tanzlandschaft zwar noch längst nicht flächendeckend kartografiert. Aber es zeichnet sich ab, welche Schätze bis heute Inspirationen liefern, obwohl sie bisweilen nur in Skizzen, Notizen und einer Handvoll Fotos überlebt haben. Was Künstlerinnen von Mary Wigman bis Gerhard Bohner, von den ersten bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts auf die Beine stellten, ebnete den Weg nach Modernistan - wie es Ernst Ludwig Kirchner oder Gerhard Richter für die bildende Kunst, Robert Musil oder Ingeborg Bachmann für die Literatur geleistet haben.

Auch im Tanz gab es eine Ingeborg Bachmann. Sie hieß Dore Hoyer. Eine Frau, deren radikaler Kunsttrieb zur Todesfalle wurde: Am Silvesterabend 1967 setzte Hoyer ihrem Leben ein Ende, weil sie mit 57 Jahren und einem kaputten Knie - die AdK zeigt die Röntgenaufnahme - den eigenen Bühnentod vor sich sah. Ihr fünfteiliges Signatursolo "Afectos Humanos" war glücklicherweise vom Fernsehen aufgezeichnet worden. In Berlin haben drei Tänzer - Mann, Frau und Transgender - ihre eigene Lesart von "Eitelkeit, Begierde, Hass, Angst, Liebe" vorgestellt. Keine gleicht der anderen, jede ist auf ihre Weise berückend. Nils Freyer gelingt eine expressive Anverwandlung, Renate Graziadei tanzt mit der feministischen Erfahrung im Rücken und Pol Pi tranchiert Hoyers Körperkomposition mit dem Performance-Skalpell unserer Tage. Eindrucksvoller lässt sich die Frage nach Aktualität und Bedeutung des Tanzerbes nicht beantworten. Insofern ist jetzt die Politik am Zug, auf die Anregung der Festivalinitiatoren zu reagieren: Literaturarchiv in Marbach, Filmmuseum in Berlin - hat der Tanz nicht längst eine nationale Institution dieser Größenordnung verdient?