Tanz Im Fadenkreuz der Götter

Körper in Hochspannung, Kostüme aus dem 3-D-Drucker: Sasha Waltz' neue Choreografie "Kreatur" im Berliner Radialsystem ist ein Spiegelbild des Anthropozäns - und künstlerisch ein großer Wurf.

Von Dorion Weickmann

Selten ist eine Uraufführung im Vorfeld mit so viel Skepsis beäugt worden, ebenso selten hing vom Ausgang so viel ab. Hätte Sasha Waltz diese "Kreatur" versiebt, wäre die erbitterte Diskussion um ihre Berufung zur Co-Intendantin des Berliner Staatsballetts erneut entbrannt: Eine zeitgenössische Choreografin als Chefin einer edelklassischen Formation, ist das nicht eine Fehlbesetzung? Doch "Kreatur" taugt kaum als Munition für die Waltz-Opposition. Das im Berliner Radialsystem präsentierte Stück wurzelt zwar nicht im Beritt der Ballettorthodoxie. Aber es ist körperästhetisch wie konzeptionell messerscharf gezeichnet und wird von einem Ensemble getanzt, das sich aufs Äußerste exponiert. Vom ersten Augenblick an steht die Choreografie unter Hochspannung und erzeugt Szenen, die historische Zitate und offene Figurationen nahtlos ineinander blenden.

Die Tracks von Soundwalk Collective halten den Kreislauf von "Kreatur" mit Techno, Bienen-Gesumm und Tschaikowsky-Partikeln stabil. Für Adrenalin produzierende Ausschläge sorgen die Kleiderkunstwerke der niederländischen Modedesignerin Iris van Herpen: keine Kostüme, sondern Mit- und Gegenspieler der Tänzer, anorganische Parasiten und Co-Protagonisten eines neuen "Triadischen Balletts". Denn "Kreatur" verlängert Oskar Schlemmers avantgardistischen Ansatz ins 21. Jahrhundert: Die Verpackung des Körpers in Wolkengebilde aus haarfeinem Draht, in Hologramm-Folie oder per 3-D-Druck produzierte Zweiteiler erzwingt das Ausscheren aus jeder Art von Bewegungsroutine und prägt die Erscheinung der 14 Akteure.

Zunächst stoßen Wesen wie akkurat gestutzte, mobile Barockpflanzen ins schwarze Nichts der Bühne vor. Menschliche Leiber stecken in zart verzweigten, tausendfach verästelten Draht-Kokons, aus denen sich jeder einzeln befreien muss. Um sodann unter reflektierende Folie zu schlüpfen und einzutauchen in das, was der Psychoanalytiker Jacques Lacan als "Spiegelstadium" bezeichnet hat: die Phase der Ich-Erkenntnis. Kaum Ego-firm, reihen sich die vielen Ichs zum Kollektiv einer Art Urhorde. Der prähistorische Stamm prescht durch den Raum, als seien ihm Feinde auf den Fersen. Als stünde er im Fadenkreuz der Götter, die Ungemach über ihn bringen werden.

Tatsächlich tut sich schlagartig ein Abgrund auf, aber allein im Kopf des Betrachters. Urplötzlich springt die Inszenierung über Zehntausende von Jahren hinweg und ruft ein ganz reales Schreckensszenario auf - einen Anblick, den alle gesehen und nicht vergessen haben. Peggy Grelat-Dupont, deren rothaarige Mähne wie ein Ausrufezeichen unter lauter blonden und brünetten Haarschöpfen heraussticht, setzt den ersten Schritt auf die weiße Treppe, einzige Architektur im Bühnengeviert. Sieben Stufen, dann steht sie oben, auf einem vielleicht zwei Meter langen und kaum drei Handspannen breiten Absatz, hinter dem eine Wand emporragt. Zögernd folgen die anderen, schließlich drängen sich alle auf dem winzigen Vorsprung. Wo kein Platz ist für so viele Menschen. Die ersten werden zur Seite gedrängt, stürzen fast ab, suchen Rettung, indem sie sich an der Mauer hochziehen. Bilder, die an die Loveparade 2010 in Duisburg erinnern. Bilder, die klar machen: Es braucht keine Götter, um den Untergang heraufzubeschwören. Die Selbstvernichtung gehört zur Matrix des Menschengeschlechts, genau wie der gegenläufige Instinkt, die eigene Haut zu retten.

Eine weitere Lektion zur genetischen Ausstattung der Gattung geben Grelat-Dupont und Clémentine Deluy im Duett: Die eine wird von der anderen terrorisiert - Sadomasochismus pur. Mit maliziöser Lässigkeit kleidet Waltz diesen Akt der Erniedrigung in eine Karikatur der akademischen Tanzausbildung: "Danse", "marche", "stop breathing", befiehlt Deluy, während Grelat-Dupont um ihr Leben zittert.

Deluy ist auch die spektakulärste Metamorphose des Abends vorbehalten, die Verwandlung in ein Ungeheuer. Ein schwarzes Stachelkorsett aus Regenschirm-Speichen hält die Mitspieler auf Abstand und verhindert den Abbau der sexuellen Energie, die das Monster anzutreiben scheint. Seine Macht wird von Pein unterhöhlt, von Einsamkeit und Verzweiflung. Immer manischere Verrenkungen bringen nichts als das hysterische Geklapper der Metallstäbe hervor. Wehrhaft nach außen gerichtet, ähneln sie zugleich den Pfeilen, durch die der Heilige Sebastian auf mittelalterlichen Tableaus den Märtyrertod erleidet.

"Kreatur" weckt Reminiszenzen an Sasha Waltz' zur Jahrtausendwende entstandene, inzwischen vielfach nacherzählte "Körper"-Symphonie. Zugleich schlägt sich hier das zusehends krisenhaft verlaufende Anthropozän unserer Tage schonungslos nieder. Sasha Waltz und ihr großartiges Ensemble profilieren "Kreatur" mit maximaler Anstrengung - und maximalem Ertrag. Sie liefern dem Publikum einen Spiegel, in dem die Gesichter von Vergangenheit und Gegenwart zur Deckung kommen. Keine guten Aussichten für die Zukunft. Aber umso bessere für die Kunst von Sasha Waltz.