Tanz & Forschung:Spektakuläre Körperzauberer

Lesezeit: 3 min

Tolle Choreografen, miese Redner: In Hannover tagte und tanzte der vierte Tanzkongress des Bundes.

Von Dorion Weickmann

Orkanartig wirbelt die zierliche Frau über die Bühne des Schauspielhauses Hannover. So schwarz wie ihr Gehrock ist die portalbreite Projektionsfläche, auf der eine Botschaft nach der nächsten erscheint: "Konflikt ist der Ursprung aller Kreativität", steht da zu lesen und: "Ist es möglich, das Maß an Gewalt in der Welt zu vermindern?" Mit fester Stimme sagt die Frau: "Zerstörerische Systeme sind nichts Gegebenes, sie werden jeden Tag gemacht - von uns. "

Dana Caspersen schildert, performt und demonstriert ihre Arbeit. Drei Jahrzehnte lang stand die Amerikanerin als Tänzerin auf der Bühne, als Protagonistin und Muse des Choreografen William Forsythe. Heute ist er ihr Ehemann und Mitstreiter im neuen Betätigungsfeld namens "Choreografie und Konflikt". Mit gruppendynamischen Prozessen, Ordnungsmustern aller Art und Fragen der Körperintelligenz hat Caspersen sich im Lauf ihrer Tanzkarriere intensiv beschäftigt. Sie schob ein Mediationsstudium hinterher und ist seitdem als Coach und Konfliktberaterin unterwegs. Und das mit der gleichen Neugier, Präzision und Geschwindigkeit, die sie auch als Ballerina auszeichnete. Ihr Auftritt beim vierten Tanzkongress des Kulturstiftung des Bundes in Hannover war deshalb eine Sternstunde - und eine Lektion: Wer wie Caspersen als Tänzer exzelliert, das Hirn mobilisiert und wach in die Welt schaut, der schlägt die Katheder-Konkurrenz. Der behauptet sich gegen Kuratoren und Wissenschaftler, die auf Podien bisweilen kaum mehr zustande bringen als altväterlich bezopfte Tanzphilosophie.

So geschehen auch in Hannover. Dabei hatten die Organisatorinnen Sabine Gehm und Katharina von Wilcke den Tagungstitel topaktuell und politisch ultrakorrekt formuliert: "Zeitgenoss*in sein". Das - je nach Sichtweise - halb kastrierte oder feminisierte Motto schickten sie in die internationale Tanzszene mit der Bitte um Beiträge. Heraus gekommen ist ein Format, so zwittrig wie der/die "Zeitgenoss*in": zur Hälfte gelungen, zur Hälfte verschenkt.

Vor allem kam die große, hinter dem "Zeitgenoss*in sein"-Etikett versteckte Frage beim Branchentreff selten offen aufs Tablett: Wie welthaltig ist der Tanz, und wie übersetzt er sich selbst in die Welt von heute? Eine einschlägig bewanderte Dramaturgin resümierte am Rand der Veranstaltung: "Gesellschaftliche Relevanz? Wenn ich danach frage, sagen mir Choreografen - Tanz hat den Körper und braucht keinen Content." Was ja angeht, wenn jemand für Kopf und Glieder so Geniales ersinnt und vollbringt wie die lebenden und toten Legenden des Fachs - eine Lucinda Childs, ein Merce Cunningham. Überzeugende Erben dieser postmodernen Avantgarde sind aber nirgends in Sicht.

Siegal reißt die "rassistischen Grenzen" zwischen Hoch- und Alltagskultur ein

Tanzmacher müssen sich künftig in den Strudel des Geschehens werfen und ihre Kunst auch in den Krisenherden der Welt schmieden. Wie das geht, führte in Hannover eindrucksvoll Arkadi Zaides vor. Der Israeli schraubt sich furios in die Machtgebärden seiner Landsleute hinein und verlängert so den Palästina-Konflikt ins Theater. Die Wirkung ist erschütternd, weil sichtbar wird, wie Gewaltroutine auch den Gewalttäter zerstört. Es war eine gute Idee, Zaides mit Dana Caspersen zusammenzuspannen und beide im Kongress-Schwerpunkt "Border effects" unterzubringen, der die Grenzziehungen zwischen Tanz und Politik, Körper und Kollektiv markierte - mit Vorträgen, die bisweilen die Grenze zur Geschwätzigkeit überschritten. Eine so klare wie erfrischende Einsicht bescherte "Dialogic movement", dargeboten im Opernhaus von einem Hiphop-Sextett unter Beteiligung Richard Siegals, der schon das Bayerische Staatsballett mit Tempotanz beglückt und in München gerade sein "Ballet of Difference" gegründet hat. Siegal und die Berliner Break-Dance-Crew machten Ernst mit der Zeitgenossenschaft und rissen - O-Ton des Tänzers Frank Willens - die "rassistischen Grenzen" zwischen Hoch- und Alltagskultur ein. Zu Recht, hat der urbane Tanz doch längst ein Niveau erreicht, das die Machart zahlreicher Edelkunst-Erzeugnisse in den Schatten stellt. Seine Produzenten sind spektakuläre Körperzauberer, sie operieren auf Augenhöhe mit der Gegenwart, tüfteln Installationen im Kandinsky-Design aus - als Sprungbretter eigener Improvisationen. "Rethink dance" lautet die Losung, die Richard Siegal in Hannover verkündete. Wo an Ideen kein Mangel herrschte, auch wenn manche*r Zeitgenoss*in an den Herausforderungen der Jetztzeit glatt vorbei schrammte.

Zur SZ-Startseite