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Tanz:Die Primaballerinos

Vom Tuntenkarneval zum Kult: Das Männerballett Les Ballets Trockadero de Monte Carlo ist auf Deutschlandtournee. Sie sind die Schmuddelknaben der Tanzbranche und gerade deshalb ein Hit.

Von Dorion Weickmann

Damals, als New Yorks Studio 54 boomte und das Leben überhaupt eine einzige große Party war, begab sich der Choreograf Merce Cunningham eines Nachmittags ins Studio der Ballets Trockadero de Monte Carlo. Die Truppe folgt bis heute einem exklusiven Prinzip, kommt sie doch als einzige Profikompanie ohne das aus, was gemeinhin zwingend zur Personalausstattung des Balletts gehört: In ihren Reihen findet sich keine einzige Tänzerin. Ballerinos bestreiten sämtliche Partien - die weiblichen wie die männlichen.

Cunningham also war von den "Trocks", wie sie genannt werden, darum gebeten worden, eines seiner postmodernen Tanzstücke aufführen zu dürfen. Was er unter Berufung auf die Kluft zwischen seiner Avantgarde-Kunst und den Knalleffekten, mit denen die New Yorker Ballettkompanie seit den frühen Siebzigerjahren den Traditionsklassikern zu Leibe rückt, getrost hätte ablehnen können. Die Tänzer aber hatten sich von einem Getreuen Cunninghams in die Spezifika seines Stils einweihen lassen, so dass der Meister an ihrer Darbietung nichts auszusetzen fand. Anstoß nahm er allein an zwei Musikern, die auf der Bühne den Platz seines Mitstreiters und Lebensgefährten, des Komponisten John Cage, einnehmen sollten. Deren Performance ging ihm so gegen den Strich, dass er den Trocks eine Abfuhr erteilte.

"Schwanensee" ist Männersache! Die "Trocks" bringen die großen Klassiker der Ballettgeschichte auf die Bühne: formvollendet und mit Humor. Und in Spitzenschuhen der Größe 47.

(Foto: Sascha Vaughan)

Technisch sind sie hinreißend, ästhetisch ulkig: Die Truppe hat glühende Anhänger und Feinde

Das Verbot bewirkte allerdings nicht viel. Denn was die Männertruppe noch bis Sonntag an der komischen Oper Berlin und dann auf ihrer Deutschlandtour in Köln, Mannheim und Stuttgart zu "Patterns in Space" sortiert, ist eine selbst gemixte Essenz in Cunningham-Manier: kippende Balancen, kleine Sprünge, Diagonalen im Schleifschritt - alles Material aus der Tanzwerkstatt des Meisters. Wären da nicht die beiden Krachmacher, deren Tuten und Tröten das Trommelfell penetriert, könnte das Ganze als Cunningham-Lektion durchgehen. So bleibt es ein halbherziges Unterfangen, was das grundsätzliche Dilemma der Trocks beschreibt: Sie müssen ihre Kunst auf die Kommerzschiene schieben, wie so viele ihrer Kollegen in den USA.

"Patterns in Space" gesellt sich im aktuellen Tourneeprogramm zum zweiten Akt des "Schwanensee", zu Ausschnitten aus "Esmeralda", "Paquita", "Don Quixote" und dem "Sterbenden Schwan", der als blödelköniglicher Ausreißer leider jedes Geschmacksniveau unterschreitet. Alles Übrige fällt einerseits technisch so hinreißend, andererseits ästhetisch derart krude aus, dass sich lässig ausmalen lässt, wieso die Trocks in aller Welt und selbst unter den Tanzkritikern der New York Times glühende Anhänger und erbitterte Feinde haben. Wer das Ballett als puristisches Ritual zelebriert sehen will, ist hier an der falschen Adresse. Sie sind die Schmutzfinken, die Schmuddelknaben der Branche - und deshalb natürlich enorm interessant.

Die sechzehn Tänzer in Spitzenschuhen der Übergröße bewegen sich mit eleganter Delikatesse. Derweil gehorcht der zweieinhalbstündige Abend einer Dramaturgie, die sich erst vom Ende her erschließt: Der als Appetizer servierte "Schwanensee"-Auszug gibt dem Affen zuckrige Slapstick-Häppchen, danach wird der Ulkfaktor heruntergekocht, bis das "Don Quixote"-Finale astreinen Ballettextrakt offeriert. Die kollektive Könnerschaft erstickt jeden Anflug von Tuntenkarneval. Stattdessen wird die Tanzkunst mit einer zeitgemäßen Dosis "Queerness" imprägniert.

Die Truppe gehört schon längst nicht mehr zum schwulen Anti-Establishment. Vielmehr steht ihre Artistik für eine Rückkopplung an die Ursprünge des Balletts, das vor fünfhundert Jahren nichts anderes war als ein reines Männermetier. Freilich sollte niemand auf den werbetauglichen Unsinn hereinfallen, dass die Trocks für sich - und gegen die allgegenwärtige Praxis der Neuinterpretation - die Konservierung der Originalchoreografien in Anspruch nehmen können, nur weil ihnen russische Ex-Ballerinen ein paar einschlägige Passagen beigebracht haben. Aber dass unter der Oberfläche der vorgeführten Ballett-Klassiker etwas Ungebändigtes, Widerständiges pulsiert, das so gar nicht zu ihrem noblen, tragischen, romantischen Image passen will, daran lässt der Auftritt der virilen Truppe keinen Zweifel. Auch weil die Tänzer jegliche Effeminierung vermeiden und nicht das Klischee vom Kerl im Korsett bedienen. Das sind keine Transen im Käfig voller Narren. Sie bleiben auch im Tutu: smarte Männer, von Kopf bis Fuß.

Die Trocks sind Kult. Und ein Stück Tanzkultur. Aber sie haben Besseres verdient als das mottige Repertoire, mit dem sie über die Kontinente tingeln - nämlich Choreografen, die sie künstlerisch fordern. Einen Christopher Wheeldon zum Beispiel oder einen Justin Peck - pro bono, weil die Kasse kein Starsalär ausschütten kann. Aber wo Gottvater Cunningham sich seinerzeit dem Schöpfungsansinnen nur aufgrund musikalischer Bedenken verweigerte, könnten die discodezibelgeschädigten Tanzdesigner von heute doch ganz beherzt zugreifen.

© SZ vom 22.07.2016
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