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Kolonialismus und Kulturgüter:Ein Saurier und die Folgen

Gewaltiger Brachiosaurus war ein Leichtgewicht

Das Skelett des Brachiosaurus brancai (hinten) im Museum für Naturkunde in Berlin ist das größte montierte Dinosaurierskelett der Welt. Gefunden wurde es im heutigen Tansania.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die tansanische Regierung plant, zahllose Objekte und "Human Remains" zurückzufordern, die in deutschen Museen liegen - und ein Dinosaurier-Skelett. Ein Interview mit dem Botschafter des Landes.

Das Gebiet des heutigen Tansania war bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Zwischen 1905 und 1907 schlugen die Deutschen dort den Maji-Maji-Aufstand nieder. Dabei starben etwa 300 000 Afrikaner. Bis heute liegen in deutschen Museen zahllose kulturelle Objekte und Human Remains, vor allem Schädel, die aus der Kolonie nach Deutschland gebracht wurden. Auch die Knochen, die im Berliner Naturkundemuseum zu dem berühmten Dinosaurier Brachiosaurus brancai zusammengesetzt wurden, stammen aus Tansania. Wie der Tagesspiegel berichtete, will Tansania demnächst viele dieser Objekte zurückfordern. Der tansanische Botschafter in Berlin, Abdallah Possi, kennt die Pläne.

SZ: Was fordern Sie genau zurück?

Abdallah Possi: Erst einmal möchten wir vor allem Informationen. Bevor wir Forderungen stellen, müssen wir wissen, was überhaupt in deutschen Museen liegt.

Um welche Art von Objekten geht es Ihnen besonders?

Um alle. Wir wissen nur, dass während der Kolonialzeit viele schlimme Dinge passiert sind, und dass es Human Remains und Kulturobjekte in deutschen Institutionen gibt. Wie viele, das können wir nicht sagen. Klar ist, dass in deutschen Museen Objekte liegen, die den Menschen gehörten, die im Maji-Maji-Krieg gekämpft haben. Wir müssen herausfinden, welche von diesen Objekten den Deutschen wirklich freiwillig gegeben wurden. Bisher ist unsere einzige Information ein Brief von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu Human Remains aus Tansania, die in ihren Sammlungen liegen. Es heißt dort, es werde noch daran geforscht. Ich glaube, in dem Brief steht nicht alles.

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Haben Sie Ihre Forderung nach Auskünften auch offiziell bei der Bundesregierung gestellt?

Wir arbeiten daran.

Sie haben angekündigt, im nächsten Schritt Reparationen zu verlangen.

Man kann da rechtlich oder moralisch argumentieren. Ziel ist eine Vereinbarung zwischen Deutschland und Tansania über die koloniale Vergangenheit. Wir hoffen, sie mit moralischen Argumenten zu erreichen. Jeder weiß ja, dass der Kolonialismus nicht gut war, und es ist ein offenes Geheimnis, dass damals viel Schlimmes passiert ist. Deshalb glauben wir, dass wir heute darüber sprechen können, wie man zum Beispiel umgeht mit den Leuten in Südost-Tansania, wo im Maji-Maji-Krieg viele Leute getötet wurden.

Ist Namibia ein Vorbild für Sie, der bisher einzige afrikanische Staat, der Reparationen fordert?

Der Fall von Namibia liegt ein bisschen anders. Dort ist ganz klar, dass die Deutschen einen Völkermord verübt haben. In Tansania könnte man wohl mit den Kriegsverbrechen argumentieren, die die Deutschen dort begangen haben. Wie sich das alles entwickelt, hängt stark von der Reaktion der deutschen Regierung ab. Wenn sie sich offen zeigt für Verhandlungen, wird alles einfach sein. Wenn sie sich verweigern, dann werden wir statt dem moralischen eventuell auch den rechtlichen Weg gehen.

Warum erheben Sie diese Forderungen erst jetzt?

Es kommt da vieles zusammen. Die weltweite Diskussion über den Umgang mit Human Remains; die Informationen, die wir nach und nach erhalten; der "Macron-Effekt", also die Debatte, die er ausgelöst hat mit seiner Ankündigung, geraubte Objekte aus den Kolonien zurückzugeben; die Aktivisten, die sich, hier in Berlin wie in Tansania, immer öfter zu Wort melden; die wachsende Bereitschaft in der deutschen Politik, über diese Themen zu sprechen.

Welche Rolle spielt der Dinosaurier im Naturkundemuseum?

Mit ihm hat alles begonnen. Auch in der Region, aus der der Dinosaurier stammt, gab es im Maji-Maji-Krieg Kämpfe; Dörfer wurden niedergebrannt. Eine Frage ist zum Beispiel: Wurden die Leute, die die Knochen ausgegraben und getragen haben, bezahlt? Waren sie in der Lage, zu verhandeln? Waren sie einverstanden damit, dass die Deutschen die Knochen mitnahmen? Wussten sie von ihrem Wert? Je mehr wir über ihn in Erfahrung gebracht haben, desto klarer wurde uns, dass außer den Dinosaurier-Knochen eben auch viele, viele kulturelle Objekte in deutschen Museen liegen müssen.

Wächst das Interesse an diesen Fragen auch in Tansania selbst?

Über den Dinosaurier wird zumindest in der Gegend, aus der er kommt, viel diskutiert. Wir fragen uns, warum die Schulkinder in Berlin ihn sehen können, aber die Schulkinder bei uns nicht. Mittlerweile ist das ein politisches Thema geworden. Das Bewusstsein dafür wächst.

© SZ vom 06.02.2020/khil
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