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"Stella" auf Lesereise:"Auch Mörder essen Pizza"

Takis Würger und Carolin Callies. Literaturhaus Frankfurt.

(Foto: Literaturhaus Frankfurt)

Takis Würger tourt mit "Stella" durch ausverkaufte Literaturhäuser. Die fiktionalisierte Geschichte der jüdischen Nazi-Kollaborateurin stieß auf heftige Kritik - auf die der Autor wenige Antworten hat.

Montagabend in Bad Soden. Gegen acht Uhr ist die S-Bahn aus Frankfurt am Main fast leer, Licht brennt nur noch in den vielen asiatischen Restaurants und in der "Bücherstube Gundi Gaab" am Platz Rueil-Malmaison, dessen Name klingt, als stamme er aus einem Roman. Gleich liest hier der Schriftsteller Takis Würger aus "Stella". Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Kein Autor ist derzeit so umstritten wie Würger, der eine Liebesgeschichte aus dem Berlin des Jahres 1942 geschrieben hat, in deren Zentrum eine der realen Stella Goldschlag nachempfundene "Greiferin" steht. Um als Jüdin ihre eigenen Eltern zu retten, kollaborierte sie mit dem Naziregime, an das sie Hunderte versteckte Juden verriet. Zwischen die Kapitel der Liebesgeschichte, in der sich ein junger, naiver Schweizer Maler in die schöne und geheimnisvolle Stella verguckt, montiert Würger lange Zitate aus den Prozessakten eines sowjetischen Militärtribunals, das die reale Stella 1946 zu einer Haftstrafe verurteilt hatte. Darin stehen die echten Namen der von ihr Verratenen. Die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet.

Der Roman ist, trotz der Verrisse, ein großer Erfolg

Kritiker, auch in dieser Zeitung, warfen "Stella" einen gedankenlosen Umgang mit dem Holocaust und seinen Opfern vor, die vor allem dazu dienten, eine kitschige Liebesgeschichte dramatisch anzureichern. Der Roman stelle sich nicht dem Ungeheuerlichen und der moralischen Komplexität seines Gegenstandes, er vermische in der Figur Stellas die historischen Rollen von Opfern und Tätern. Würger, so der Vorwurf, begebe sich mit seinem Roman ahnungslos in eine jahrzehntelange Debatte darüber, wie man nach dem Holocaust noch Literatur schreiben kann.

"Stella" steht trotz der Kritik auf Platz vier der Bestsellerliste, die Rechte wurden ins Ausland verkauft. Seit Mitte Januar ist Würger mit dem Buch quer durch Deutschland unterwegs, die Lesereise dauert noch bis Ende März, viele Termine sind ausverkauft. Der Roman ist, trotz der Verrisse, ein großer Erfolg. Was interessiert die Menschen an "Stella"?

In der Buchhandlung in Bad Soden quetschen Ladenmitarbeiter Klappstühle zwischen die Regalwände mit alphabetisch geordneten Romanen und Kinderbüchern. Unter der Decke schwebt eine papierne Briefeule aus "Harry Potter", Scherenschnitte von Goethe und Schiller wachen über dem Fach mit den Klassikern. Die Romane sind gut sortiert: Jonas Lüscher, Karl Ove Knausgård, Joseph Conrad, Deborah Feldman. Wenig bunte Schnörkelcover. Literatur scheint hier ernst genommen zu werden und eine bürgerliche Selbstverständlichkeit zu sein.

Antje Kampf, pensionierte Lehrerin, weist darauf hin, dass Bad Soden "eine der lesefreudigsten Städte Deutschlands" sei. Sie ist gekommen, weil sie jede Veranstaltung hier besuche und grundsätzlich alles lese, "vor allem Bücher von Frauen", zuletzt "Das Leben der Bienen" von Maja Lunde. Von der Debatte um "Stella" hat sie nichts gehört und gelesen hat sie den Roman auch noch nicht. Ihre Sitznachbarin Uta Ohse hat mitbekommen, dass der Roman "sehr umstritten" ist. Auf die Veranstaltung ist sie durch Rundmails der Buchhändlerin aufmerksam geworden. Sie möchte sich jetzt selbst ein Bild machen.

Takis Würger erscheint im dunkelbraunen Sakko, die Ladeninhaberin stellt ein paar Fragen zur Recherche für den Roman, dann liest Würger die ersten etwa dreißig Seiten von "Stella" vor. Die Zitate aus den Akten überspringt Würger, obwohl er kurz davor noch gesagt hatte, er habe sie als Gegenstimme zu dem Erzähler in den Roman eingebaut, der manchmal "so naiv ist, dass man ihn schütteln möchte".

Auf die Frage, ob er sich vorstellen könne, warum die historische Stella Goldschlag weiter Juden verriet, obwohl ihre Eltern längst deportiert worden waren, antwortet er erst mit einer langen Pause und dann mit einer druckreifen Geschichte von seinen Gesprächen mit dem Holocaustüberlebenden Noah Klieger, der ihm gesagt habe, man könne das nicht verstehen, wenn man nicht dabei gewesen war.

Literatur Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen
"Stella" von Takis Würger

Ein Ärgernis, eine Beleidigung, ein Vergehen

In seinem zweiten Roman bedient sich Takis Würger der Geschichte der Stella Goldschlag, die als "Greiferin" für die Gestapo tätig war - allerdings ohne Problembewusstsein für Literatur, Literarisierung und Geschichte.   Von Fabian Wolff

Am folgenden Abend bei der Lesung im Literaturhaus Frankfurt wird er Klieger wieder als Zeugen anführen. Dieser habe zu ihm gesagt, es komme nicht darauf an, wie du deinen Gott nennst, sondern was du für ein Buch schreibst. Die Lesung in Bad Soden endet, als der junge Erzähler Stella erst nackt gemalt hat und dann - diesmal bekleidet - in der Straßenbahn richtig kennenlernen darf.

Die meisten Besucher lässt das ratlos zurück. Sie wollten etwas über Stella erfahren, nicht über den Erzähler. Antje Kampf wundert sich darüber, dass die Wahrheit, wie es in dem Roman heißt, wie Hibiskus sei und "in tausend verschiedenen Arten" blühe. "Es gibt viele Wahrheiten? Ich dachte, es gibt eine", meint sie dazu. Uta Ohse hätte sich gewünscht, dass die Kritik an dem Roman mehr diskutiert wird. Viele können die Vorwürfe nicht nachvollziehen, aber fast alle, mit denen man spricht, interessieren sich dafür.

Alf Mayer, der ein Krimi-Onlinemagazin betreibt, teilt die Kritik nicht, findet es aber problematisch, "Geschichte als Brühwürfel" einzusetzen, um Erzählungen anzureichern. Er vermutet, dass es bei den Vorwürfen gegen Würger auch um dessen Arbeit als Spiegel-Redakteur nach Claas Relotius' gefälschten Reportagen gehe. Die Debatte sei außerdem gar nicht neu, es hätte sie genauso vor vierzig Jahren über die Serie "Holocaust" gegeben, meint Mayer.