"Stella" von Takis Würger Die Selbstentblößung eines letztlich überforderten Autors

Wydens Thema sind weniger die Widersprüche und Lügen deutscher Vergangenheitsbewältigung. Er will wissen, wie aus seiner Klassenkameradin das "blonde Gespenst" werden konnte, das auch in den Berichten der Philosophiehistorikerin Marie Jalowicz Simon und in den Erinnerungen des Widerstandkämpfers Gad Beck auftaucht. Beck nennt sie in "Und Gad ging zu David" ein "zur Kollaboration gezwungenes Opfer" - sie will ihre Eltern retten, vergeblich -, aus dem bald "eine gnadenlose Täterin" wird, "die mit zunehmendem Ehrgeiz Illegale aufspürte und verhaftete, meist von ihrem jüdischen Greiferkollegen Rolf Isaaksohn begleitet". Ihr Gestapo-Kontakt Walter Dobberke wird Isaaksohn und Goldschlag sogar anweisen, zu heiraten.

All das passiert lange nach Ende der Handlung von Takis Würgers Roman, der 1942 spielt - nominell, weil die Beziehung von Friedrich und Stella auserzählt und sein Versuch Stellas Eltern zu retten gescheitert ist, de facto aber, weil die brutale Realität der Verhaftungen das Coming-of-Age dieses Erzählers zu sehr in die Tiefe ziehen würde und seine Stella so Wunscherfüllung bleiben kann. Weil aber doch jüdischer Verrat und Deportationen versprochen wurden, baut Würger ziemlich unvermittelt authentische Auszüge aus Akten des Sowjetmilitärtribunals ein, in denen das Schicksal der Opfer von Goldschlag dargelegt wird. Das ist vielleicht der aufrichtige, aber hilflose Versuch, immer wieder die Ermordeten in den Fokus zu rücken - oder das opportunistische Greifen nach dem Schock des Realen, wenn die eigentliche Erzählung alle paar Seiten zu hinken beginnt. So oder so ist es die Selbstentblößung eines letztlich überforderten Autors. Bitterer, obszöner Tiefpunkt des Romans ist eine Folterszene, in der Würger den Gestapomann Dobberke phonetisches Bairisch sprechen lässt.

Spätestens hier hätte jemand - irgendjemand - einschreiten, dem Autor die Hand auf die Schulter legen und einen Essayband von W.G. Sebald in die Hand drücken können. In einem Interview auf die "unsichtbare Präsenz der Welt der Konzentrationslager" in seinen Texten angesprochen, antwortete Sebald einst, dass es darum gehe, "den Lesern zu versichern, dass ich diese Dinge immer im Hinterkopf behalte", nicht nur als ästhetische Strategie, sondern aus moralischer Verantwortung. Würger hingegen, der so schludrig mit den Namen, den Leben und den Schicksalen der Opfer umgeht, kann die Leser kaum davon überzeugen, dass er allzu sehr über jeden gerade geschriebenen Absatz nachgedacht hat.

Mit seinem zweiten Buch ist Würger vom kleinen Schweizer Verlag Kein & Aber zum Publikumsverlag Hanser gegangen, der es heftig bewirbt. Nazisex und Judenfetisch (und umgekehrt) gibt es darin nicht, der Roman bleibt geradezu keusch. Am Willen zur Ausbeutung der Vergangenheit fehlt es nicht, aber Würger geht wie ein Vampir vor, der die Halsschlagader nicht trifft. Bestsellerkompatibel scheint allein der plätschernde Tonfall zu sein, der sich wie das Voice-Over eines Nazidramas mit Veronica Ferres liest: "'Verlass mich nicht', sagte sie in mein Ohr. Ich schüttelte den Kopf und küsste ihre Tränen."

In einem Beitrag zur Menasse-Debatte hat Patrick Bahners in der FAZ geschrieben, Auschwitz sei "in den Theorien des historischen Wissens und der literarischen Fiktion wie im öffentlichen moralischen Bewusstsein der Inbegriff der Tatsache, mit der man nicht spielt". Das ist ein paar Stufen zurückhaltender als das Dogma der Undarstellbarkeit, das in der Geschichte der Nachkriegsliteratur oft genug von deutschen Kritikern angeführt wurde, um Überlebenden den Mund zu verbieten: Holthusen gegen Celan, Raddatz gegen Hilsenrath, bei allem Respekt auch Sebald gegen Jurek Becker. Die Frage ist sowieso, wo Auschwitz anfängt, ob bei der Gaskammer, der Rampe, dem Tor, der Zugfahrt, der Deportation, der Verhaftung - von den anderen Vernichtungs- und Konzentrationslagern, den Erschießungsaktionen und Hunger- und Seuchentoten im Ghetto ganz zu schweigen.

Je nach Antwort ist Würgers "Stella" ein Ärgernis, eine Beleidigung oder ein richtiges Vergehen - und das Symbol einer Branche, die jeden ethischen oder ästhetischen Maßstab verloren zu haben scheint, wenn sie ein solches Buch auch noch als wertvollen Beitrag zur Erinnerung an die Schoah verkaufen will. Selbst Stella Goldschlag hat diesen Roman nicht verdient.

Takis Würger: Stella. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2019. 224 Seiten, 22 Euro.

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