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Tagung:Schatten von "Me Too"

Einschlägige Skandale haben die Tanzlandschaft erschüttert. Ballettdirektoren aus aller Welt diskutierten über Führungskultur.

Vor zwei Jahren saß die internationale Elite der Tanzdirektoren schon einmal hier, im Souterrain der Amsterdamer Oper. Schon damals war das Ballettsoziotop in Gefahr: zu viel Tradition, zu wenig Innovation, lautete die Diagnose bei der Erstausgabe von "Positioning Ballet". Die zweite Runde des Konferenzformats, abermals vom Niederländischen Nationalballett ausgerichtet, fand nun im Schatten von "Me Too" statt. Einschlägige Skandale von New York bis Antwerpen haben die Tanzlandschaft erschüttert und die Einsicht ausgelöst, dass die Führungsstrukturen vielerorts einer Totalreform bedürfen. Dabei spielen Empfindlichkeiten und Befindlichkeiten naturgemäß eine große Rolle, weshalb die erste Hälfte der Tagung kurzfristig hinter geschlossene Türen verlegt wurde. Keine gute Entscheidung, denn der Abschottungsaktionismus ließ genau die Transparenz vermissen, auf die der Tanz so dringend angewiesen ist. Schließlich will die Branche raus aus der Nische, an die Gegenwart andocken und ihre viel beschworene "Relevanz" beweisen.

Immerhin gab es am späten Nachmittag des ersten von zwei Konferenztagen ein prominent besetztes Podium, das die Konfliktlinien öffentlich sichtbar machte. Ted Brandsen, Leiter von Het Nationale Ballet und damit Gastgeber der Zusammenkunft, schilderte, wie er selbst von "Me Too" überrollt wurde und daraufhin einen Kommunikationsprozess in Gang setzte. Der brachte zwar keine Übergriffe ans Licht, aber Unzufriedenheit mit der Führungskultur. Mit ähnlichen Beschwerden haben sich viele von Brandsens Kollegen auseinanderzusetzen. Erstmals tauchen Fragen danach auf, was Spitzenleute können und mitbringen müssen, welche Strukturen sinnvoll, welche Hierarchien überhaupt notwendig sind. Sicher ist, dass der Hebel bereits in der Ausbildung umgelegt werden muss. "Wir verhelfen dem Nachwuchs zu körperlicher und tanztechnischer Exzellenz", wie Brandsen anmerkte. "Aber intellektuell verkümmern die Junioren." So wahr wie dringend korrekturbedürftig.

Auch Ingrid Lorentzen, seit 2012 Chefin des Norwegischen Nationalballetts, hat der "Me Too"-Alarm aus der Komfortzone katapultiert: "Was an Exzessen und Machtmissbrauch bekannt geworden ist, hat meine Führungsphilosophie und -praxis radikal verändert." Lorentzen nutzte die Chance und bestückte ein ganzes Spielzeit-Programm ausschließlich mit Choreografinnen - "obwohl es schwer war, das durchzusetzen". Warum das System in vielerlei Hinsicht kaum zu knacken ist, erklärte Alistair Spalding. Der Brite ist der weiße Rabe unter Europas Tanz-CEOs, leitet er doch höchst erfolgreich das Tanzhaus Sadler's Wells in London, nicht aber eine eigene Kompanie. Entsprechend scharfsichtig beobachtet er die Szene, und ebenso scharfzüngig fallen seine Kommentare aus. "Das Ballett", befand er als Podiumsgast, "hat ein Problem: Es soll und muss sich verändern, was Repertoire, Diversität und Publikumsentwicklung angeht. Aber Geld kriegt es im Grunde nur für die Klassikerpflege."

Zumindest Ted Brandsen setzt schon länger auf den Ausstieg aus dem schwanenseligen Museumsbetrieb. Davon zeugt auch die jüngste Uraufführung von Het Nationale, David Dawsons "Requiem" zu einer Originalkomposition von Gavin Bryars. Die Elegie auf unser spiegelfixiertes Zeitalter wurde auch im Rahmen der Konferenz gezeigt: Tanzeleganz in Reinkultur, bisweilen allzu verliebt in ornamentale Arabesken. Die Zuschauer strömen indes, was für Brandsens Planungsgeschick spricht, das Attraktion und Risikofreude clever austariert. Bleibt trotzdem die Frage, wie sich das Ballett in der instagramisierten Gesellschaft behaupten kann. Und wie es den Clash of Cultures - Tänzerindividualität versus Ensembledisziplin - in seinem Inneren auffangen soll. Streitstoff genug für die nächste Edition, für "Positioning Ballet 2021".