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Tagebücher von Hans Werner Richter:Enzensberger, der Playboy

In der Charakterisierung seiner schillernden literarischen Rädelsführer läuft Richter zu journalistischer Hochform auf: Enzensberger - ein "internationaler Abenteurer und literarischer Playboy unserer Zeit"; Walser - "ein gefährdeter Psychopath, der immer dann, wenn er sich in einer schöpferischen Krise befindet, nach dem Strohhalm Politik greift", und Grass, mit dem sich Richter eigentlich verbunden fühlt, "verliert, je mehr er sich in die Parteipolitik verstrickt, immer mehr an Humor".

Die politischen Einschätzungen Richters erweisen sich aus heutiger Sicht oft als verblüffend hellsichtig. Aber ihn treibt ein Problem um: Er hat es mit genuinen Literaten zu tun, und er selbst wird als solcher nicht wahrgenommen. Schon seit Mitte der Fünfzigerjahre hat er seine literarischen Ambitionen zurückgestellt und sich bei den ästhetischen Debatten in der Gruppe 47 zurückgehalten; man ließ ihn des Öfteren spüren, dass seine Vorstellungen von Stoff und Form nicht auf der Höhe der Zeit waren. Er zog sich in die Rolle des Patriarchen und umsichtigen Herbergsvaters zurück, wollte aber nicht darauf festgelegt werden: "Immer nur Bonhomie, nicht mehr, nur dies! Verkleinern sie mich, um selbst größer zu werden?"

Richters Minderwertigkeitsgefühl entlädt sich häufig in Ressentiments gegen die anerkannten Autoren: "Heinrich Böll lässt sich zurzeit in Russland feiern und Günter Grass in Amerika. So hat jeder seine Supermacht." Am folgenreichsten zeigen sich Richters literarische Grenzen bei seiner Einschätzung Paul Celans. In einem Rückblick, aus Anlass von Celans Selbstmord 1970, beschreibt er die Szene auf der Gruppentagung 1952, als ihn "Celans Stimme an Goebbels erinnerte".

Er hatte einen instinktiven Abscheu vor allem, was er mit Pathos, mystischem Geraune und nationalsozialistischem Schwulst verband. Celan, Stefan George und die weihevollen Blut- und Bodendichter standen für ihn unisono auf der falschen Seite. Mit offenem Antisemitismus, wie er im Deutschland jener Jahre immer noch gang und gäbe war, hatte Richters Ablehnung Celans nichts zu tun. Aber dass ihm nicht bewusst wurde, was er mit seinem unsäglichen Vergleich bei dem überlebenden Juden Celan auslösen musste, wirft ein bezeichnendes Licht auch auf seine politische Haltung.

1989 auf dem Mars

Die vielen Eintragungen über seine Fernsehsendungen wirken heute eher ermüdend. Und auch manche Diagnosen Richters machen einen arg zeitgebundenen Eindruck. Dass das letzte Drittel des 20. Jahrhunderts im Zeichen eines Konflikts zwischen der Sowjetunion und China stehen würde, ist eher Richters Trauma sozialistischer Bruderkämpfe geschuldet. Und seine Fortschrittsgläubigkeit erscheint mittlerweile ziemlich naiv: Die Mondlandung 1969 verändert für ihn sämtliche Perspektiven für die Menschheit, in 20 Jahren werde man schon auf dem Mars sein und ganz neue Debatten führen. "In 20 Jahren": das wäre 1989 gewesen.

Trotz seines Pragmatismus ist Richters Eitelkeit, was die Gruppe 47 anbelangt, unverkennbar. Er verzeichnet minutiös, wer ihn nach 1967 alles anfleht, eine neue Tagung einzuberufen, bis hin zum "intellektuell glatten und kalten" Alexander Kluge. Angesichts neuerer Wortmeldungen ist ein Eintrag zu Gabriele Wohmann interessant: "Ich war allein und sie unter der schwarzen Bluse 'oben ohne'. Aber sie ist so männlich, oder so wenig weiblich, dass ich es kaum registriert habe. Vielleicht ist alles an ihr ein wenig zu wenig, zu dünn, zu nichtssagend. Dafür trank sie klaren Korn. Zwei Stunden lang sprach sie von der 'Gruppe 47'. Sie bat mich förmlich, doch wieder damit anzufangen. Ohne die Gruppe 47 sei das Leben kein 'literarisches Leben' mehr. Alle dächten so. Alle sehnten sich zurück." Damals redeten alle von Richter, und dieser war sich dessen bewusst. Merkwürdig, wie weit das inzwischen zurückzuliegen scheint.

Hans Werner Richter: Mittendrin. Die Tagebücher 1966-1972. Herausgegeben von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. Verlag C. H. Beck, München 2012. 382 Seiten, 24,95 Euro.

© SZ vom 30.10.2012/vks
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