Tagebuch Oh, Lord

Im Mai 2015 erfährt er die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. In seinem letzten Buch, dem "Bauchspeicheldrüsentagebuch", schreibt Péter Esterházy gegen die Diktatur der Wirklichkeit.

Von Lothar Müller

Im Mai 2015 teilten die Ärzte dem ungarischen Schriftsteller Péter Esterházy, der sich wegen eines leichten Schmerzes unterhalb der Rippen hatte untersuchen lassen, die Diagnose mit: Bauchspeicheldrüsenkrebs, mit Metastasen in der Leber. Er musste nun, wie jeder Mensch, ein Verhältnis zu der Krankheit gewinnen, und zu der Todesdrohung, die das Wort "Bauchspeicheldrüsenkrebs" enthält. Und er musste entscheiden, ob er die Diagnose als schriftstellerische Herausforderung begreifen, auf sie mit einem Text reagieren wollte. Und wenn ja, in welcher literarischen Form. Péter Esterházy war ein Autor, der sich ungern von der Wirklichkeit die Form vorschreiben ließ, in der er sie in seinem Werk zur Darstellung brachte.

Am 24. Mai 2015 begann Esterházy sein "Bauchspeicheldrüsentagebuch", und das war durchaus nicht selbstverständlich. Schon im ersten Eintrag findet sich der Satz: "Ich habe immer Zettel zur Hand, um alles jederzeit notieren zu können, aber ich bin kein (richtiger) Tagebuchschreiber." Nein, diese Form, die so demonstrativ den Schein der Anwesenheit des Lebens im Text erzeugt, war nicht sein Genre. Sie war ihm unbehaglich, aber es half nichts, hier musste sie sein. Und er hatte Übung darin, in einer Form zu schreiben, die ihm unbehaglich war: "Die Situation nervt, sie erinnert mich an die Verbesserte, hier wie dort dieser ärgerliche Zwang zum Realismus."

Die "Verbesserte Ausgabe" (2002, dt. 2003), das war der erzwungene Nachtrag zur "Harmonia Caelestis", in der er den Stoff seiner eigenen Familiengeschichte mit der ungarischen und europäischen Geschichte gekoppelt und durcheinandergewirbelt hatte. In diesem Zwitter aus modernem Sprachfuror und barocker Wunderkammer spielte das Wort "Vater" eine Hauptrolle. Es schloss auch den Vater von Péter Esterházy in sich ein. Als der Sohn kurz vor Abschluss seines Hauptwerkes entdeckte, dass sein Vater unter einem Decknamen jahrzehntelang inoffizieller Mitarbeiter der Geheimpolizei gewesen war, widmete er diesem Schock und den Akten, die ihn ausgelöst hatten, seinen Nachtrag zur "Harmonia Caelestis", eben die "Verbesserte Ausgabe".

Dieser Schriftsteller will sich seine Waffen nicht aus der Hand schlagen lassen

Der Zwang zum Realismus entspringt nun der Krebsdiagnose. Der Autor muss dem Stoff folgen, den sein Leben, der Krankheitsverlauf ihm vorschreibt. In der Rebellion gegen den "Sozialistischen Realismus" ist er als junger Mann zum Autor geworden, der das Sprachspiel ins Zentrum seines Werks stellte, für den im Text nur die Wirklichkeit zählt, die sich in der Sprache bewährt, ihren Möglichkeiten aussetzt. "Die Wirklichkeit als ästhetischer Maßstab - wer hat so etwas je gehört!"

"Steige auf, Sonne, gesegnete Sonne - wie geht es weiter?": Péter Esterházy.

(Foto: Lenke Szilágyi/Hanser Berlin)

Mit Sätzen wie diesen rebelliert Esterházy gegen die Form, in der er schreibt, aber aus dem Zugleich von Unbehagen am Tagebuch und Unwillen gegenüber der Krankheit entsteht hier große Literatur. Esterházy war kurz vor der Diagnose 65 Jahre alt geworden, ist Großvater, die Kinder und Enkel durchqueren das Tagebuch, ein Enkel schenkt ihm einen Bleistift mit einem Gepardenmuster, das Wort Gepard macht sich selbständig im Text.

Rasch wird klar, dass hier jemand in Notwehr schreibt, jemand, der sich seine Waffe nicht aus der Hand schlagen lassen will, die Fähigkeit, Sätze zu bauen, Wörter zu wenden, das, was ihm auf den Leib rückt, durch Benennung und Beschreibung auf Distanz zu halten. So nennt er die Bauchspeicheldrüse, wenn er sie schon nicht loswird, seine "Fee", sein "Bauchspeichelchen", und weil der schärfste Trost gegen das Sterblichkeitsbewusstsein der Sex ist, hüllt er seine Krankengeschichte in die Form einer Liebesgeschichte, die nur in der Sprache stattfindet und immer wieder das frivole Register zieht: "Meine liebe Fee oder mein Bauchspeichelchen oder wie du auch immer heißen magst, kannst du mir wohl von innen einen blasen?"

Die Krankengeschichte kommt darüber nicht zu kurz, sie tritt schärfer hervor, in den kurzen, refrainartig wiederkehrenden Sätzen über die Haare, die berühmte Esterházy-Haarpracht, die zu allen Porträts gehört, die von ihm kursieren: "ein zwei Haare schweben vor mir" "ich lese meine Haare einzeln auf", "überall einzelne Haare". Und dann gibt es die Litaneien mit den Medikamenten-Namen, den Refrainsatz "Ich höre den Tropf in mich hineintropfen", die Begegnungen auf Krankenhausfluren, die verschiedenen Therapien, nein, nicht "Chemo", das klänge verniedlichend: "Richtig heißt es Chemotherapie."

Der Autor ist nicht nur die Stimme des Kranken, er ist auch die Stimme seines Werks

Der Autor ist in diesem Krebstagebuch nicht nur die Stimme des Kranken. Er ist auch die Stimme seines Werks. Er korrigiert die Fahnen der deutschen Ausgabe seines Buches "Die Markus-Version", der zweiten seiner "Einfachen Geschichten". Wer diesen Werk-Anspielungen nachgehen will, dem sei das lange Gespräch empfohlen, das Mariann D. Birnbaum noch vor seiner Erkrankung mit Péter Esterházy geführt hat (Die Flucht der Jahre. Ein Gespräch mit Péter Esterházy. Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer. Hanser Berlin Verlag, München 2017. 160 S., 20 Euro.).

Zur Selbstbehauptung des Autors Esterházy gegenüber seiner Krankheit gehört die Skizze einer ironischen Antwort auf Hemingway, ein turbulenter Slalom mit Jean-Claude Killy und dem Tschechen Jan Kovalent, angeblich Erfinder der Kovalent-Bindung. Die hat aber mit Skiern nichts zu tun, sondern stammt aus der Molekularchemie und gehört zum Bauchspeichelchen. "Wie gern stürbe ich." In der Form eines Dementis probiert Esterházy diesen Satz aus. Immer wieder regt sich sein Widerstand gegen die Diktatur der Wirklichkeit: "Wie die Drüse den Sinn der Sätze verdreht, sie umzingelt; plötzlich ist sie der Kontext von allem, ob ich es will oder nicht. Das nenne ich interessant."

Nicht zuletzt in den Pausen, den nicht aufgezeichneten Tagen des Tagebuchs, dort wo das Bauchspeichelchen nicht Fee ist, nur Krebs, entfaltet sich die Krankheit: "Ist der Tag draußen recht heftig, vermindern sich seine Chancen hier im Heft." Das Echo des Ausgelassenen im Tagebuch: "Ich bin kraftlos, dieser Satz trifft jetzt leider am meisten zu." "Mein Herz ist schwer." Dazu die Anrufungen: "Oh, allmächtiger Wittgenstein, hilf!", "Liebe Sprache, hilf mir" oder "Herr, hilf".

Zur Familie, den Ärzten, Patienten gesellt sich das Defilee der ungarischen Autoren, László Földenyi, László Darvasi, Péter Nádas, der Geburtstag von Imre Kertész wird gefeiert, die Teilnahme an der Beerdigung des großen ungarischen Politikers und Autors Árpád Göncz versagt sich der Kranke. Aber er registriert die Ankunft der Flüchtlinge in Ungarn, die Reaktion der Bischöfe und der ihm unangenehmen Regierung Viktor Orbáns.

Das Bauchspeichelchen, der mögliche künftige Tod und der Autor sind nicht die einzigen Hauptfiguren des Tagebuchs. An ihre Seite tritt von Beginn an der Leser Péter Esterházy. Er exzerpiert, freilich nicht im Tagebuch, Susan Sontags Essay "Krankheit als Metapher", liest viel tagebuchartige Schriften, etwa von Max Frisch, den Brief von Georges Simenon an seine Mutter, einen Band mit Dokumenten zu Krankheit und Tod seines literarischen Vorbildes Dezső Kosztolányi, vor allem aber immer wieder Harold Brodkeys "Geschichte meines Todes". In diesem Buch, das er immer wieder zitiert - "So endete mein Leben. Und mein Sterben begann" -, findet der Autor Esterházy sein Vorbild, und man kann seinem eigenen Buch kein größeres Kompliment machen, als ihm zu bescheinigen, dass es am Ende brüderlich an der Seite dieses großen Vorbilds steht.

Das Tagebuch endet mit dem Eintrag vom 2. März 2016. Ende März 2016 starb Imre Kertész, die Grabrede, die Esterházy auf den Freund Ende April hielt, kommt nicht mehr vor. Am 14. Juli 2016 starb Péter Esterházy. Im Juni 2015 hatte er notiert: "Ich sagte, sie sollen sich noch heute den Song Mercedes Benz anhören, mit besonderem Augenmerk auf das Lachen am Ende. Mitics, der Älteste, der sich am meisten bedeckt hielt, fragte, sollen wir dann das auch beim Begräbnis spielen? Ja nun, wenn du das schaffst ... Gitti schüttelt den Kopf, also bitte ...." Der 2. August 2016, an dem Péter Esterhâzy in der Familiengruft in Ganna beigesetzt wurde, war ein sonniger, heißer Tag. Und aus den Lautsprechern vor dem Mausoleum kam am Ende das Lachen von Janis Joplin.