Tagebuch Der große Eistaucher

Erstmals auf Deutsch - ein Polar-Tagebuch von Arthur Conan Doyle, dem Schöpfer des Sherlock Holmes.

Von Harald Eggebrecht

Selten, dass ein Buch solche Vitalität und ansteckende Lebensfreude ausstrahlt wie jene Aufzeichnungen, die Arthur Conan Doyle auf seinem Arktisabenteuer an Bord eines Walfangschiffes niederschrieb. Das Tagebuch entspricht im Großen und Ganzen auch dem Logbuch der Hope, das Doyle in seiner Quasifunktion als Sekretär des Kapitäns zu führen hatte. Die Hope stieß vom 28. Februar bis zum 11. August 1880 ins nördliche Polarmeer vor, um Robben und Wale zu jagen.

Selbst Situationen, in denen er den Tod vor Augen hatte, nahm der junge Mann geradezu sportlich. Mehrfach fiel er während der blutigen Robbentotschlägerei ins eisige Polarmeer, wurde aber immer rechtzeitig von anderen Jägern herausgezogen. Nur Minuten länger und die Unterkühlung hätte ihn erstarren lassen. Dann aber wird es wirklich tödlich ernst: "Ich hatte gerade eine Robbe auf einer großen Scholle getötet, als ich über den Rand fiel. Niemand war in meiner Nähe, und das Wasser war mörderisch kalt. Ich konnte mich zwar am Rande der Eisscholle festhalten, sodass ich nicht unterging, doch war sie zu glatt und rutschig, um wieder hinaufzuklettern. Letztlich bekam ich jedoch die Hinterflossen der Robbe zu fassen und konnte mich an ihnen hochziehen." Die froststarre Kleidung trocknet er später im Maschinenraum. Der Kapitän ernennt daraufhin das unverzagt sein Leben wagende Greenhorn lakonisch zum "großen Eistaucher".

Mit Hund und Fisch: eine Skizze von Doyle an Bord der Hope. Abb.: aus dem besprochenen Band

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Conan Doyle, damals zwanzig Jahre alt, fuhr als Schiffsarzt mit, obwohl er seine Ausbildung noch keineswegs beendet hatte. Doch Abenteuerlust und ein unerschütterliches Selbstvertrauen machten diese durchaus harte, ja brutale und gefährliche Tour für ihn zu einer Emanzipationsfahrt, Doyle kehrte als Mann und Autor zurück an Land. Davon künden auch die Briefe an seine Mutter. Darin erzählt er frisch von der Leber weg die Ereignisse an Bord, zu denen auch Boxen und ab und an ein blaues Auge gehört, auch das Sterben eines Crew-Mitglieds, dem Doyles damals noch unzureichende medizinische Kenntnisse nicht helfen konnten. Andrerseits versichert er der sicher sorgenvollen Mutter, wie gut ihm alles bekommt und dass er sich täglich mehr gestärkt fühlt.

"Ich hatte noch nie in meinem Leben eine so herrliche Zeit", schrieb er, als Kapitän Gray in einlud, auch in der Saison 1881 wieder auf der Hope anzuheuern, für doppelten Lohn, als Schiffsarzt und Harpunier. Doch Doyle blieb bei aller Begeisterung für die arktischen Abenteuer in Edinburgh, um sein Medizinstudium abzuschließen.

Die opulente deutsche Ausgabe ist sehr gut übersetzt von Alexander Pechmann, und zugleich ein fußnotenreiches Kompendium über die schottischen Walfangflotten, ihre Schiffe und Kapitäne, ihre wichtigen Häfen. Kein Name, der nicht erklärt, kein Fachbegriff, der nicht erläutert würde. Außerdem sind Doyles auf die glücklich beendete Reise folgenden literarischen Arbeiten mit Arktisbezügen ebenfalls ins Buch aufgenommen worden. Darunter auch die Sherlock-Holmes-Geschichte "Der Schwarze Peter", in der ein Kapitän gefunden wird, der mit einer Harpune aufgespießt wurde. Insgesamt hat man also Conan Doyles gesammelte arktische Erfahrungen und deren "Auswertungen" daraus vor sich.

Leseprobe

Einen Auszug des Tagebuchs stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Reiseandenken: Trommelfelle eines Wals, Lavastücke aus dem Magen einer Eiderente

Doch so unmittelbar, frisch und lebensfroh, wie im Tagebuch berichtet wird, ist und wirkt keiner der anderen Texte. Das verstärkt sich auch noch durch die Faksimile-Zeichnungen, die Doyle in seine Eintragungen einfügte. Die strahlen jenes Moment des Selbstgesehenen und -erlebten aus, das auch den Tagebuchtext so inspirierend prägt. Auch der ist völlig unprätentiös und genau deshalb so kraftvoll und direkt. Darin findet sich auch eine Liste seiner Polarbesitztümer, darunter "ein Paar Eskimohosen aus Robbenleder; Knochen einer Mützenrobbe - selbst geschossen; ein Bärenschädel; eine Eismöwe; Trommelfelle eines Wals; Lavastücke aus dem Magen einer Eiderente". Übrigens war Doyle am Gewinn der Hope beteiligt, und auch deshalb am Gelingen dieses Jagdunternehmens interessiert. Über acht Walboote verfügte das Schiff, doch wurden normalerweise nur sieben eingesetzt. Doyle und andere Freiwächter, so genannt weil sie sonst an Bord andere Pflichten als die Jagdcrew hatten, bemannten das achte Boot mit Erfolg: "Wir waren alle jung und stark und ehrgeizig, und ich glaube, unser Boot war nicht schlechter als jedes andere", sagte er 1907, da war er schon Sir Arthur Conan Doyle, in einem Interview, das er niemand Geringerem für die New York World gab als dem irischen Dracula-Romancier Bram Stoker!

Die Grausamkeit des Waljagens wird frank und frei, doch reuelos geschildert, denn der Walfang war da noch eine weltumspannende Industrie - an die Ausrottung der Wale dachte damals niemand. Heute gehören sie, trotz der bornierten Uneinsichtigkeit von Ländern wie Japan und Norwegen, zu den weltweit bestgeschützten Tieren.

Arthur Conan Doyle: Heute dreimal ins Polarmeer gefallen. Tagebuch einer arktischen Reise. Hrsg. Jon Lellenberg und Daniel Stashower. Aus dem Englischen und erweitert von Alexander Pechmann. Mareverlag, Hamburg 2015. 336 Seiten, 28 Euro.