Tadao Ando zum 80.:Der Kämpfer

Tadao Ando zum 80.: Vermutlich der einzige Autodidakt unter den Stararchitekten: Tadao Ando, aufgenommen 2017 im National Art Center in Tokyo.

Vermutlich der einzige Autodidakt unter den Stararchitekten: Tadao Ando, aufgenommen 2017 im National Art Center in Tokyo.

(Foto: KAZUHIRO NOGI; AFP)

Als Autodidakt und zeitweise Schwerkranker machte der Architekt Tadao Ando eine fast unwirkliche Karriere. Nun wird der Formenmeister des Beton achtzig Jahre alt - und arbeitet weiter.

Von Laura Weißmüller

Es wird vermutlich nicht viele Architekten geben, die einen knallroten Boxhandschuh an der Wand ihres Büros hängen haben. Noch weniger aber dürfte es geben, denen fünf Organe fehlen und die dem sogar noch etwas Positives abgewinnen können. Vermutlich gibt es sogar nur einen einzigen auf der ganzen Welt: Tadao Ando. Der japanische Architekt jagte der Autorin dieser Zeilen erst einen mächtigen Schrecken ein, als er ihr im Gespräch in Osaka davon erzählte, dass ihm aufgrund einer Krebserkrankung die Gallenblase, der Gallengang, die Bauchspeicheldrüse, die Milz und der Zwölffingerdarm fehlten. Und sorgte dann für Erstaunen mit der Erklärung, warum diese Tatsache nicht nur schlecht sei: "Meine fehlenden Organe sind der Grund, warum manche Auftraggeber sagen: Ich will Tadao Ando und keinen anderen. Dem Ando fehlen fünf Organe, und er kann trotzdem noch arbeiten."

Tadao Ando, der an diesem Montag 80 Jahre alt wird - und immer noch arbeitet -, ist ein Kämpfer. Das war er von Anfang an. Tatsächlich startete er seine Karriere als Profiboxer. "Ich fand es lustig, dass man fürs Kämpfen auch noch Geld bekommen sollte." Weniger amüsant dürfte sein Kampf um Anerkennung gewesen sein. Ando wuchs bei seiner Großmutter auf, wo es "nichts, was mit Kultur zu tun hat" gegeben haben soll. Keine Literatur, kein Kunstbuch und schon gar keinen Mentor, der den jungen Ando in seinen Interessen bestärkt hätte. Das übernahm laut Ando ein Buch mit Skizzen von Le Corbusier, worin der damals 15-Jährige zum ersten Mal die skulpturale Kraft der Baukunst erkannte.

Punta della Dogana and Santa Maria della Salute standing at the meeting point of the Grand and Giudecca canals, Venice,

Die ehemalige Zollstation Punta della Dogana hat Tadao Ando für den Privatsammler François Pinault zu einem zeitgenössischen Kunstmuseum umgebaut.

(Foto: Garry Ridsdale; imago images)

Mit dem französischen Meister teilt der japanische Architekt die Angewohnheit, all seine Bauten nach einem bestimmten Maßstab zu entwickeln. Doch was bei Le Corbusier der "Modulor" war, ist bei Ando die Tatami-Matte, eine Matte aus Reisstroh, die exakt neunzig mal 180 Zentimeter groß ist und die in traditionellen japanischen Häusern als Fußboden benutzt wird. Für den ausgebildeten Zimmermann, der nie Architektur studiert hat, bringt die Tatami-Matte den menschlichen Maßstab in seine Gebäude. Immer wieder greift Ando Einflüsse der traditionellen japanischen Architektur auf und führt sie in seine eigene Gegenwart.

Paris, France May 18, 2021 - Contemporary art museum La Bourse de Commerce Pinault Collection owned by billionaire Fran

Ebenfalls für François Pinault baute Tadao Ando die 250 Jahre alte Bourse de Commerce in Paris in ein Kunstmuseum um.

(Foto: Vincent Isore; imago images)

Mit Le Corbusier, den Ando so verehrt hat, dass er sogar seinen Hund mit dem Spitznahmen des Architekten - Corbu - versah, teilt der Pritzker-Preisträger noch etwas: seine Leidenschaft für Beton. Für Ando das Material, das man in jede Form bringen könne und dass ihm damit die Freiheit gebe, "alles zu tun".

Das Alles umfasst mittlerweile über 200 Gebäude, überwiegend Museen, aber auch Wohngebäude, Büros, Shopping Malls, Schulen. Jedes Einzelne besteht aus scheinbar streichelzarten Sichtbeton mit den kleinen runden Löchern der Schalungswände, die bei Ando immer so exakt ausfallen, dass sie längst als sein Markenzeichen durchgehen. Ebenfalls typisch für ihn: sein Umgang mit Licht. Wie mit dem Rasiermesser schneidet er den Einfall des Sonnenlichts in seinen Gebäude, allen voran in seinem Meisterwerke, der "Kirche des Lichts" von 1989, wo allein dadurch die Spiritualität in das Gotteshaus einzieht.

Skulpturenmuseum eröffnet

Eines seiner kleineren Projekte, aber vielleicht auch eines seiner besten: das Steinskulpturenmuseum in Bad Münster am Stein, wo Werke des Künstlerpaares Kubach-Wilmsen gezeigt werden.

(Foto: Fredrik Von Erichsen; dpa)

So beeindruckend die Architektur Tadao Andos ist, kommt sie mit ihm jedoch auch an eine Grenze. Der Baustoff Beton hat mit seiner fatalen Klimabilanz längst seine Unschuld verloren. Nicht selten sind Andos Entwürfe mehr gigantisch große Skulpturen als wirkliche Nutzbauten - kein Wunder, dass Privatsammler mit dem nötigen Budget ihn als ihren Museumsbauer favorisieren. In Japan gibt es heute kaum eine größere Stadt, die keinen Ando-Bau vorweisen kann. Die öffentliche Hand füttert seit Jahren die schwächelnde Wirtschaft mit Bauaufträgen. Beton wird als das Heroin des Landes bezeichnet. Wenn man so will, ist Tadao Ando also auch Japans bester Dealer.

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