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Szenische Lesung, live:"Ich habe es gesehen"

Es ist unsichtbar, kam mit einem Schiff aus der Ferne und soll die Menschen infizieren: Jens Wawrczeck liest Guy de Maupassants Schauernovelle "Der Horla".

Von Florian Welle

Nach dem Menschen kommt der Horla." Alles läuft in Guy de Maupassants virtuoser Schauernovelle auf den Moment zu, in dem der Name des unsichtbaren Wesens genannt wird, das vom Tagebuch schreibenden Ich-Erzähler Besitz ergriffen und ihn psychisch wie physisch zerrüttet hat. Die Tagebucheinträge umfassen einen Zeitraum von vier Monaten, in denen das Wesen vom Es - "Ich habe es gesehen" - zum Er - "Er saß da" - mutiert, um schließlich einen bizarren Namen und damit eine Identität zu erhalten: "ich höre ... der ... Horla ..."

Die von Auslassungspunkten durchlöcherte Passage ist der Höhepunkt von "Der Horla". Sie ist auch der Höhepunkt der inszenierten Lesung von Jens Wawrczeck aus dem Berliner Glaspalast Theater vom Herbst 2018, die nun als Live-Mitschnitt vorliegt und knapp achtzig Minuten lang ein schrecklich-schönes Vergnügen ist. Wawrczeck zelebriert die Stelle, nutzt die Auslassungspunkte für Pausen. Die erste dauert geschlagene sieben Sekunden, ehe das nächste Wort gestottert wird. Es folgt erneutes Schweigen, dann presst der Schauspieler voller Abscheu endlich das Wort "Horla" hervor.

Die Idee zu dem Abend stammt von Kai Schwind. Der Autor und Hörspielregisseur hat ein Faible für das Sinistre - einst inszenierte er auf einem Landgut das Gespenster-Hörspiel "Das Lufer Haus". Zudem ist er Experte für Live-Hörspiele, betreute einige der sehr beliebten Bühnenprogramme der unverwüstlichen "Die drei ???" wie "Phonophobia - Sinfonie der Angst".

"Ich habe Angst, wovor?" "Ich horche, wonach?" "Was habe ich nur?"

Es verwundert daher nicht, dass er auf der Suche nach einer Erzählerstimme für Maupassants in zwei Fassungen vorliegenden "Horla"-Text auf Jens Wawrczeck kam: Seit 1979 spricht dieser den Fragezeichen-Detektiv Peter Shaw. Man schätzt sich und teilt auch die Liebe zu Thriller und Noir. Das vielleicht Spannendste ist diesbezüglich die Reihe "Verfilmt von Alfred Hitchcock", in der Wawrczeck für sein Hörbuchlabel Edition audoba, in dem auch "Der Horla" erschienen ist, die wenig bekannten Literaturvorlagen zu Hitchcocks Filmen mit schierer Freude an Suspense und schwarzem Humor einliest.

Kai Schwind hat sich für die Bühnenversion von "Der Horla", bei der Wawrczeck von Keyboard, Cello und Harfe begleitet wird, an die Zweitfassung gehalten, die 1887 in einer Novellensammlung erschienen ist und wie kein zweiter Text Bram Stoker zu "Dracula" inspiriert hat.

In der zuvor erschienen kürzeren Urfassung schildert der Ich-Erzähler noch vor einer Ärzteschaft seine Fallgeschichte. Die Tagebuchform, die Maupassant dann wählte, erzeugt dagegen eine gesteigerte Unmittelbarkeit. Durch die panisch-gehetzten Aufzeichnungen, in denen der zurückgezogen auf dem Land lebende vermögende Schreiber von Vorkommnissen berichtet, die er sich rational nicht mehr erklären kann, und sich zunehmend krank und verfolgt fühlt, Zeuge eines zügig voranschreitenden Identitätszerfalls. Als Verursacher macht er schließlich den Horla aus, der mit einem Schiff aus Brasilien gekommen sein soll, um die Menschheit mit einer sich "epidemisch" ausbreitenden Geisteskrankheit zu infizieren: "Nach dem Menschen kommt der Horla."

Und der Leser oder der Hörer? Der muss seine eigene Antworten auf die in nahezu jedem Tagebucheintrag manisch aufgeworfenen Fragen finden: "Ich habe Angst, wovor?" "Ich horche, wonach?" "Mein Zustand ist schlimmer geworden, was habe ich nur?" Es gibt Interpreten, die sagen, dass sich hinter dem "Horla" das Wort Cholera verberge. Oder spielt es auf hors-là an, was man aus dem Französischen mit "da draußen" übersetzen kann?

Andere fragen sich, ob Maupassant mit dem Werk, das bestechend innovativ mit der Gattung Novelle umgeht, seine Syphilis-Erkrankung verarbeitete, die er sich als junger Mann zugezogen hatte und an der er geistig umnachtet mit nur 42 Jahren starb. Von den 1880er-Jahren an plagten ihn Angstzustände, Sehstörungen und Halluzinationen, Symptome, die auch dem Ich-Erzähler zu schaffen machen. Und ebenso wie dieser stellte sich sein Schöpfer selbst immer wieder die Frage: "Habe ich den Verstand verloren?"

Andererseits verweisen Forscher auf Maupassants unpersönlichen Schreibstil - darin dem älteren Freund und Lehrer Flaubert folgend -, der eine biografische Lesart seiner Texte per se ausschließen würde. Hermann Lindner, der vor wenigen Jahren "Der Horla" neu übersetzt hat, sieht darin eher die Willenslehre Schopenhauers verarbeitet.

Was aber passiert, wenn die Seele ihre Flügel zu weit öffnet und das Ich nicht nach Hause bringt, sondern hinauswirft?

Kai Schwind indes scheinen solche Fragen wenig zu kümmern. Für das "Horla"-Programm griff er auf die uralte Übersetzung von Georg von Ompteda zurück, in der etwa noch von "Hypnotismus" und nicht schlicht von "Hypnose" die Rede ist. Zudem kürzte er vor allem jene Passagen, in denen der Erzähler weit ausholt, unter anderem über das Wissen seiner Zeit zu Krankheit und Wahnsinn reflektiert. Schwind und seinem Performer Wawrczeck ging es hörbar vor allem um den wohligen Schauer, der einem über den Rücken laufen sollte.

Die Intensität des Auftritts ist auch noch im Mitschnitt zu spüren. Die Zuschauer sind frappierend still - nur ein einziges Mal hat sich ein Huster auf die Aufnahme geschlichen. Verständlich. Wawrczeck zieht einen unmittelbar in die Geschichte hinein, indem er den Schreiber bereits im ersten Eintrag, als noch alles in Ordnung zu sein scheint, als überspannt und spleenig anlegt. "8. Mai. Nein ist der Tag schön!" juchzt er mit angekratzt hellem Timbre, um zu beglaubigen, dass der Erzähler dann etwas zu enthusiastisch dem brasilianischen Dreimaster zuwinken wird, der die Seine heraufschippert und ihm so "wunderbar leuchtend" vorkommt, dass man sofort stutzig wird. Schon in der nächsten Aufzeichnung klagt er über Fieber und Traurigkeit.

Wawrczecks atemloses Solo in sprunghaft wechselnden Stimm- und Gefühlslagen wird strukturiert durch musikalische Zwischenspiele, die für die passende Atmosphäre sorgen und zunehmend dramatischer werden. Maria Todtenhaupt entlockt ihrer Harfe geisterhafte Töne, während Anne Müller am Cello das Abgründige auslotet. Für die Komposition ist Martin Stelzle verantwortlich, der auch das Keyboard bedient. Zudem untermalen gezielte Geräuscheffekte aus der Gruselkiste - ein pumpendes Herz, eine tickende Uhr, tropfendes Wasser - den Vortrag.

Zuletzt hat Schwind der Inszenierung einen Rahmen gegeben, der die Novelle zwischen Romantik und Moderne verortet. Eingangs singt Wawrczeck ziemlich schräg Paul Bourgets Gedicht "Beau Soir" in der Vertonung von Claude Debussy und zum Schluss - noch etwas irrer - Eichendorffs von Schumann vertonte "Mondnacht". Dort heißt es: "Und meine Seele spannte/Weit ihre Flügel aus". Maupassant hat gezeigt, was passiert, wenn die Seele zu weit die Flügel öffnet und ihren Besitzer nicht nach Hause bringt, wie es das Gedicht in der letzten Zeile andeutet, sondern aus dem Herrenhaus hinauswirft. Am Ende setzt der Ich-Erzähler sein Landgut in Flammen. Ob er anschließend Selbstmord begeht, bleibt offen.

Guy de Maupassant: Der Horla. Gelesen und gesungen von Jens Wawrczeck. Ein Live-Mitschnitt aus dem Glaspalast Theater Berlin. 1 CD mit Booklet, Laufzeit 77 min. Edition audoba 2020, 15 Euro.

© SZ vom 10.03.2020
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