Szene:Herkules' Arbeit

Kleiner Raum, großer Anspruch: Auch im teuren München gibt es Off-Spaces. Allerdings ist der Platz teuer - die junge Szene geht in die Hinterhöfe.

Von Natalie Broschat

Es sind nur zwei bedruckte DIN-A4-Blätter, die an den fensterlosen Wänden des "Prince of Wales" hängen, einem Off-Space in der Münchner Innenstadt. In der Ecke steht noch ein Hocker, auf dem ein Stapel Papier liegt, über die alte Eisentreppe rechts des Gasofens kommt man in den zweiten Stock. Ein weiterer kleiner Raum, der aus Pappe gebastelte "Flughund im Kasten", lehnt schlicht an der Wand. In diesem "kleinen Haus im Hof" hat Johannes Tassilo Walter einmal selbst gewohnt, bevor er mit befreundeten Künstlern dort im Jahr 2011 die "Waschküche für Kunst, Ästhetik und Poesie" eröffnete. Viele mittlerweile bekannte Künstler haben dort ausgestellt. Stephan Janitzky, der gerade seine "Parerga" zeigt, wird eigentlich von Deborah Schamoni vertreten, einer der wichtigsten Galerien in München. Er war darüber hinaus schon bei der "Favoriten"-Schau "Neue Kunst aus München" im Lenbachhaus dabei.

Off-Spaces "sind nicht off, sondern on. Sie sind Trendsetter", sagt Marina Leuenberger-Rüttimann, die sich als Kunsthistorikerin mit Off-Spaces beschäftigt. Sie seien wichtig für die Kulturszene einer Stadt, als Insider-Treffs und periphere Orte der Kreativität. Als Projektraum, Labor und Spielwiese für unetablierte Künstler und "Trainingslager der Subkultur", wie das Magazin Art sie nennt. Aber wie sieht das aus in einer Stadt wie München, wo die Mieten hoch sind und "Leerstand" ein unbekannter Begriff? Und tatsächlich ist die Kunststadt München zwar reich an Museen, Ausstellungsinstitutionen und florierenden Galerien - doch die unabhängigen Orte muss man suchen.

Der "super+CENTERCOURT" residiert an einer Straßenkreuzung in der Maxvorstadt, ein winziger Raum, mit nur zwei Wänden, der Rest sind Schaufenster. Durch die konnte man zuletzt die Videokunst von Maria Justus betrachten. Rosali Wiesheu und Viktoria Wilhelmine Tiedeke kuratieren seit drei Jahren den Raum, und wie es sich für einen Off-Space gehört, gibt es kein Jahres- und Künstlerprogramm. Alle Künstler aus München und Umgebung können sich mit ihrer Arbeit bewerben, betonen die beiden jungen Frauen, die im vergangenen Herbst bereits zum dritten Mal die Munich Off Week veranstalteten: Leer stehende Räume wurden vorübergehend von der Szene okkupiert, kurz wurden die Nischen der reichen Kunststadt sichtbar.

Ansonsten hält sich die Stadt mit der Unterstützung der Szene zurück. "Für einzelne Ausstellungen gibt es punktuellen Zuschuss und eine sehr kleine Förderung der Bezirksausschüsse, aber fast nichts von der Stadt. Die verlangt eine Gebühr von uns dafür, dass wir die Vernissagen anmelden", sagt Rosali Wiesheu. Der "Prince of Wales" wiederum bekommt eine "sehr kleine Förderung vom Kulturreferat, die gerade mal für die Druckkosten der Ausstellungstexte reicht und nicht verlängert wurde". Weil auch die Mietkosten bezahlt werden müssen, wird der "Prince of Wales" im Sommer seinen Thron abgeben. Yves-Michele Saß und Stefan Fuchs haben bis vor Kurzem an der Akademie der Bildenden Künste studiert. Yves-Michele Saß' Abschlussarbeit bestand darin, die drei Gemälde seines Kommilitonen Stefan Fuchs bei der Diplomausstellung zu kuratieren, dessen plakative Gemälde und wuchtige Skulpturen zeitgleich die Galerie Sperling am Regerplatz ausstellt. Saß und Fuchs sind zudem im Künstlerkollektiv "We are Hercules" verbunden und führten zwei Jahre lang den Off-Space "Spreez". Doch nach zwölf Ausstellungen und der Veröffentlichung von drei Magazinen "wollte der Vermieter die Räume zurück", sagt Yves-Michele Saß, der energisch wird, wenn es um Kunst und den Markt geht: "Da läuft grad' was schief, aber 'We are Hercules' machen wieder was! Die Finanzierung muss nur durchgehen." Auch der "Prince of Wales" will nicht aufgeben - bis klar ist, wie es weitergeht, gestaltet Jonas von Ostrowski das Schaufenster des Kunstvereins im Hofgarten München. Der Institution, die sich der Zusammenarbeit mit noch nicht etablierten Künstlern nicht verschließt.

Doch haben Off-Spaces ein Ablaufdatum: "Ein erfolgreicher Off-Space ist kurzlebig. Ausstellungsräume, die zu lange nach dem gleichen Modus betrieben werden, verlieren ihren Reiz", schreibt Leuenberger-Rüttimann. So gesehen haben "We are Hercules" mit "Spreez" alles richtig gemacht und der "Prince of Wales" war mehr als erfolgreich. Und Erfolg, da sind sich alle einig, besteht nicht nur darin, dass der Kunstmarkt die Künstler einkauft, die man zeigt. In einer Stadt wie München gelte es, zu beweisen, dass Experimente möglich sind und sich dadurch das künstlerische Potenzial der Stadt wirklich entfalten kann. München braucht diese Experimente. Gerade die kurzen Störungen bleiben am längsten im Gedächtnis.

© SZ vom 04.03.2017
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