Tassilo-Preis der SZIm Umland pulsiert das Kulturleben

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Cooler Auftritt: Ein Musiker der Inklusions-Band „Das rote Motorrad“ bei der Tassilo-Preisverleihung.
Cooler Auftritt: Ein Musiker der Inklusions-Band „Das rote Motorrad“ bei der Tassilo-Preisverleihung. (Foto: Robert Haas)
  • Die Süddeutsche Zeitung vergibt zum 25. Mal den Tassilo-Kulturpreis und zeichnet neun Projekte aus dem Münchner Umland aus.
  • Die drei Hauptpreise gehen an die Inklusions-Band „Das rote Motorrad" aus Steinhöring, den Zirkuskünstler Solomon Solgit aus Bad Tölz und die Kulturmacherinnen von „Modern Studio" aus Freising.
  • Die Preisverleihung zeigt, dass der ländliche Raum oft mehr Kultur bietet als die Stadt und der eigentliche Nährboden für kulturelle Projekte ist.
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Die Inklusions-Band „Das rote Motorrad“  aus Steinhöring, der Tölzer Zirkuskünstler Solomon Solgit und die Freisinger Kulturmacherinnen von „Modern Studio“ räumen bei der feierlichen Verleihung die drei Tassilo-Hauptpreise ab. Und beweisen mit all den anderen Preisträgern, dass im ländlichen Raum oft mehr geboten ist, als man denkt.

Von Katja Sebald

Ausgezeichnet worden sind diesmal ein Theaterprojekt vor den Toren der Stadt und ein anderes im Hinterland. Ein junger Stargeiger, ein Jugendorchester und eine inklusive Rockband. Zwei Frauen, die anspruchsvolle Kunst und Literatur ermöglichen und 300 Menschen, die ein Museum finanzieren. Ein Zirkuskünstler, der mit Kindern Musik macht, und eine bildende Künstlerin, die Orte verwandelt.

Seit einem Vierteljahrhundert vergibt die Süddeutsche Zeitung den Tassilo-Kulturpreis. Mit dem Preis solle die kulturelle Vielfalt im Münchner Umland abgebildet und gefördert werden, sagte Ulrike Heidenreich, Ressortleiterin für München, Region und Bayern, bei der festlichen Preisverleihung am Mittwochabend im großen Saal des Literaturhauses.

Bestens gelaunt führten die stellvertretende Ressortleiterin Karin Kampwerth und Susanne Hermanski, Teamleiterin Kultur München und Bayern, durch den Abend, aber bereits in den ersten Minuten stahl ihnen Das rote Motorrad die Show: Laut sein, auf die Pauke hauen und Spaß haben wollen die acht Musiker der inklusiven Band aus dem Betreuungszentrum Steinhöring bei Ebersberg. „Nix Orff, wir wollen Rock!“, forderten sie vor mittlerweile 37 Jahren. Also mutierte Franz Wallner kurzerhand vom Musiktherapeuten zum Bandleader – und ist es noch heute, obwohl er eigentlich längst in Rente wäre. Begeistert und einfach mitreißend rockten die Bandmitglieder den Saal. Ihre Preis-Patin, die Pianistin Sophie Pacini, überreichte ihnen einen Hauptpreis und die dazugehörige Urkunde. „Alle sagten, das geht nicht. Aber dann kam einer, der wusste das nicht und hat’s einfach gemacht. Dieser Satz ist für euch geschrieben worden“, sagte Pacini.

„Nix Orff, wir wollen Rock“: Die inklusive Band „Das rote Motorrad“ bekam von Patin Sophi Pacini einen der Hauptpreise überreicht.
„Nix Orff, wir wollen Rock“: Die inklusive Band „Das rote Motorrad“ bekam von Patin Sophi Pacini einen der Hauptpreise überreicht. (Foto: Robert Haas)

Ein weiterer Hauptpreis ging an den Künstler Solomon Solgit, der in Bad Tölz lebt, aber in Äthiopien geboren wurde und in einem Zirkus aufwuchs. Mit dem Cirque du Soleil reiste der Weltklasse-Akrobat einst um den Globus, heute hat er eine Zirkusschule für Kinder und Jugendliche, er inspiriert junge Menschen, ihre eigene Musik zu machen und ermutigt sie, auf die Bühne zu gehen. „Ich kann nicht, gibt es nicht“, davon ist er überzeugt. Mit einer beeindruckenden Tanzeinlage begeisterte er, begleitet von zwei seiner Schülerinnen, das Publikum im Saal.

Solomon Solgit Auftritt Tassilo (Video: Claudia Koestler)

Axel Tangerding überreichte Solomon Solgit den Preis als Pate. Er plant bereits ein gemeinsames Projekt mit ihm in seinem Meta-Theater in Moosach.

Ein gemeinsames Projekt ist schon geplant: Hauptpreisträger Solomon Solgit mit seinem Paten Axel Tangerding.
Ein gemeinsames Projekt ist schon geplant: Hauptpreisträger Solomon Solgit mit seinem Paten Axel Tangerding. (Foto: Robert Haas)

Der Schauspieler Rufus Beck war Pate für den dritten Hauptpreis, der an Irmgard Koch und Helma Dietz ging. Die beiden pensionierten Lehrerinnen holen in ihrem „Modern Studio“ seit 30 Jahren überregionale zeitgenössische Kunst und Literatur nach Freising, außerdem bringen sie anspruchsvolle Jugendliteratur in Schulen, um junge Menschen zum Lesen zu inspirieren. „Wir sind total geflasht von diesem Preis“, bekannten die beiden ganz unliterarisch, als sie die glänzende Plexiglas-Trophäe in Händen hielten, die an diesem Abend jedes Mal mit dem Hinweis „Vorsicht, sehr schwer!“ überreicht wurde.

„Wir sind total geflasht von diesem Preis“: Helma Dietz und Irmgard Koch (von links) von Modern Studio mit Moderatorin Susanne Hermanski und Pate Rufus Beck.
„Wir sind total geflasht von diesem Preis“: Helma Dietz und Irmgard Koch (von links) von Modern Studio mit Moderatorin Susanne Hermanski und Pate Rufus Beck. (Foto: Robert Haas)

Moderne Zwei-Personen-Stücke über den ganz normalen Beziehungswahnsinn bringt das Schauspielerpaar Teresa Sperling und Stefan Voglhuber auf die Bühne – aber nicht in großen Theatern, sondern beim Wirt in Oberbierbach im Landkreis Erding, selbstredend auf Bairisch. Die beiden Schauspielprofis betreiben die „Reimeringer Theatermanufaktur“, sie geben ihre Expertise auch an Laienspielgruppen und in Workshops weiter. Vor allem aber liegt ihnen das Theater auf dem Land am Herzen. Und sie wissen, wovon sie sprechen, denn der Weiler Reimering im Erdinger Holzland, wo sie ihren Lebensmittelpunkt haben, besteht aus gerade einmal sieben Häusern.

„Vorsicht, sehr schwer!“ Teresa Sperling und Stefan Voglhuber mit dem Tassilo-Preis.
„Vorsicht, sehr schwer!“ Teresa Sperling und Stefan Voglhuber mit dem Tassilo-Preis. (Foto: Robert Haas)

„Es ist furchtbar hier im Saal zu sitzen, weil man sich bei jedem zweiten Satz angesprochen fühlt“, bekannte Tassilo Probst aus Emmering lachend. Aber nicht wegen der Namensgleichheit mit dem bayerischen Herzog wurde der 23-jährige Ausnahmegeiger ausgezeichnet, sondern wegen der Leidenschaft, mit der er Menschen für Musik zu begeistern versteht. Trotz seines vollen Terminkalenders und trotz der gut zwei Dutzend Preise, die er bereits gewonnen hat, sei der Tassilo-Preis für ihn etwas ganz Besonderes und eine große Ehre, sagte er.

Ein Tassilo für Tassilo Probst: Der ausgezeichnete Geiger gab eine Probe seines Könnens
Ein Tassilo für Tassilo Probst: Der ausgezeichnete Geiger gab eine Probe seines Könnens (Foto: Robert Haas)

Um Freude am Musizieren, um Gemeinschaft, Empathie und die Kunst des Aufeinander-Hörens geht es der Geigenlehrerin Gudrun Huber, die 2016 das Dachauer Jugendsinfonieorchester ins Leben gerufen hat. Etwa 35 junge Menschen zwischen zehn und 22 Jahren machen dort heute gemeinsam Musik. Sechs von ihnen waren mit der Orchesterleiterin nach München gekommen, um den Preis entgegenzunehmen. Das Gedenken an den Holocaust sei in Dachau immer präsent, sagte Huber, deshalb engagiere sich das Orchester auch stark für die Erinnerungskultur und habe beispielsweise im Januar 2025 zusammen mit der Musikschule Oświęcim ein Konzert zum 80. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz gespielt.

Leiterin Gudrun Huber (links) vom Dachauer Jugendsinfonieorchester wurde von sechs jungen Musikerinnen und Musikern begleitet.
Leiterin Gudrun Huber (links) vom Dachauer Jugendsinfonieorchester wurde von sechs jungen Musikerinnen und Musikern begleitet. (Foto: Robert Haas)

Die Künstlerin Anna Schölß versteht es, einen Bogen von der Erinnerungsarbeit zur Zukunftsvision zu schlagen. In drei viel beachteten Ausstellungen im ehemaligen Kloster Schlehdorf machte sie die Geschichte des alten Gebäudes sichtbar und zeigte gleichzeitig Möglichkeiten für eine zeitgemäße Nutzung als Kunstort auf. Auch in ihrem Wohnort Kochel nimmt sie die Menschen mit, um neue Verbindungen zu schaffen und das eigene Umfeld aktiv zu gestalten. Sie wurde für dieses Engagement ebenso ausgezeichnet wie der Freundeskreis des Museums Starnberger See, der nicht nur den Ausstellungsbetrieb in Zeiten knapper Kassen finanziert, sondern auch Menschen zusammenbringt, denen ihr Museum und das kulturelle Leben in ihrer Stadt eine Herzensangelegenheit ist.

Engagierte Künstlerin: Anna Schölß wurde für ihre Arbeit im ehemaligen Kloster Schlehdorf ausgezeichnet.
Engagierte Künstlerin: Anna Schölß wurde für ihre Arbeit im ehemaligen Kloster Schlehdorf ausgezeichnet. (Foto: Robert Haas)
Große Runde: Vertreter des Freundeskreises Museum Starnberger See mit den Moderatorinnen Karin Kampwerth (links) und Susanne Hermanski (rechts).
Große Runde: Vertreter des Freundeskreises Museum Starnberger See mit den Moderatorinnen Karin Kampwerth (links) und Susanne Hermanski (rechts). (Foto: Robert Haas)

Um das Miteinander von Menschen und die Identifikation mit dem eigenen Wohnort geht es auch der Theaterpädagogin Anschi Prott mit der Bürgerbühne Unterföhring. Sie arbeitet mit spielfreudigen Laien unter professionellen Bedingungen und greift in ihren Inszenierungen Themen auf, die Menschen am Ort bewegen. Es geht ihr nicht zuletzt darum, die soziale Durchlässigkeit zu fördern und verschiedene Milieus oder Generationen zusammenzubringen. „Wir hoffen, dass Sie noch viele Jahre weitermachen“, sagte Sandra Geisler, die geschäftsführende Vorständin von SZ Gute Werke, und zeichnete Anschi Prott für ihr Engagement mit dem Kulturpreis im sozialen Bereich aus. Die Preisträgerin bedankte sich bei den Journalisten, weil sie mit ihrer Berichterstattung die kulturellen Projekte im Umland sichtbar machen.

Theatermacherin mit sozialem Anspruch: Preisträgerin Anschi Prott (links) mit SZ-Gute-Werke-Vorständin Sandra Geisler.
Theatermacherin mit sozialem Anspruch: Preisträgerin Anschi Prott (links) mit SZ-Gute-Werke-Vorständin Sandra Geisler. (Foto: Robert Haas)

Das Umland werde oft zu Unrecht von der Stadt aus belächelt, hatte zuvor auch Axel Tangerding gesagt. Der Theatermacher betonte, dass das Leben von Künstlern oftmals nur auf dem Land finanzierbar sei. Der ländliche Raum sei deshalb der eigentliche Nährboden, auf dem Kultur entstehe. Und in diesem Sinn verabschiedete Karin Kampwerth die Besucher an diesem kurzweiligen Abend bis hoffentlich zur nächsten Tassilo-Preisverleihung in zwei Jahren.

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