SZ-Serie: Wem gehört die Kunst? Rückgabe mit Hindernissen

Seit drei Jahren geht Sibylle Ehringhaus für das Museum Georg Schäfer der Herkunft von Bildern nach. Die Restitution läuft schleppend

Von Sabine Reithmaier

Der helle, rhythmisch durch Fenster und Loggien akzentuierte Kubus am Rande der Schweinfurter Altstadt ist nicht zu übersehen. Seit 2000 birgt der großzügig angelegte Bau das Museum Georg Schäfer und damit eine der bedeutsamsten Privatsammlungen von Kunst des 19. Jahrhunderts. Hier arbeitet seit September 2016 die Provenienzforscherin Sibylle Ehringhaus.

Die Berlinerin kam mit einem konkreten Auftrag nach Schweinfurt: Für 21 Bilder der Sammlung, darunter Werke von Wilhelm Leibl, Adolf Menzel und Lovis Corinth, lagen seit längerem Restitutionsersuchen vor; es galt zu klären, ob der Raubkunstverdacht berechtigt war. Vermutlich hoffte das Museum, das durch die Rückgabeforderungen mehrmals negativ in den Medien auftauchte, durch die Arbeit der Kunsthistorikerin aus den Schlagzeilen zu kommen. "Ich bin da, damit keiner schreit", spöttelt denn auch Ehringhaus, während sie durch die Ausstellungssäle führt, vorbei an beeindruckenden Werkkomplexen, ob zu Caspar David Friedrich, Carl Spitzweg oder Adolph Menzel.

Nur zwei Gemälde mit einer ausführlichen Herkunftsdokumentation hängen in den Sälen. Im Fall von Carl Blechens Gemälde "Klosterhof mit Kreuzgang" hat sich der Raubkunstverdacht erhärtet, während Ehringhaus für Menzels kleines Genrebild "Wohnzimmer mit Justizminister Maercker" den Verdacht ausräumen konnte. Ein bisschen wenig für drei Jahre Arbeit. Ehringhaus zuckt die Schultern. Sie habe ihren Auftrag abgearbeitet, sagt sie. Selbstverständlich könne dem Besucher mehr Provenienzforschung geboten werden. "Aber das ist eine Entscheidung der Museumsleitung."

Nach konkreten Ergebnissen gefragt, wird sie ziemlich einsilbig. Die 21 Restitutionsbegehren, die sie vorfand, waren durch die Anwälte der jeweiligen Erben schon ziemlich gut vorgeprüft. Inzwischen hat sie alles durchgearbeitet. In den meisten Fällen hat sich der Verdacht bestätigt. Sie habe ihre Empfehlungen abgegeben, auch darauf hingewiesen, dass es eigentlich keine Entschuldigung mehr gebe, die Rückgabe an die rechtmäßigen Erben zu verweigern, sagt Ehringhaus. Aber nein, restituiert worden sei bislang nichts.

Raubkunst ist Carl Blechens Gemälde "Gotischer Klosterhof/Klosterhof mit Kreuzgang" (um 1833/35), das im Museum Georg Schäfer hängt.

(Foto: Museum Georg Schäfer)

Das Museum basiert auf einer komplizierten Konstruktion. Das Gebäude gehört dem Freistaat - er hat den Bau finanziert. Die Sammlung des ehemaligen Schweinfurter Industriellen gehört der Stiftung Georg Schäfer, der Betrieb des Museums ist Sache der Stadt. Drei Stühle also, die der unabhängigen Provenienzforscherin das Manövrieren nicht einfach machen, auch wenn sie im Auftrag der Stadt arbeitet. Die Expertin für deutsche Kunst im 19. Jahrhundert zählt zu jenen Kunsthistorikerinnen, die die Sammlung Gurlitt nach der Beschlagnahme durch die Staatsanwaltschaft Augsburg als erste begutachteten. "Da habe ich mich aber schnell wieder rausgezogen, weil ich es für einen Skandal hielt, dass Privatbesitz beschlagnahmt wurde." Kann sein, dass genau diese Haltung eine Empfehlung fürs Museum Georg Schäfer war.

Die Geschichten, die sie hinter den Gemälden entdeckt hat, sind spannend. Seit 2007 steht das bereits erwähnte Gemälde "Klosterhof mit Kreuzgang" des Landschaftsmalers Carl Blechens als Suchmeldung in der Lost-Art-Datenbank des Zentrums für Kulturgutverluste. Berthold Nothmann, Vorbesitzer, Kunstsammler jüdischer Herkunft und lange Geschäftsführer der Oberschlesischen Stahlwerksgesellschaft, hatte das Bild 1930 gekauft und - zur Freude der Provenienzforscherin - auf der Rückseite einen Klebezettel mit allen Angaben angebracht. Nothmann und seine Frau Martha wanderten 1939 nach London aus. Um die Reise zu finanzieren und die Reichsfluchtsteuer oder die Judenvermögensabgabe und diverse andere Schikanen begleichen zu können, sah er sich gezwungen, Werke aus seiner Sammlung zu verkaufen. Den "Klosterhof" bot er im Mai 1938 der Galerie Heinemann in München an, die es laut Einkaufsbuch wenige Monate später auch erwarb.

Doch die Galeristen Franziska Heinemann und ihr Sohn Fritz wurden ebenfalls verfolgt, was deren langjähriger Mitarbeiter Friedrich Heinrich Zinckgraf für sich zu nutzen wusste. Er übernahm Ende 1939 die arisierte Galerie. Das Bild blieb auch nach 1945 in seinen Händen; die Amerikaner registrierten es im Central Collecting Point (CCP) in München mit der Nummer "44291/1" - die Nummer ist rückseitig auf dem Keilrahmen zu lesen. 1949 erhielt es Zinckgraf zurück. Welche Wege das Bild noch zurücklegte, bevor es in die Schäfer-Sammlung kam, ist unerforscht. Aber als Raubkunst ist es zweifelsfrei einzustufen.

Verdächtig war auch Adolph Menzels "Wohnzimmer mit Justizminister von Maercker" (1847/48). Doch hier konnte Provenienzforscherin Sibylle Ehringhaus den Vorwurf widerlegen.

(Foto: Museum Georg Schäfer)

Würde das Museum Georg Schäfer den Grundsätzen der Washingtoner Erklärung zum Umgang mit NS-Raubkunst von 1998 folgen, müsste es das Werk an die Nothmann-Erben zurückzugeben. Doch das Museum hat sich der Erklärung nicht angeschlossen, anders als das ebenfalls private Buchheim-Museum in Bernried, das die Grundsätze anerkannt hat. Freiwillig, denn private Sammler sind wegen der gesetzlich festgelegten Verjährungsfristen bisher nicht verpflichtet, ein verfolgungsbedingt entzogenes Kunstwerk zurückzugeben. Allerdings kündigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Vorjahr bei der Konferenz "20 Jahre Washingtoner Prinzipien" Sanktionen für Stiftungen und Privatsammlungen an, die sich von der Erklärung nicht betroffen fühlten.

Mit dem Argument, die Bilder würden zum Stiftungsvermögen gehören, dürften daher nicht entnommen werden, hat sich die Stiftung Georg Schäfer bislang den Forderungen widersetzt. Aber ob eine Stiftungsaufsicht Einwände hätte, wenn von 1000 Gemälden 20 restituiert würden, zumal die Rückgabe ein übergeordnetes Ziel des deutschen Staates ist, darf bezweifelt werden. Ehringhaus, die inzwischen die Herkunft der restlichen 980 Gemälde erforscht, findet es jedenfalls grundsätzlich bedauerlich, dass in den letzten Jahren allerorten so wenig restituiert wird. "Es herrscht so eine irrationale Mentalität des Aussitzens in den Museen", findet sie.

Im Schweinfurter Museum gäbe es noch vieles zu erforschen, sagt sie. Die historische Figur des Sammlers Georg Schäfer etwa und die Rollen, die er innehatte. Offiziell begann er erst nach 1945 Kunst zu sammeln, aber abgesichert ist das nicht. Des Nachforschens würdig wären auch seine Kunstberater, zu denen etwa Ernst Buchner, ehemaliger Direktor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, zählte. Nicht zu vergessen die diversen Nachlässe, die Schäfer seiner Sammlung einverleibte, oder die Auktionskataloge von Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich, die an Hitler 270 Kunstwerke verkaufte.

Mit allzu viel Unterstützung kann Ehringhaus nicht rechnen. Erst während ihrer Recherchen entdeckte sie, dass für die Schäfer-Sammlung ein Einkaufsbuch existiert, von dem niemand im Museum wusste. Inzwischen hat ihr die Stiftung dessen Existenz bestätigt und angeboten, sie könne bei einzelnen Werken nachfragen. "Aber gesehen habe ich es bis heute nicht."