SZ-Serie: Was ist Deutsch?:"Wir werden viel Arbeit haben"

Als Sie vom Terror im Bataclan und im Fußballstadion von Paris gehört haben, was war Ihre Reaktion?

Wackerbauer: Für mich war das schrecklich. Beim Fußballspiel standen genau solche Bereitschaftspolizisten wie ich vor dem Stadion und haben die Einlasskontrollen gemacht. Genau die Arbeit, die wir machen, in der Allianz-Arena, in Unterhaching. Beim nächsten Dienstbeginn habe ich die Anschläge in Paris vor meinen Leuten besprochen: Es kann jederzeit passieren. Wir müssen noch mehr aufpassen.

Sie werden inzwischen verstärkt auf Weihnachtsmärkten eingesetzt, Sie nehmen an der Schleierfahndung in den Grenzregionen teil. Was bringt das?

Wackerbauer: Schleierfahnder haben ein ganz anderes Auge für gewisse Dinge. Autoschieber, Drogen, Menschenhändler, Terroristen oder Schleuser. Wir kontrollieren zehn, zwanzig, dreißig Fahrzeuge, bis wir einen Treffer haben, und die Fahnder finden wahrscheinlich bei jedem zweiten, dritten kontrollierten Fahrzeug irgendetwas, was zu einer Anzeige führt.

Viele Menschen fordern mehr Rechte für die Sicherheitsbehörden, mehr Überwachung, mehr Datenspeicherung - sonst seien wir gefährlich verwundbar.

Wackerbauer: Ich persönlich will keine Zustände wie in George Orwells "1984". Da habe ich als Polizist lieber eine Befugnis weniger, bevor ich in einem Überwachungsstaat lebe. Es heißt zwar: Ich habe nichts zu befürchten, ich bin ja ein braver Mensch. Aber jeder hat seine Privatsphäre, und ich habe keine Lust, dass irgendjemand ohne Grund seine Nase in mein Privatleben steckt.

Es gehört zur Sicherheitstradition in Deutschland, dass das Militär nicht im Inneren eingesetzt werden darf, außer in Katastrophenfällen. Die Kanzlerin hat jüngst erst wieder einen Versuch abgewehrt, daran zu rütteln. Wie sehen Sie das?

Wackerbauer: Ich persönlich wünsche mir nicht, dass die Bundeswehr im Inneren eingesetzt wird oder dass sie polizeiliche Maßnahmen ergreifen kann. Ich hätte das nicht gerne, wie jetzt in Frankreich oder Belgien, dass das Militär in den Städten in Tarnfleckanzügen herumläuft - außer im Katastrophenfall. Die Polizei ist absolut in der Lage, die Sicherheit zu gewährleisten. Außerdem wird ein Soldat anders ausgebildet als ein Polizist. Da müsste man grundlegend bei der Ausbildung der Soldaten etwas ändern.

SZ-Serie: Was ist Deutsch?: Florian Wackerbauer, 37, ist Zugführer und Oberkommissar der bayerischen Bereitschaftspolizei. Er ist seit 15 Jahren bei der Polizei. Seine Dienststelle ist die Abteilung in Dachau.

Florian Wackerbauer, 37, ist Zugführer und Oberkommissar der bayerischen Bereitschaftspolizei. Er ist seit 15 Jahren bei der Polizei. Seine Dienststelle ist die Abteilung in Dachau.

(Foto: OH)

Andere, sehr beliebte Forderung: endlich die Grenzen schließen.

Wackerbauer: Die Grenzen lückenlos dichtzumachen, das geht nicht. Das hat es auch früher nicht gegeben, als Grenzkontrollen bestanden haben. Wenn jemand über die grüne Grenze wollte, dann ist er rübergekommen. Ich glaube, die Deutschen sind sehr wohl wachsam, auch wenn sie nicht überall Verbrecher wittern. Aber das Misstrauen steigt. Wir bekommen jetzt schon mehr Anrufe von Bürgern, die sagen, dass ihnen etwas Verdächtiges aufgefallen ist.

Die sozialen Spannungen nehmen zu. Und die Polizei spürt diese Konfrontationen zuerst.

Weise: Ja, wir werden in Zukunft viel Arbeit haben.

Wackerbauer: Deutschland schafft das. Außer, es kommen weiterhin über Jahre hinweg so viele Flüchtlinge zu uns.

Was dann?

Wackerbauer: Die Deutschen sind gastfreundlich, vielleicht ist das auch der Vergangenheit geschuldet. Die meisten sind dem Islam oder Muslimen gegenüber nicht negativ eingestellt. Aber der konservative Bürger weiß nicht, wen er wählen soll, wenn ihm die aktuelle Lage nicht gefällt. Vielleicht schließen sich diejenigen, die bisher gesagt haben: Die machen das schon irgendwie!, der Pegida oder der AfD an oder anderen Strömungen, die noch rechtslastiger sind.

Was würde das für die Polizei bedeuten?

Wackerbauer: Dass wir vermehrt zu größeren Demonstrationen müssen. Dass wir Flüchtlingsheime schützen. Ich bin mir sicher, dass wir in den nächsten Jahren noch öfter zwischen den Fronten stehen werden. Seien es die Islamisten oder irgendwelche Rechtsextremen oder sonst wer.

SZ-Serie: Was ist Deutsch?: Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Deutschland wird sich verändern, wenn Hunderttausende neu hinzukommen. Aber was ist das - deutsch? Darüber debattieren Deutsche aus Ost und West, Wissenschaft und Praxis in dieser Serie. Heute: der Soziologe Stephan Lessenich.

Serie
Was ist deutsch?

Die Serie "Was ist deutsch?" behandelt Facetten und aktuelle Fragestellungen deutscher Identität. Erschienene Artikel:

Als wir uns vor einigen Monaten sprachen, sagten Sie: Im Moment können wir noch ab und zu ein Auge zudrücken, wenn etwa jemand den Führerschein nicht dabeihat oder falsch parkt. Viele Konflikte lösen wir durch Reden. Aber diese Kulanz wird vielleicht nicht mehr möglich sein.

Wackerbauer: Ja, die Einschreitschwelle könnte sinken, wie wir das nennen. Es wird mehr Druck geben, eine höhere Kontrolldichte. Wir werden hin und wieder härter durchgreifen müssen, vor allem damit gewisse Viertel nicht aus der Hand gleiten - wie französische Großstädte mit ihren parallelen Städten in den Städten. Dann müssen wir agieren, unbedingt.

Um mit Zuwanderern umzugehen, bräuchten Sie Zuwanderer in Ihren Reihen. Davon gibt es aber noch nicht so viele.

Wackerbauer: Dass ein türkischstämmiger Bayer oder jemand, der Arabisch spricht, zur Polizei geht, das ist bei uns in Bayern noch nicht so lange üblich. Dabei können wir die Sprachen gebrauchen. Die Kollegen verstehen die Mentalität besser. Einmal hatten wir einen türkischen Kollegen dabei, als uns jemand auf Türkisch beleidigte, hat er nur gesagt: Ich habe jedes Wort verstanden und jetzt machen wir eine Anzeige.

Die bayerische Polizei bekommt mehr Stellen, neue Ausrüstung, neue Schutzwesten und Helme, die allerdings etwas nach Darth Vader aus "Star Wars" aussehen.

Wackerbauer: Ich habe eine Schutzweste für Kleinkaliber oder für normale Waffen. Aber es ist gut, dass wir jetzt auch für großkalibrige Waffen ausgestattet werden. Und ich sehe gerne aus wie Darth Vader, wenn der Helm Schutz bietet. Ich habe sie noch nicht gesehen, nur das Bild - aber das ist schon ziemlich lustig.

© SZ vom 18.12.2015/doer
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