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SZ-Serie: Stimmen aus Syrien:"Freude währt in Syrien nur kurz, aber der Schmerz dauert ewig"

Syrische Stimmen

Feier im Freien: Junge Männer beim Junggesellenabschied.

(Foto: Anas al-Shami)

Die Lage im zerbombten Aleppo ist trist. Um Krieg und Trauer zumindest für einen Tag zu entkommen, wagt ein Fotojournalist einen Roadtrip.

Über Syrien wird viel geschrieben: Kriegsverlauf, Geopolitik, Fluchtursachen. Aber wie sehen die Syrer selbst ihr Land? Wir haben Schriftsteller und Intellektuelle in Syrien gebeten, uns Texte und Gedanken zu schicken, so offen wie möglich, so vorsichtig wie nötig. Der 22-jährige Anas al-Shamy ist Fotojournalist und kommt aus der einstigen Rebellenhochburg Ost-Ghouta. Nach der Offensive der Regierung im Februar floh er nach Aleppo. Dort lebt er mit seiner elfköpfigen Familie im Vorort al-Bab.

Wenn ich etwas dringend brauche, dann eine Auszeit. Ich sehne mich nach ausgelassenen Stunden, in denen ich den Krieg, das Wehklagen, den Schmerz für einen kurzen Moment vergessen kann. Menschen auf der ganzen Welt fahren gerade in den Sommerurlaub. Wir Syrer können das Land nicht verlassen, ohne einem Schlepper einige Hundert Dollar in die Hand zu drücken - also reicht es schon, wenn wir für einige Stunden an den See fahren, dachte ich mir. Um sechs Uhr morgens bin ich mit zehn Freunden aufgebrochen. Da niemand um diese Uhrzeit ernsthaft sein Frühstück genießen kann, haben wir alles eingepackt. Am Abend zuvor habe ich Fleischspieße gewürzt, darin bin ich wirklich gut. Unser Ziel war der Maydanki-See, nördlich von Afrin.

Eigentlich sollte die Fahrt zweieinhalb Stunden dauern, aber es passierte, was passieren musste: Wir hatten auf dem Weg eine Autopanne. Zum Glück war unser Freund aus Homs dabei, er ist Automechaniker und hat in al-Bab seine eigene Werkstatt. Es dauerte ein paar Stunden, dann konnten wir weiterfahren. Die Stimmung war weiterhin ausgelassen, nichts konnte unsere gute Laune trüben. Die Auszeit, wir alle dursteten so sehr danach. Und was ist schon ein Roadtrip ohne Zwischenfall?, dachten wir uns. Richtig, er ist das Gewürz jeder Reise.

Als wir das türkisfarbene Wasser von Weitem sahen, waren wir so aufgeregt wie Kinder. Unsere Augen hatten sich an das fahle Grau der Häuser gewöhnt, die einzige Farbe, die aus Schutt und Asche herausstach, war das Rot des Blutes.

Jede Auszeit hat mal ein Ende

Doch an diesem Tag wollten wir keine trüben Gedanken an uns heranlassen. Das kommt in Syrien noch früh genug - ob man will oder nicht. Also packten wir als Erstes unser Frühstück aus. Wir aßen Musabaha, cremiges Kichererbsenmus, Käse, Sesamsoße und Brot. Danach sind wir ins Wasser gesprungen, haben uns gegenseitig angespritzt. Mein Freund aus Homs hat versucht, mich unter Wasser zu drücken, aber ich kann schwimmen, also hat er irgendwann aufgegeben.

Dann war mein großer Auftritt als Grillmeister. Ich hatte das Sagen, entschied, wann die Hähnchenspieße die richtige Farbe hatten, und verteilte sie an meine Freunde. Neben uns feierte eine Gruppe Männer einen Junggesellenabschied: Sie hörten Musik, tanzten und trommelten bis in die Abendstunden. Fischer warfen ihre Köder ins Wasser und zogen Fische an Land. Auch einige Frauen waren am Ufer und sprangen ins Wasser.

Als es langsam dunkel wurde, mussten wir zurückfahren. Jede Auszeit hat mal ein Ende. Und unsere ist wohl schneller zu Ende, als wir uns je erholen können. Am See hatte ich keinen Handyempfang. Und als ich nach Hause kam, las ich Nachrichten des Schreckens. Während ich im türkisblauen Wasser badete, erhielten Tausende Familien in Syrien die Gewissheit, dass sie ihre Liebsten nie mehr wiedersehen. Die Regierung von Baschar al-Assad veröffentlichte Listen mit den Namen ermordeter Regierungsgegner, die jahrzehntelang im Gefängnis saßen. Deren Angehörige hatten die leise Hoffnung, dass die Verschwundenen vielleicht eines Tages vor der Tür stehen. Vielleicht nur noch in der Hülle ihres Körpers - aber selbst das hätte ihnen gereicht. Stattdessen verrotteten diese im Gefängnis oder waren schon lange tot.

Freude währt in Syrien nur kurz, aber der Schmerz dauert ewig. Auszeiten sind wichtig - aber sie sind so schnell vergessen, dass es schmerzt.

Aus dem Arabischen von Dunja Ramadan.

© SZ vom 09.08.2018/bere

SZ-Serie - Stimmen aus Syrien
:Wir haben überlebt. Aber irgendwie auch nicht.

Der syrische Fotograf Anas al-Shamy erzählt, warum ihn bei seiner Flucht aus dem belagerten Ost-Ghouta die eigenen Landsleute mit Steinen beworfen haben - und warum er nicht mehr an Frieden glaubt.

Gastbeitrag von Anas al-Shamy

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