SZ-Serie: Sommerhaus, früher Manchmal tanzte sie, "aus lauter Freude, mutterseelenallein dort zu sein"

Woher kommt diese Einsamkeit? Astrid Lindgren hat mal gesagt, dass sie nur über das schreiben könne, was sie kennt. Was sie kannte, war eine glückliche Kindheit in Småland. Sie wusste, wie es ist, auf dem Pfarrhof Näs in Vimmerby mit drei Geschwistern aufzuwachsen und bis zum Umfallen zu spielen. Sie wusste nicht, was es heißt, ein Kind in Stockholm oder auf einer Schäreninsel zu sein, und hielt diese Orte lange aus ihren Geschichten heraus. Als ihr Bruder Gunnar 1974 starb, schrieb sie: "Bullerbüs Lasse, der erste Sachensucher, ist tot." Der Pfarrhof Näs war Bullerbü, und sie war kein verlassenes, sondern ein recht glückliches Kind, das später zu einem einsamen Teenager wurde. Und als Teenager ließ sie dann selbst ein Kind allein, Lasse in Kopenhagen.

Niemand weiß, wie sehr der kleine Lasse ihre Kinderfiguren beeinflusst hat. Als die Brüder Löwenherz erscheinen und sie immer wieder gefragt wird, ob Tod und Freitod die richtigen Themen für ein Kinderbuch seien, sagt Astrid Lindgren sinngemäß: Mehr Angst als vor dem Tod hätten Kinder davor, verlassen zu werden. Die Brüder Löwenherz verließen einander nicht, und das sei tröstlich.

Erst spät schreibt sie eine Geschichte über die für sie so heilsamen Schären

Astrid Lindgren selbst hat sich in der Natur eine Trösterin gesucht. Einer Zeitung sagte sie 1983, die Natur sei "eine Liebe, die man behält, solange man lebt". Das dürfte Furusund eingeschlossen haben. Als immer mehr Menschen Geld, Rat, ein nettes Wort oder ein politisches Statement von der berühmten Autorin haben wollten, zog sie sich oft auf die Insel zurück. Im Herbst 1965 schrieb sie an ihre Jugendfreundin Anne-Marie Fries von einem Besuch auf Furusund, "mit ruhigem blauen Wasser, einem blauen Himmel, roten und gelben Bäumen, sternenklaren Abenden und so traurigen und herbstlich schönen Sonnenuntergängen, dass es kaum zu ertragen war". Sie habe in ihrer Einsamkeit getanzt, schrieb sie, "aus lauter Freude, mutterseelenallein dort zu sein".

Eine Geschichte über die Schären schreibt sie erst, als ein Filmproduzent sie um ein Drehbuch für eine TV-Serie bittet. Drehort wird die Insel Norröra, nicht weit von Furusund. In der Geschichte heißt sie Saltkråkan, wie das Boot. Nach 25 Jahren voller Urlaube auf Furusund beschreibt sie, wie heilsam ein Sommer in den Schären sein kann. Ihre Familie - Karin, Lasse und sieben Enkel - weiß das längst. Anfang der Sechzigerjahre kauft Astrid Lindgren für sie zwei weitere Häuser auf der Insel, ganz nah an ihrem.

"Es ist noch dasselbe Gefühl im Haus wie früher"

Enkelin Malin Billing erinnert sich: Morgens und am Vormittag schrieb ihre Großmutter, und die Familie ließ sie dabei in Ruhe. "Es war allgemeines Verständnis, dass sie uns besuchen kommt, wenn sie dafür bereit ist." Dann spielte sie mit den Enkeln, war selten bei den Großen, meistens bei den Kleinen. Wenn Malins Bruder im August seinen Geburtstag feierte, brachte die Großmutter eine japanische Maske mit zur Party, zog sie an und jagte die Kinder durch den Garten - eines ihrer Lieblingsspiele.

Sie hatte ihre Familie gerne um sich. Einmal in der Woche kochte sie abends für alle, meist schwedische Hausmannskost. Auf Furusund tat sie das in einer winzigen Küche. Als die Enkel das Haus nach ihrem Tod renovierten, haben sie die erst mal vergrößert. Sonst haben sie vieles so gelassen, wie es war. Der weiße Schreibtisch mit der Schreibmaschine ihrer Großmutter steht noch oben am Treppenaufgang im Flur, neben dem Fenster. Sie haben versucht, Tapeten auszuwählen, die Astrid Lindgren gefallen hätten. Sie mochte Hellblau und Blumenmuster. "Es ist noch dasselbe Gefühl im Haus wie früher," sagt die Enkelin. Da liegen noch Briefumschläge und Papier, das Astrid Lindgren benutzt hat. An einem Haken hängt immer noch ihr Hut, als hätte sie das Haus nie verlassen.