SZ-Serie: Lieder der Stadt, Folge 6 Fünferl in Ehren

Wirklich belegen lässt sich zwar nicht, dass die "Giesinger Mondserenade" in der Mondstraße in Untergiesing uraufgeführt wurde. Maria Hafner aber findet: "Wenn's nicht stimmt, ist es gut erfunden."

(Foto: Florian Peljak)

Maria Hafner und ihre Band "Mrs. Zwirbl" erinnern in ihrer Version der "Giesinger Mondserenade" an die Zeit, als Musiker am Auer Mühlbach spielten und die eine oder andere Münze flog.

Von Christiane Lutz

Es ist Nacht in der Mondstraße in Untergiesing, dort, wo der Auer Mühlbach hervor rauscht und Münchenverliebte von "Klein Venedig" sprechen. Ein paar Musikanten sind noch unterwegs und bitten, man möge ihnen doch das eine oder andere Fünferl runterwerfen. Weil von Musik allein lebt's sich halt doch nicht.

Die Szene stammt aus der "Giesinger Mondserenade", die, so erzählt man, bei einem Straßenfest in der Mondstraße irgendwann um 1930 zum ersten Mal erklang. "Und wenn's nicht stimmt, ist es gut erfunden", sagt Maria Hafner, die damals natürlich nicht dabei war, aber mit ihrer Band Mrs. Zwirbl eine Version der Mondserenade aufgenommen hat. "Wir kennen das Gefühl noch gut, in Wirtshäusern zu spielen und den Hut rumgehen zu lassen." Immer wieder, wenn sie den Satz mit dem Fünferl-Rausschmeißen sangen, seien sie mit Geld beworfen worden. Blöderweise fliegen Scheine nicht so gut wie Münzen.

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Maria Hafner ist stellvertretend für Mrs. Zwirbl in die Mondstraße gekommen, in der an einem schwülen Tag im August nur ein paar Handwerker um einen Ahornbaum Pflastersteine in den Boden klopfen. Sie ist erkältet und schlägt vor, doch in der Patisserie Lehmann in der Pilgersheimer Straße zu reden, "wo es die besten Törtchen gibt". An den Tischen vor dem hübschen Café donnert der Verkehr vorbei, aber das passt zu Giesing: Bloß nicht zu niedlich werden.

Mrs. Zwirbl hießen bis vor einigen Jahren Zwirbeldirn, nach Umbesetzungen sind es nun drei Musikerinnen: Evi Keglmaier, Anna Veit und eben Maria Hafner. Sie sind mit zwei Geigen, einem Kontrabass und ihren Stimmen unterwegs. "Wir machen erst mal Musik", sagt Maria Hafner. "Wir suchen nicht die Schublade, das macht ja unfrei. Aber es begann mit der Volksmusik, heute nehmen wir alles, was wir in die Finger kriegen: Blues, Chanson." Die Noten zur Giesinger Mondserenade hatte ihnen vor einigen Jahren der Münchner Musiker Arthur Loibl angeschleppt, handgeschrieben, tausendfach kopiert. "Es gibt keine deutlich erkennbare Melodieführung in dem Lied. Da mussten wir lang dran rumpfriemeln." Aber sie wollten unbedingt. Und es klappte.

"Überm Giesinger Berg, scheint der Mond a so schee. Und da stenga ma, und da singa ma in der Nacht. Entschuldigen die Herrschaften, dass ma jetzat no da steh, wos so spat is, dass ma de Ladn scho zuamacht". So dichtete Otto Kuen in der Giesinger Mondserenade. Kuen gründete 1933 die Weißblaue Drehorgel, eine bayerische Version der Comedian Harmonists, die unterhaltsame, dreistimmige Lieder sang. Die Weißblaue Drehorgel verstand sich in der Tradition der Volkssänger, die in München im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert Stars waren.

2010 drehten Zwirbeldirn ein Video zur Mondserenade auf dem Dach des Puerto Giesing, einem Kaufhaus, in dem vor seinem Abriss ein paar Monate lang Kunst und Kultur stattfinden durfte. Hafner beschreibt diese Zeit als Beginn der Gentrifizierung, die langsam ihre Finger nach dem Viertel ausstreckt. Inzwischen wohnen alle Mrs. Zwirbls in Giesing. Beim Giesinger Label Trikont veröffentlichte sie mit den Zwirbldirn auch die Platten "Jabitte" und "Scheibe eins". "Giesing", sagt Hafner, "ist entspannt. Da sind normale Leute unterwegs, es ist nicht ganz so aufgeräumt, so durchgestylt, wie andere Teile der Stadt." Kein anderes Viertel wird von seinen Bewohnern so heiß geliebt, wie Giesing. Was sicher nicht zuletzt mit einem ortsansässigen Fußballverein zu tun hat.

Über München selbst grübelt die gebürtige Niederbayerin aber schon immer wieder. "Alles ist schon so fertig", sagt sie, "das Nest ist ausgebaut", auch das Netzwerk für sie als Künstlerin. Andererseits: Weggehen ist keine Option. Dafür läuft es viel zu gut für Hafner, die neben Mrs. Zwirbl auch noch bei Hasemanns Töchter und immer wieder in Theaterproduktionen mitspielt. Kommendes Jahr wollen Mrs. Zwirbl ein neues Album aufnehmen. Neben Covern sollen auch mehr eigene Kompositionen entstehen.

Drei Frauen, die Musik machen - ohne Männer. Somit ist Mrs. Zwirbl für viele automatisch eine Frauenband, eine Tatsache, die gern betont wird. Dabei waren Frauen schon in der Volkssängerszene recht populär. Liesl Karlstadt zum Beispiel und später Bally Prell. Die hat es Maria Hafner angetan. "Sie war nicht klassisch schön, eine dicke Frau, aber sie hatte eine wunderschöne, tiefe Stimme." Nach dem Tod des Bruders, der eigentlich vom ehrgeizigen Vater zum Star gemacht werden sollte, versuchte Bally Prell zeitlebens, ihren Vater stolz zu machen. "Ich, die Schneizlreutherin, bin Schönheitskönigin", singt sie in ihrem Hit aus den Fünfzigerjahren, eine Schärpe um den für Schönheitsköniginnen eher untypischen Leib geschlungen. "Davor hab ich Respekt", sagt Hafner. "So einen Humor zu haben, das ist für mich ein Vorbild."

Mrs. Zwirbl haben auch die Weltschmerzballade der Weißblauen Drehorgel im Programm: Ein Mann weint an der Isar vor sich hin, weil sein Mädel ihn versetzt. "Das finde ich spannend", sagt Hafner. Wie ein Text wahrgenommen wird, hängt immer auch davon ab, wer ihn singt. Gerade Volkslieder sind voller Klischees - fescher Bub, süßes Mädel. "Wenn das nur Männer singen, wirkt es viel selbstmitleidiger", sagt Hafner. "Wenn Frauen das singen, kriegt es eine ironische Brechung. 'Do taat a dar a stinka' - ja, das würd mir schon auch echt stinken, versetzt zu werden."