SZ-Serie: Große Journalisten (X) Kurioser Kopf

SZ-Serie über große Journalisten (X): Walter Dirks - der katholische Publizist

Von PETER GLOTZ

Wer ihn in seinen letzten Lebensjahren in seinem Haus in der kleinen Gemeinde Wittnau bei Freiburg im Breisgau besuchte, erlebte einen stillen, in sich gekehrten, leisen Mann. Es war, als passe er schon darauf auf, ob er die schlurfenden Schritte des Todes hören könne. Da war er hoch in den Achtzigern. Ende Mai 1991 ist er dann, neunzigjährig, gestorben. Aber gebrochen oder von seinen Idealen abgefallen war Walter Dirks nie. Er nahm, in den späten Achtzigern, das Wort Sozialismus so selbstverständlich in den Mund wie im Herbst 1945. Es war diese Unbeirrbarkeit, die dem parteilosen Soziallisten und bürgerlichen Humanisten die Anziehungskraft auf einen großen Schülerkreis gab.

Er nahm, in den späten Achtzigern, das Wort Sozialismus so selbstverständlich in den Mund wie im Herbst 1945.

(Foto: / SZ v. 10.02.2003)

Dirks entstammte einer katholischen Kaufmannsfamilie aus Dortmund- Hörde und war lebenslang vom idealistischen Pathos des "Quickborn", einer Organisation der katholischen Jugendbewegung, geprägt. Das viel zitierte Schlüsselerlebnis waren berittene Polizisten der wilhelminischen Zeit, die auf Ruhrpottarbeiter einprügelten. Oft hatte er einen Satz seiner Mutter zitiert, der sich heute gänzlich lebensfern anhört, der sich aber auch schon zwischen 1910 und 1915, als er ausgesprochen wurde, im bürgerlichen Milieu nicht gehörte: "Da hängt ganz Hörde vom Hochofenwerk und vom Hüttenwerk ab, und da bilden sich die Herren ein, das sei Privateigentum." Für den Publizisten und Journalisten Walter Dirks blieb dieser simple Küchenfenstersatz seiner Mutter ein Leben lang ein "klärendes und nährendes Wort".

Sein Handwerk lernte Dirks in Frankfurt am Main, bei der Rhein- Mainischen Volkszeitung Friedrich Dessauers. Da war er schon ein Pazifist unter dem Einfluss Friedrich Wilhelm Försters, ein (überaus kritischer) Freund der Sozialdemokratie und ein katholischer Kulturkritiker, der um sich herum "Schwäche", "Sättigung", "Verlust des Glaubens" sah. Bebels Satz: "Christentum und Sozialismus sind wie Feuer und Wasser" lehnte Dirks leidenschaftlich ab, obwohl er wusste, dass die Amtskirche seiner Zeit genau so dachte. Der Zusammenstoß mit den Nazis war programmiert. Obwohl ihn seine Kirche (die ihn gleichzeitig als "kuriosen Kopf" wertete) schützte, belegten ihn die Nationalsozialisten mit Berufsverbot, im Sommer 1933 verbrachte er sieben Wochen in Schutzhaft. In der Nazizeit fristete er sein Leben als Musikkritiker der Frankfurter Zeitung und machte mit den Herrschern nur mäßige, lässliche Kompromisse.

Seine größte Lebensleistung sind ohne Zweifel die Frankfurter Hefte, die er noch 1945 gemeinsam mit Clemens Münster (in späteren Jahren Fernsehdirektor des Bayerischen Rundfunks) und Eugen Kogon gründete. Kogon war auch ein Katholik; aber er kam eher von der konservativen Revolution im katholischen Gewand. Allerdings war er im KZ Buchenwald eines Besseren belehrt worden. Diese beiden Männer, die sich übrigens 1945 an der Gründung der hessischen CDU beteiligten, wurden zu Leitfiguren der frühen Bundesrepublik und eines Biotops, das man "Links-Katholizismus" nannte. Die intellektuell anspruchsvolle Zeitschrift Frankfurter Hefte verkaufte ihre besten Ausgaben kurz nach dem Krieg 75000 Mal. Heute sind für Kulturzeitschriften schon Auflagen von 5000 Exemplaren beachtlich.

Dirks hatte drei Grundideen, die er sein ganzes Leben - unter anderem als einflussreicher Leiter der Hauptabteilung Kultur des Westdeutschen Rundfunks zwischen 1956 und 1966 - beharrlich verfolgte: Er suchte einen "dritten Weg" zwischen dem erstarrten Sozialismus kommunistischer Prägung und dem luftigen Liberalismus des Westens; er war ein leidenschaftlicher Gegner des Nationalismus und verlangte vom ersten Tag nach der Kapitulation Hitlers an, dass Europa sich "zusammenraffe"; und er focht für eine persönliche, im christlichen Menschenbild wurzelnde Ethik. Sein Zentralbegriff war "Verbündung". Die Linke müsse das Kunststück fertig bringen, neue soziale Schichten für ihre Option zu gewinnen. Die Gruppen, die er dabei ansprach, nannte er altväterlich christliche Humanisten, bürgerliche Humanisten und sozialistische Arbeiter.

In die große Politik geriet er 1950, als er seinen berühmtesten Essay Der restaurative Charakter der Epoche schrieb, in dem er Adenauers faulen Frieden mit jenem Teil des Bürgertums angriff, der die Nazis mitgetragen hatte. Adenauer reagierte in der im eigenen genialen Simplizität "Wat der Herr Dirks schreibt, dat is janz falsch." Dass Adenauer sich überhaupt zu einer Replik herabließ, zeigt, welch mächtiger Publizist Dirks war.

Die Frankfurter Hefte behielten einen großen Namen, aber als Kogon und Dirks sie 1985 in die Hände der Friedrich-Ebert-Stiftung g aben, waren ihr nur 2000 Abonnenten geblieben. Auch der "Links-Katholizismus" ist verschwunden. Immerhin sind viele katholische Verbände inzwischen zwar nicht sozialistisch, wohl aber antikapitalistisch. Dirks ist in diesen Kreisen unvergessen.Diese Kreise sind allerdings klein. Wie klein, kann man daran sehen, dass auch die CDU inzwischen die eingetragenen Lebensgemeinschaften von Homosexuellen akzeptiert. Der fachlich vorzügliche und tapfere Ammann Verlag in Zürich hat eine achtbändige Gesamtausgabe der Schriften von Walter Dirks publiziert; sie müsste eine Fundgrube für Autoren der heutigen Zeit sein. Offenbar suchen die Autoren aber in anderen Gruben. Walter Dirks ist dabei, so etwas wie Christoph Martin Wieland zu werden: Ein hochgeehrter und gelegentlich zitierter Schriftsteller, den aber niemand mehr liest und kaum jemand mehr kennt.

Als ich in dem großen Zug mitging, der Walter Dirks an einem Frühlingsnachmittag in seiner Gemeinde die letzte Ehre gab, musste ich an den Schluss des allerletzten Interviews mit mir denken. Ich hatte ihn nach seiner Stimmung im hohen Alter gefragt, ob man diese Stimmung mit den Begriffen Pessimismus oder Optimismus beschreiben könne. Dirks hatte geantwortet: "Mit einer verzweifelten Hoffnung, dass es trotz allem gut gehen wird. Pessimismus oder Optimismus, das interessiert mich nicht. Wenn mein Arzt mir sagt ,Dein Kind ist in großer Gefahr, seine Lebenschancen sind vielleicht 20 Prozent' so interessieren mich die 80 Prozent Todeswahrscheinlichkeit nur kritisch, in dem wir gegen sie arbeiten. Positiv interessieren mich die 20 Prozent. Ich werde alles tun, damit daraus 25, 50 und schließlich vielleicht 100 Prozent werden." Und nachdem das Mikrofon schon abgeschaltet war, sagte er etwa: "Ich fasse die Hoffnung als eine Kraft auf, die mir hilft, das zu bewirken, was erhofft wird. Die Hoffnung setzt darauf, dass das, was die Optimisten erhoffen, noch erreicht wird - auch gegen die Wahrscheinlichkeit, dass die Pessimisten Recht behalten werden." Sein letzter Satz war: "Daran klammere ich mich".