SZ-Serie große Journalisten Wilhelm Bittorf: Am Kern der Wahrheit

SZ-Serie über große Journalisten (XLVIII): Der "Spiegel"-Autor und Dokumentarfilmer Wilhelm Bittorf

Von Von Hans Werner Kilz

Wer Wilhelm Bittorf gekannt hat, seine Arbeitsweise, die Machart seiner Artikel und Filme, wird erst einmal zögern, ihn in eine Serie einzureihen, in der Journalisten - auch noch als Vorbild - gewürdigt werden. Bittorf selber hätte es nicht gewollt, er hätte wenig damit anfangen können.

Wilhelm Bittorf war ein Besessener. Er jagte hinter verschleierten Wahrheiten und fremden Wirklichkeiten her, weil er hinter allem etwas vermutete, das verschleiert werden sollte. Er wollte aufdecken und erzählen. Er wusste um die Wirkung seiner Worte, seine Waffe war die Sprache. Er war ein Journalist "mit allen guten und schäbigen Eigenschaften" des Berufsstandes, einer, der als Journalist "den professionellen Eros des Abenteurers und Eroberers" gelebt hat, wie es Rupert Neudeck beschreibt, selber ein Abenteurer, der an Bittorf schätzte, was auch viele andere an ihm bewunderten: seine verzehrende Hingabe, ein Thema aufzugreifen und umzusetzen, das ihn gepackt hatte.

Dann gab es während der Recherche und beim Schreiben nichts anderes auf dieser Welt. Er entwickelte temperamentvoll seine Thesen, bevor er den ersten Gedanken zu Papier brachte. Er zog alle Gesprächspartner in sein Thema, sprach nervös-stakkatohaft die Sätze, die später in seinen Manuskripten auftauchen sollten.

Wilhelm Bittorf brauchte nicht nur Leser, er brauchte auch Hörer und Zuschauer. Das erklärt seine wechselhafte Karriere, die er als Printjournalist im Spiegel begann, dann beim Süddeutschen Rundfunk fortsetzte, wo er in den sechziger und siebziger Jahren als Dokumentarfilmer mit gewagten Montagen Furore machte, nie allein der Aussagekraft der Bilder vertraute, sie mit intellektuell überspitzten Texten unterfütterte; für den Film Die Borussen kommen erhielt Bittorf, der zur "Stuttgarter Schule" der Dokumentarfilmer zählte, im Jahr 1965 den Grimme-Preis.

Seine große Karriere endete schließlich wieder als Spiegel-Autor. Er war ein großartiger Reporter mit Mut zu unbequemen Sichtweisen, die überspitzt, polemisch rüberkamen wie Morallehren der Geschichte und heute beim Nachlesen noch verblüffen, weil sie voraussagten, was viele erst Jahre später begriffen - sei es der Konsumterror, die Massenarbeitslosigkeit oder das Ende der Supermacht Sowjetunion, das er bereits ein Jahrzehnt zuvor prognostizierte.

In die Montag-Konferenzen beim Spiegel, wenn sich die Redaktion zur Blattkritik versammelte, kam Bittorf selten. Aber wenn er kam, redeten hinterher alle über seinen Auftritt. "Von allen Heften, die bisher erschienen sind, ist das eines der schlechtesten" - mit solchen Provokationen erschreckte er die Magazin-Macher, und dabei hielt er Texte aus anderen Blättern hoch, die aus seiner Sicht besser durchdacht und besser geschrieben waren.

Wilhelm Bittorf war sein Leben lang ein Suchender. 1929 im thüringischen Hildburghausen geboren, lernte er zunächst Automechaniker, weil es sein Kindheitstraum war, Rennfahrer zu werden. Mit 19 Jahren flüchtete er in den Westen, volontierte nach dem Abitur beim Wuppertaler Generalanzeiger und tauchte schon zwei Jahre später im Impressum des Spiegel auf - damals noch mit Redaktionssitz Hannover, als gar nicht absehbar war, welche Rolle das Nachrichtenmagazin in der Entstehungsphase der Bundesrepublik spielen sollte.

Bittorf war fasziniert vom Intellekt Rudolf Augsteins, von seinem scharfen politischen Verstand und seinem publizistischen Kampf gegen die restaurativen Elemente der Adenauer-Zeit. Augstein wiederum mochte diesen jungen Autor von Anfang an, ja, er bewunderte ihn, weil Augstein immer etwas neidisch auf Journalisten war, die besser schreiben konnten als er selber. Der Sprachartist Bittorf, der genau beobachtete und recherchierte, formulierte seine Stücke mit einem anklägerischen, meist ironischen Unterton, wie er typisch werden sollte für das Nachrichtenmagazin.

Bittorf traute sich an alle Stoffe. Bis Ende 1996 schrieb er immer wieder Serien, Titelgeschichten und Essays, über Freud und Darwin, den amerikanischen Bürgerkrieg, über Jugendrevolution und die Schlacht im Skagerrak. Bei allem, was er zu Papier brachte, wählte er eine bildhafte, gehobene Sprache. Als großer Stilist beherrschte er die elegante, die glitzernde Form - ganz gleich, ob er über den Wandel der sexuellen Sitten, die Allmacht der multinationalen Konzerne oder über den Aschram von Poona und die Suche nach östlicher Wahrheit schrieb. Der Autor Bittorf war in allen Ressorts des Spiegel zu Hause. Er schrieb nie leicht, er hat sich seine Texte - auf einer kleinen Reiseschreibmaschine - regelrecht abgerungen. Wenn er sie abgeliefert hatte, brauchten sie kaum mehr redigiert zu werden. Wer ihm nahe war, wusste, wie schwer ihm das Schreiben fiel, wie selbstquälerisch er an seinen Sätzen und seinen Gedanken feilte, wie "hin- und hergerissen" er war "zwischen dem weißen Papier und dem Eindringen in die Wirklichkeit". Er wollte stets zum Kern des Beobachteten und Erlebten vordringen, das äußerlich Täuschende beiseite schieben und die Hintergründe transparent machen. Wie für Egon Erwin Kisch, den großen Reporter, den alle Journalisten verschlungen und verinnerlicht haben, war auch für Bittorf "die Wahrheit das edelste Rohmetall" seiner schreiberischen Kunst. Aber welcher Wahrheit war er auf der Spur?

Vom dominierenden Geist der Linken, wie er Ende der sechziger Jahre die Redaktionsstuben beseelte, hielt Bittorf nicht viel. Im Gegensatz zu manchen Demonstranten, die das Banner des Marxismus trugen, hatte der Spiegel-Autor seinen Karl Marx gelesen. Er fand ihn gut in der Analyse, eine taugliche Handlungsanleitung für die praktische Politik sah er in den Marxschen Thesen nicht. Wilhelm Bittorf lebte mit einem festen Weltbild, das in der Aufklärung wurzelte, da war für Glaubenssätze kein Platz.

Das änderte sich mit den Jahren. Er hatte zu viel gesehen, was er verachtete, zu viel erlebt, was ihn besorgte. Er wurde zorniger und parteiischer. Bittorf, ein aus der Kirche ausgetretener Protestant, begann sich zu bekennen, stellte sein Autorentalent in den Dienst der Umweltschützer und Greenpeace-Aktivisten, stritt gegen die Stationierung der Pershing-II-Raketen auf deutschem Boden und sah in seiner Essayisten-Rolle die "Pflicht, zu schreiben gegen die, die bezahlt werden dafür, bestimmte Rüstungsmaßnahmen zu propagieren". Als Sympathisant der Friedensbewegung kommentierte Bittorf mit großer Anteilnahme die Sitzblockaden vor Nato-Waffenlagern ("Dieses schöne Beispiel bürgerlicher Stärke").

"Man wird älter und denkt mehr nach über diesen Planeten und das, was wir Menschen darauf machen", sagte er 1986 der Journalistin Christiane Grefe, die ihm mit einfühlsamen Fragen viel entlockte - auch das Geständnis, wie groß sein Vergnügen war, "in Milieus einzusteigen, mit denen man sonst kaum konfrontiert wurde" und "Sachen zu machen, die man sich als kleiner Junge immer schon gewünscht hat". Der Traum von teuren Autos und berauschenden Frauen zum Beispiel, wie er sie in seinem Fernsehfilm Das schnelle Leben zeigte: das Berliner Boxen-Groupie Heide Vennekamp, der Vamp, mit dem er den spießig restaurativen Bundesbürger aus dem Sessel scheuchte. Irgendwo zwischen Jean Harlow und Marilyn Monroe lag der Frauentyp, der Bittorf faszinierte. Eine seiner Ehen schloss er in Las Vegas. Glücklich wirkte Bittorf nie.

"Der Tod ist mir ein willkommener Gast", sagte er, kurz bevor er im November 2002 an den Folgen einer seltenen Form der Parkinsonschen Krankheit starb. Es war ein typischer Satz für Wilhelm Bittorf, dessen Sprache oft pathetisch klang, aber fern von jedem hohlen Pathos war.

HANS WERNER KILZ