SZ-Serie: Große Journalisten "So tief kann man nicht schießen"

Kurt Tucholsky / Serie, Teil I

Von HERBERT RIEHL-HEYSE

Wer Kurt Tucholsky war, hat Erich Kästner einmal mit einem melancholischen, zärtlichen Satz so umschrieben: "Ein kleiner dicker Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte." Weil ihm das leider nicht gelungen ist, könnte man ihn natürlich erfolglos nennen.

(Foto: SZ vom 9.12.02)

Andererseits wird er noch heute mit Hingabe gelesen, auch von jungen Leuten; und das ist dann schon ein kleines Wunder, wenn man bedenkt, dass er zu seiner Zeit weder als Enthüller einen Kanzler gestürzt, noch als Talkmaster einen Bambi errungen oder irgendwo Quotenrekorde aufgestellt hat. Wie gesagt ein Wunder, übrigens ein ermutigendes.

Anscheinend muss man als journalistischer Erfolgsmensch nicht einmal selber gewusst haben, wie berühmt man eigentlich ist und wie man sich als Erfolgsmensch geriert. Vielleicht das Spannendste an der Figur Tucholsky ist, dass er so gar nicht dem Klischee des Groß-Journalisten entspricht, der oft nur ein Großkotz ist.

Als erstes fallen an dem Mann, bei längerer Beschäftigung mit ihm - seine Selbstzweifel auf. So sehr er von seinen Anhängern verehrt wurde: Irgendwie war er nie imstande, seinen Ruhm begeistert durch Berlin zu tragen; stattdessen dachte er oft über die Vergeblichkeit seiner Arbeit nach, darüber zum Beispiel, ob er - "das bedrückt mich mitunter" - mit seiner Arbeit "auch nur einem einzigen sadistischen Bürokraten" habe das Handwerk legen können.

Auch ein tragischer Held wollte er nicht sein, ein Martyrer für seine Überzeugungen: "Das steht mir nicht zu", hat er geschrieben, als er gemerkt hatte, wie schnell Journalisten eitel werden, wenn sie sich zu oft zu ihrem Mut vor Köngisthronen gratulieren und gratulieren lassen.

Im übrigen wusste er nur zu gut, was viele Leute aus dem gehobenen Spießbürgertum gegen ihn einzuwenden hatten: Er war zu witzig, um ernst genommen zu werden: "Humor diskreditiert", hat er herausgefunden: "Wer in Deutschland glaubt dem Satiriker Ernst, wer dem Verspielten Kenntnis des Strafgesetzbuches?"

Kommt hinzu, dass witzig zu schreiben (aber nicht oberflächlich), anstrengend ist, wenn man nicht möchte, dass der Leser diese Anstrengung merkt. Einmal hat Tucholsky seine Unfähigkeit beschrieben, ein Manuskript aus der Hand zu geben, so lange er den Verdacht hatte, er könne etwas "noch besser, noch sauberer, noch kürzer sagen. Und die Korrektur-Fahnen ersoffen in Tinte..."

Vielleicht war es ja die Erschöpfung nach solchen Anstrengungen, vielleicht ein Anfall von Resignation, wie sie jeden guten Schreiber gelegentlich anficht: Jedenfalls beschloss der Schriftsteller Kurt Tucholsky am 23. Januar 1923 im zarten Alter von 34 Jahren, einen neuen Beruf zu ergreifen. Bis dahin hatte er sich zielstrebig nach oben gearbeitet, vom Gymnasiasten zum examinierten Juristen, vom freien Mitarbeiter beim Vorwärts bis zum Starautor der Weltbühne des Siegfried Jacobsohn.

Und nun befand er sich plötzlich in einer veritablen Lebenskrise, in der er sich fragte, ob er nicht alles falsch gemacht habe: Stammte er - der Sohn des assimiliert-jüdischen Bankdirektors Alex T., denn nicht aus großbürgerlichem Haus, und was hatte er dann zwischen all den Literaten verloren, die einander am liebsten als Literaten beschimpften? Und war es nicht an der Zeit, seiner strengen, ungeliebten Mutter zu beweisen, dass er zu mehr taugte als zu Glossen und satirischen Gedichten?

Als er über solche Fragen grübelte, hatte Tucholsky schon einen großen Namen in der journalistisch-literarischen Szene Berlins. Genau genommen fünf Namen, weil er ja auch als Theobald Tiger, als Peter Panther, als Ignaz Wrobel und als geheimnisvoller Kaspar Hauser zu schreiben pflegte.

Als ihm das alles halbseiden vorkam, wurde er also Volontär im Bankhaus Bett, Simon & Co. - nur um dort zu merken, dass ihn das Addieren von Zinsen nicht wirklich ausfüllte. Also arbeitete er kurz als Privatsekretär des Chefs und konzentrierte sich im übrigen darauf, all die merkwürdigen, oft jüdischen Geschäftsleute aus der Nähe zu beobachten, die er brauchte, um später daraus die überaus komischen Alltags-Geschichten vom Herrn Wendriner zu basteln.

Als diese Satiren erscheinen, ist ihres Autors Ausflug in die seriöse Welt schon wieder zu Ende, was nichts daran ändert, dass er - je mehr sein Ruhm wächst - in regelmäßigen Abständen angekränkelt wird von der Unlust am Schreiben.

Am Ende seines Lebens überwältigt ihn dieser Ekel derart, dass er einen todtraurigen Brief an seine Freundin Hedwig Müller schreibt: "Hätte ich Geld und müsste ich nicht, ich schriebe nichts mehr. Ich habe kein Mitteilungsbedürfnis mehr."

In den Jahren zuvor war das Gottseidank anders gewesen, da war Hitler noch nicht an der Macht, jener Kerl, über den sich zu äußern ihm besonders zuwider war: "So tief kann man nicht schießen", hatte er einmal gesagt, als man ihn fragte nach den Grenzen der Satire.

Ungefähr zehn Jahre hatte er Zeit gehabt, um sich - als Essayist und Lyriker, als Paris-Korrespondent, als Romancier und Polemiker - ganz auf der Höhe seines Genies in jedem journalistischen (und literarischen) Genre zu betätigen, in dem die Weltbühne, das Prager Tagblatt oder die Vossische Zeitung, auch der Rowohlt-Verlag ihn drucken wollten.

Es waren jene Jahre, in denen er sich mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Wut und Eleganz einmischte in die öffentlichen Angelegenheiten: gegen Militarismus und Bürokratie, gegen die Deutschtümelei und überhaupt die Intoleranz eines Volkes, von dem er in einem düsteren Moment schrieb, dessen Geist sei "fast unwandelbar vergiftet". Was nichts daran änderte, dass er seine Schreibmaschine gegen diesen Geist in Stellung brachte.

Tucholsky war brillant, er war ein Prophet, wenn er hellsichtig das bevor stehende Unglück eines Vaterlands beschrieb, das sich bald daran machen würde, seine Bücher zu verbrennen. Reichten aber solche Eigenschaften aus, um das Vorbild zu werden für künftige Journalisten-Generationen? Wurde er das, weil er gut schreiben konnte, weil ihm so viel einfiel? Es ist komplizierter: Manchmal muss man Leute vor allem dafür preisen, mit wie viel Sorgfalt sie ihre Talente verwalten.

Tucholsky ist auch deshalb ein Großer geworden, weil er sich für keine Heilslehre, etwa die kommunistische, einspannen ließ, weil er unglaublich fleißig war. Und auch, weil er sich weigerte, seine Erfolge so lange "künstlerisch zu Tode zu hetzen", bis die letzte Mark mit - beispielsweise - immer noch einer Wendriner-Geschichte verdient sein würde.

Man mag es kaum hinschreiben, aber je länger man in seinen Texten liest, desto mehr drängt sich der Verdacht auf, dass man Kurt Tucholsky einen guten Menschen oder wenigstens einen moralischen Journalisten nennen sollte: Nur die Dummen glauben ja, einer wie er müsse zynisch, nichts dürfe ihm heilig sein.

Dabei war dem Polemiker, der frech war und skrupulös, eine (oft enttäuschte) Menschenliebe heilig - weshalb es ihm schwer fiel, Vernichtungskritiken zu schreiben über anderer Leute Bücher; und weshalb er nichts anfangen konnte mit der "Bettschnüffelei" auch bei Zeitgenossen, die er aus politischen Gründen zutiefst verachtete. Als alle Welt Witze machte über den schwulen SA-Führer Röhm, schrieb Tucholsky, ihm schmecke das nicht: "Seine Veranlagung widerlegt den Mann gar nicht."

Es war im Jahre 1923, als sich Kurt Tucholsky auf überaus witzige Weise das Begräbnis des "Kaspar Theobald Peter Kurt Ignaz Wrobel" ausmalte. "Der Verstorbene ist ein glücklicher Mensch gewesen", sollte der Grabredner sagen, "das Leben in diesem sonnige Lande" sei ihm stets eine Freude gewesen.

Es kam anders. Nur fünfundvierzig Jahre lang hatte der glückliche Mensch sein Leben ausgehalten. Dann - es war Ende Dezember 1935 - schluckte er Gift. Im sonnigen schwedischen Exil.