SZ-Serie: Große Journalisten Das Schwein im Menschen

Karl August Böttiger klatschte in Weimar mit Stil / SZ-Serie, Teil VI

Von HERMANN UNTERSTÖGER

Am 26. März muss Karl August Böttiger wieder einmal bei Wieland gewesen sein, und wie es seine Art war, schrieb er auf, was er dort gehört und gesehen hatte.

(Foto: SZ vom 13.1.03)

Folgendes war ihm unter anderem zu Ohren gekommen: "Goethe sollte die Vulpia als Pagen mit nach Italien nehmen, damit die Italiener auch einmal etwas zu sehen bekämen. Sie sei eine Sau mit dem Perlenhalsband."

Die Sottise ist nicht genau zuzuordnen, dem Kontext nach wird sie von Wieland geäußert worden sein, aber wer mit der "Vulpia" gemeint ist, das bedarf keiner großen Erklärung: Goethes Frau Christiane, geborene Vulpius. Man kann sicher sein, dass Goethe, hätte er davon Wind bekommen, Wieland künftig geschnitten hätte - in solchen Sachen verstand er überhaupt keinen Spaß.

Nun, Goethes Grimm kann uns egal sein, und über Christiane Vulpius zerreißen sich heute nur noch Ignoranten das Maul. Insofern könnte man die Wielandsche Bemerkung in den Raritätenschrein wegschließen, wäre da nicht dieser Böttiger, der sie freundlicherweise überliefert hat.

Sein Leben und Werk gehört nicht zum gegenwärtigen Allgemeinbildungsgut, woran vielleicht die schöne Neuausgabe seiner Literarischen Zustände und Zeitgenossen (Aufbau-Verlag) irgendwann etwas ändern wird. Üblicherweise rechnet man Böttiger unter die Journalisten, und das ist so richtig, wie wenn man - Achtung, kein Vergleich! - Heine unter die Journalisten rechnet.

Wenngleich Böttiger nie und nimmer so etwas wie den Kisch-Preis bekommen hätte, war er ersichtlich ein Anhänger des Egon-Erwin-Kisch-Worts "Schreib das auf!" Er schrieb alles und jedes auf, was er in der Weimarer gehobenen Gesellschaften aufschnappte, wobei er sich auf ein ausgezeichnetes Gedächtnis verlassen konnte.

Diesem Umstand und seiner verteufelt spitzen Feder verdankt die Nachwelt ein ebenso vergnügliches wie lehrreiches Kompendium über jenen Kosmos, den wir "Weimarer Klassik" nennen. Es ist übrigens nicht so, dass Böttiger seine Notate unverzüglich "ins Blatt gehoben" hätte.

Der Stoff war von der Art, dass es erst sein Sohn wagte, die Denkwürdigkeiten herauszugeben, postum und in abgemilderter Form.

Lange ging Böttiger der Ruf nach, er habe sich nur für Indiskretionen hergegeben. Dafür war der Mann aber denn doch zu gescheit. Blättert man in seinen Notizen, so findet man seitenlange Passagen darüber, wie man bei Herder zu Gast war und sich von Johann Heinrich Voß die homerische Welt erklären ließ - für den gelernten Altphilologen Böttiger natürlich ein gefundenes Fressen und Anlass, sein eigenes Licht tüchtig leuchten zu lassen.

Andererseits kann er der Versuchung, andere mit seinem Spott zu verfolgen, nie widerstehen. So schreibt er einmal über Wieland als Knaben: "Er hatte in dieser Periode oft heilige Zerknirschungen und Ekstasen, flehte oft kniefällig Gott um Gnade und glaubte erst wirklich, als der Vollmond hinter dem Gebüsch aufging und durchs Fenster zu scheinen anfing, das jüngste Gericht und die Glorie des Weltrichters sei im Anzug."

Karl August Böttiger, 1760 in Reichenbach geboren und 1835 in Dresden gestorben, hatte Theologie und Klassische Philologie studiert, sich jedoch bald völlig auf die Philologie geworfen. 1784 wurde er in Wittenberg promoviert, es folgten Rektoratsstellen in Guben und Bautzen, und 1791 übernahm er auf Herders Empfehlung das Weimarer Gymnasium.

Hier nun fand er, da man seinen Witz und seine Klugheit schätzte, als bald Zugang zu den höheren Zirkeln. Goethe und Schiller profitierten von seinen Kenntnissen der Antike, die anderenorts freilich auch Unmut auslösten: Seine Schrift Sabina, oder Morgenscenen im Putzzimmer einer reichen Römerin wurde in besorgten Kreisen der Freizügigkeit geziehen und unfreundlich aufgenommen; erfolgreich war sie trotzdem.

Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass die Schreiber jener Zeit oft von fast manischer Produktivität waren, erstaunt das Ausufernde an Böttigers journalistischer Tätigkeit. Er arbeitete, sei es als Schreiber oder als Herausgeber, für den Neuen Teutschen Merkur, das Journal des Luxus und der Moden, die Horen und die Propyläen, für London und Paris sowie für etliche zwanzig andere Blätter, vom Almanach für Weintrinker bis zum Morgenblatt für gebildete Stände.

Freie Zeiten nutzte er zu strategisch geplanten Reisen, die ihn an Informationen bringen sollten, wobei er Indiskretionen, wie gesagt, nicht aus dem Wege ging. Schiller erfuhr das, als Wallensteins Lager schon vor der Drucklegung in Kopenhagen aufgeführt wurde. Böttiger hatte das Manuskript unautorisiert weitergegeben.

Auch mit Goethe geriet Böttiger aneinander, obwohl sich ihre Partnerschaft erfreulich angelassen hatte: Böttiger bekam von Goethe höchstpersönlich Hermann und Dorothea vorgelesen und geriet fast aus dem Häuschen vor Begeisterung.

Nichtsdestoweniger hatte er einen scharfen Blick auf den Dichterfürsten und dessen Symbiose mit Herzog Karl August: "Der Herzog hat Goethen wenigstens die Kunst abgelernt, jedem, den er benutzen will, seine schwache Seite abzulauern und ihn bei dieser so lange zu kitzeln, bis er alles tut, was Ihrer Durchlaucht belieben."

Als Schlegels Ion in Weimar unter Goethes Regie herauskam, gab es vielfältige Kritik, die beißendste von Böttiger. Goethe ließ den Text konfiszieren.

Mit Christoph Martin Wieland stand Böttiger auf weitaus entspannterem Fuße. Entsprechend freundlich berichtet er über dessen häuslich-familiäre Zustände, was nicht heißt, dass ihm die Passagen tranig gerieten.

So erzählt er einmal, wie Wielands erster Vers lautete: "Fromme Knaben, die gern beten / Werden in den Himmel treten." Erheiternd auch die Nachrichten über Wielands reizbares "Nerfensystem", das unter anderem dadurch belastet werde, dass auf der einen Seite seiner Schlafkammer sechs hungrige Schweine schrieen und auf der anderen die Pferde des benachbarten Gasthofes stampften.

Als man einmal bei Herder war, sagte Wieland, ihm sei die Antigrazie der Schweine ein Gräuel, woraufhin Herder deren Ehre verteidigte: Erstens seien sie so weit verbreitet wie der Mensch, zweitens ähnelten sie in ihrem inneren Bau dem Menschen und drittens seien sie "ächte Republikaner".

Ein zufällig anwesender Schotte flüsterte Böttiger zu, es sei schon seltsam, dass bedeutende Männer sich derart in Schweinegeschichten vertiefen könnten. (Wie Goethe mit Schweinen verfuhr, schildert Böttiger andernorts: "Neulich fand es Dame Vulpius sogar für geraten, Schweine, deren Geruch ihm eine Pest ist, einzustallen. Hier indes drang sein Widerwille durch, und die Circeischen Gesellen mussten sogleich geschlachtet werden.")

In Goethes Augen war Böttiger einer "der gründlichsten Schufte, die Gott erschuf" - ein Hammer, wie er heutzutage immer wieder auch den Boulevardjournalisten auf den Kopf fällt.

Mittlerweile neigt man dazu, Böttigers Aufzeichnungen als wichtige Quelle zum Alltagsleben des klassisch- romantischen Zeitalters zu nehmen. Die Kollegen vom Fach Klatsch & Tratsch mögen, wenn sie wollen und auch ansonsten Böttigers Format haben, sich daran aufrichten.