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SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 7:Hinter den Fassaden der Weihestätte

In Bayreuth hat man Richard Wagner natürlich auch ein Museum gewidmet - dessen Kern ist die Villa Wahnfried

So, wie es jetzt dasteht, steht es seit vier Jahren. Das Wagner-Museum in Bayreuth. Natürlich ist es im Kern viel älter, denn dieser Kern ist immer noch die Villa Wahnfried, die König Ludwig II. Richard Wagner schenkte, zu Lebzeiten natürlich. "Hier wo mein Wähnen Frieden fand, sei dieses Haus von mir benannt." Das steht auf der Fassade, jeweils links und rechts über dem Eingang. Das Selbstbewusstsein muss man erst einmal haben, diesen Satz auf eine geschenkte Immobilie zu schreiben.

Aber na gut, so war Wagner halt. Zeitweilig war der Satz nicht so gut zu lesen, weil im Zweiten Weltkrieg eine Bombe auf Wahnfried fiel, als hätte ein alliierter Bombenschütze genau gewusst, wer hier ein und aus gegangen ist. Das "Wölfchen", der war schon sehr früh hier, als er noch nicht der große, völkerfressende Wolf war. Aber als er dies dann war, kam Hitler immer noch. Gegen Wagner schienen die Alliierten nichts gehabt zu haben, das Festspielhaus überlebte den Krieg unversehrt. Nach dem Krieg muss es hier ziemlich trist ausgesehen haben, Wahnfried heute ist mehr Rekonstruktion als Original, aber sehr originalgetreu. 1976 wurde hierin dann das Richard-Wagner-Museum eröffnet, 33 Jahre später vom Bayreuther Stadtrat und der Richard-Wagner-Stiftung eine Neukonzeption inklusive Neubau nebenan beschlossen. Dieser wurde schließlich vor ziemlich genau vier Jahren eröffnet, er ist wunderschön, und auch in Wahnfried selbst ist viel Glanz. Gleich ums Eck gibt es in Bayreuth übrigens noch zwei Museen, die einem Menschen allein gewidmet sind, das Jean-Paul-Museum und das Franz-Liszt-Museum.

Haus Wahnfried

Die Villa Wahnfried ist heute mehr Rekonstruktion als Original:

(Foto: Thomas Köhler)

Wollte man über alles, was hier über Richard Wagner und von ihm gelagert ist und ausgestellt wird, in Gänze schreiben, wollte man auch noch erzählen, woher die einzelnen Stücke, Briefe, Alltagsgegenstände, Bücher, Noten, Schuhe stammten, würde man selbst zum Wagnerianer, der mit der Welt außerhalb dieses Kosmos' auf Kriegsfuß steht. Zudem weiß man aus jahrelanger Erfahrung mit dem Sujet, dass, wenn man über Richard Wagner schreibt, es Millionen Menschen gibt, die es besser, genauer, idiosynkratisch aufgedrehter, ideologisch gefestigter wissen. Deshalb nur ein paar Aspekte. Im Neubau, durch dessen Glaswände der benachbarte Hofgarten hereinschaut, ist noch bis 3. November eine Sonderausstellung über Wolfgang Wagner zu sehen. Der leitete die Bayreuther Festspiele von ihrem Neubeginn 1951 an, zunächst, bis 1966, zusammen mit seinem Bruder Wieland, dann bis 2008 allein. Auf Wolfgang geht der Begriff der "Werkstatt Bayreuth" zurück, die Idee vom intensiven Arbeiten an den Aufführungen und deren ständiges Verbessern.

Die Schau ist voller teils bislang unveröffentlichter Fotos von Stefan Moses, voller erhellender und auch lustiger Zitate; sie zeigt Bühnenbildentwürfe aus Wolfgang Wagners Ära, Kostüme und ist, weil in den Räumen der Dauerausstellung, auch gut eingebunden in die Zeitgeschichte. Gleich am Eingang kann man grinsen, denn dort steht zu lesen: "Mein Vater traute mir zu, sofort den Lehrstuhl für Oberfränkisch an einer Universität zu übernehmen." Tatsächlich gab es in den Jahrzehnten seines freundlichen Patriarchats immer wieder im Fränkischen gastierende Künstler, die nach einem Gespräch mit W.W. anwesende Ortskundige heimlich fragten, was der Chef wohl gemeint haben möge.

Richard Wagner, um 1870

Die Villa war ein Geschenk von Ludwig II. an Richard Wagner.

(Foto: Scherl/SZ)

Ein Foto zeigt W.W. 1935 mit bloßem Oberkörper, als bewerbe er sich für Riefenstahls Olympiafilm. Eine Ausnahme, meist sieht man einen hemdsärmeligen Macher mit väterlicher Ausstrahlung. "Es war nie ein Familienunternehmen. Es war stets nur einer verantwortlich." Und noch ein Satz, von 1990: "Die Nachfolge wird erst aktuell, wenn ich die Leitung der Festspiele abgebe oder mir etwas zustößt." Man kann sich verlieren im Betrachten der Modelle und Artefakte, noch mehr an den Hörstationen, von denen aus man in die großzügigen Lichtschächte und deren Efeu- und Felsenschmuck schaut. Man kann im Kino Aufführungen sehen, man ist umhüllt von Richard Wagners Werk und doch ist dieses Museum ein Fluchtort in dieser engen Stadt. Weil es schön ist und eine tolle, gut gelüftete Aura hat. Was antwortete W.W. 1960 auf die Frage, wie sich der Darsteller des Wotan seine Rolle vorzustellen habe? "A weng göttlich (göddlich)."

Natürlich muss man noch nach Wahnfried selbst, gleich nebenan und unterirdisch verbunden. Nach dem 17. Wagner-Konterfei und der 33. Büste darin kriegt man zwar ein leichtes Gefühl der Beklemmung, wie man es vielleicht bekommt, wenn man sich in eine religiöse Stätte fremder Art verirrt. Aber erst einmal ist es imposant. Halle, Saal, tolle Räume, die übrigens auch im Schauspiel-"Siegfried" vom "Diskurs Bayreuth" im Video mitspielen. Überhaupt begreift man hier in Wahnfried noch besser, wie klug das "Siegfried"-Schauspiel mit Geschichte und Biografien umging. Hier in Wahnfried kann man sich gut die Aufführung des "Siegfried-Idylls" vorstellen, die dort Christian Thielemann am 31. Juli 2018 dirigierte, mit dem Taktstock übrigens, mit dem Wagner selbst die Uraufführung in Tribschen bei Luzern leitete, Weihnachten 1870 als Geburtstagsgeschenk für Cosima.

Überhaupt Cosima, jahrzehntelang Hausherrin. Oft sieht man sie in Öl, als Büste. Sie hatte ein eigenes Zimmer, den lila Salon. Von dort aus, so erklärt eine Schrifttafel, trieb sie den Wagner-Kult voran und verlieh diesem Züge religiöser Verehrung, schrieb fest, wie Wagner-Aufführungen auszusehen hätten - der Kult von Flügelhelm und Bärenfell geht auf sie zurück. Nicht auf Richard Wagner selbst. Die Beschriftung der Museumsräume hat etwas sehr Aufgeklärtes, auch Abgeklärtes, Ungerührtes. Keine Angst davor, auch Unangenehmes auszusprechen, und Unangenehmes gibt es von diesem Ort und seinen Besuchern genug zu berichten.

Lieber geht man in die Kabinette im Zwischengeschoss. In einem findet sich Wagners Dresdner Bibliothek, darin "1001 Nacht", Jakob Grimms "Geschichte der deutschen Mythologie". Quellen der Opern. Im Saal unten stehen auch sehr viele Bücher übrigens, darunter ein deutsch-keltisches Wörterbuch und Grimms deutsche Grammatik. Interessant bei einem komponierenden Dichter, der sich im Bedarfsfall seine Grammatik selbst erfand.

Zweites Kabinett, die Schatzkammer. Natürlich, hier sind die Partituren. Den "Tannhäuser" kann man nachverfolgen vom Textbuch über Kompositionsskizze, Orchesterskizze über den gedruckten Klavierauszug bis zur gedruckten Partitur. Nebenan kann man selbst Musik machen. Dort liegt eine Art interaktives Buch, dessen Seiten man umblättern und an bestimmten Punkten aktivieren kann. Etwa auf der Suche nach Stellen, wo Wagners Musik in Filmen verwendet wurde, "Apokalypse Now", "Der große Diktator", "Melancholia". Noch schöner die Seite, die das Frankfurter Opernorchester beim Spielen zeigt. Man kann "tutti" wählen, eh klar, dann hört man alles. Man kann aber auch einzelne Orchestergruppen auswählen, dann tritt der Rest annähernd unhörbar zurück. So kann man sich beim "Meistersinger"-Vorspiel ausschließlich der Pauke widmen oder in der "Tannhäuser"-Ouvertüre nur den Celli und den Bässen. Ersteres ist sehr ulkig, zweiteres ungeheuer spannend.

Samstag, 24. August, findet in Wahnfried das vierte Konzert der Reihe "Diskurs Bayreuth" statt. "Wagners Stilbildungsschule" wird demonstriert von einem Pianisten und vier Sängerinnen und Sängern, darunter Christa Mayer.