SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 5:Die Quadratur der Poesie

Lesezeit: 5 min

In der alten Schule von Rehau leitet der Dichter Eugen Gomringer sein Kunsthaus. Zusammen mit seiner Ehefrau Nortrud bietet der 94-Jährige hier Ausstellungen, Vorträge und Seminare an

Von Sabine Reithmaier

Die kleine kirche ist zum greifen nah / romanisch gotisch teilweise wirklich alt" - wer sich an Eugen Gomringers Wegbeschreibung hält, kann das Kunsthaus Rehau nicht verfehlen. "im schulhaus wo gewiss nie kunst geschah / hat weisse wände heut das ikk / und findet strenge kunst hier ihren halt." Vorher freilich passiert man die begehbare Pavillonskulptur Max Bills, entdeckt einen ganzen Park voll mit konstruktiver Kunst, bevor man um die Ecke biegt und vor der Eingangstür des "Instituts für konstruktive Kunst und konkrete Poesie" (ikk) steht.

Eugen und Nortrud Gomringer leben seit 2000 im zweiten Stock des ehemaligen Schulhauses. Unter ihrer Wohnung in der ersten Etage liegt ein heller Raum für die Wechselausstellungen. Den Kaffee gibt es vor der "Heldenwand", auf der sich die Fotos der Menschen drängen, die im Leben der Gomringers eine Rolle spielen, überwiegend Künstler, überwiegend sehr berühmt. Warum bloß lebt der "Erfinder" der konkreten Poesie, eine Ikone der deutschen Literatur, dessen Gedichte sich in Anthologien und Schulbüchern auf der ganzen Welt finden, in der oberfränkischen Kleinstadt Rehau? Warum nicht in Zürich, wo er aufgewachsen ist, oder in Bern, wo er studiert hat? Daran sei Philipp Rosenthal schuld, sagt Gomringer. Der Porzellanfabrikant kam bei einem zufälligen Treffen 1966 auf ihn zu und sagte: "So einen wie Sie könnte ich brauchen." Gomringer war damals als Dichter schon bekannt und zudem Geschäftsführer des Schweizer Werkbundes, einer Vereinigung von Kunst, Industrie und Handwerk mit dem Ziel, Wohnraum und Alltagsgegenstände praktisch, funktional und dennoch von guter Qualität zu gestalten. "Eigentlich bin ich bis heute ein richtiger Werkbund-Mensch", findet der 94-Jährige. Was wohl auch erklärt, warum der Sohn eines Schweizers und einer Bolivianerin Grenzen nie anerkannte und, für einen Intellektuellen eher ungewöhnlich, keinerlei Berührungsprobleme mit der Wirtschaft hatte. Jahrelang textete er Werbeslogans für die französische Kaufhauskette Au Bon Marché. Von 1967 bis 1985 koordinierte er für Rosenthal die kulturelle Aktivitäten des Unternehmens. "Ich hatte den tollen Auftrag, 100 Künstler fürs Porzellan zu gewinnen und das Theater in Selb zu leiten", sagt Gomringer und deutet auf ein Foto mit Salvador Dalí. Zum Antrittsbesuch bei dem Maler brachte er in einem Koffer 100 000 Dollar nach Barcelona mit. "Was habe ich mich an der Grenze gefürchtet." Nachdem er im Hotel Ritz mit Dalís Ehefrau Gala die Geldscheine gezählt hatte, war der Maler bereit, für Rosenthal zu arbeiten, auch wenn ihm Gomringer noch öfter hinterher reisen musste.

SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 5: 28 Skulpturen stehen inzwischen im Park vor dem Kunsthaus Rehau.

28 Skulpturen stehen inzwischen im Park vor dem Kunsthaus Rehau.

(Foto: Uwe von Dorn)

Wie er überhaupt viel unterwegs war. Als festes Domizil kaufte er 1975 den ehemaligen Landgasthof "Zum grünen Baum" in Wurlitz, fünf Kilometer von Rehau entfernt, ein Dorf "mit mehr Kühen als Einwohnern", wie sich seine Tochter Nora Gomringer in einem Interview erinnerte. 1977 erhielt er einen Ruf nach Düsseldorf, um an einem eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl der Akademie Theorie der Ästhetik zu lehren. Und trotzdem hatte er noch Zeit zu schreiben, Ausstellungen einzurichten, Monografien herauszugeben. "Das geht alles", sagt Nortrud Gomringer, promovierte Germanistin. "Er hat ja keine Romane geschrieben."

Aber konstruktive Kunst gesammelt, unentwegt und ständig. Bereits 1981 verkaufte er einen Teil an die Stadt Ingolstadt, legte den Grundstock für das 1992 eröffnete Museum für Konkrete Kunst. Als sich in Wurlitz die Kunst wieder zu stapeln begann, schlug er dem Rehauer Bürgermeister vor, die Scheune des Anwesens als Museum auszubauen; dafür würde er der Stadt 148 Objekte stiften. Doch der hatte eine bessere Idee: das alte, unter Denkmalschutz stehende Schulhaus in Rehau. Seither veranstalten die Gomringers vier bis fünf Ausstellungen im Jahr, dazu Lesungen, Vorträge, Seminare. Zu viel, findet Nortrud Gomringer. "Wir sollten das etwas reduzieren."

Derzeit zeigen sie drei Künstler, von denen jeder es verdienen würde, dass man sich mit ihm in einem Seminar auseinandersetzt, sagt der Hausherr. Jürgen Forster verbindet in den "Sieben Nachrichten aus der Sieben-Letter-Welt" Wörter mit sieben Buchstaben zu Sieben-Wort-Sätzen mit skurrilen Aussagen. "Kurpark, neulich mittags: Mondäne Negerin negiert Neonazi." Das erinnert an Schlagzeilen, eine Assoziation, die deshalb passt, weil Forster lang als Journalist gearbeitet hat. Der Autor Jürgen Ostarhild nutzt in seinen digital geschaffenen Sprachspielen algorithmische Hieroglyphen, während Franz Mon mit Ideogrammen vertreten ist: kunstvoll zusammengeballte Buchstaben, in denen sich das jeweilige Wort gekonnt verbirgt. "Ein Glanzstück, das bleiben wird", ist sich Gomringer sicher (bis 31. August) .

Den Billschen Pavillon vor dem Gebäude haben sie aus Wurlitz mitgebracht. "Bill ist unser Hausheiliger." Schließlich habe der Schweizer Künstler die konkrete Kunst neu definiert. Die ersten Bilder Bills sah Gomringer 1944 in Zürich. Ein Schock. "Ich stand davor und dachte mir, das gibt es doch nicht." Er beschloss, Bills Linien und Vierecke in Poesie umzusetzen. "Aber ich brauchte sieben Jahre, bis das wirklich in mir gereift war." 1951 schrieb er "ping pong", 1952 folgte "avenidas", sein inzwischen wohl bekanntestes Gedicht. Studentenproteste hatten im Vorjahr dessen Entfernung von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule erzwungen und eine Welle der Solidarität mit dem Dichter ausgelöst. Ihn selbst habe die Debatte um seine als sexistisch eingestuften Verszeilen nie besonders aufgeregt, sagt Gomringer. "Das nennt man Altersweisheit."

SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 5: Viele der Skulpturen hat der Dichter Eugen Gomringer, hier mit seiner Ehefrau Nortrud vor der "Heldenwand“ im Ausstellungsraum, als Entgelt für Katalogbeiträge und andere Texte erhalten.

Viele der Skulpturen hat der Dichter Eugen Gomringer, hier mit seiner Ehefrau Nortrud vor der "Heldenwand“ im Ausstellungsraum, als Entgelt für Katalogbeiträge und andere Texte erhalten.

(Foto: Sabine Reithmaier)

Sein Archiv quillt über. Kunst an den Wänden, Bücher und Korrespondenzen in den Regalen, dazu Vasen und Weinflaschen mit Gedichtzeilen, Ausstellungsplakate. Ganze Werkkomplexe berühmter Kollegen liegen hier aufeinander, Arbeiten des Dichters Pierre Garnier neben denen Friedrich Achleitners oder Gedichten aus Korea. Eine einzigartige Sammlung, in der sich die Geschichte der konkreten Poesie wunderbar nachvollziehen lässt. Dass Teile des Archivs bereits im Schweizer Literaturarchiv der Nationalbibliothek in Bern gelandet sind, merkt man nicht. Gomringer hätte gern alles in Rehau gelassen. Doch dann hätte die Stadt das Nebenhaus zum begehbaren Archiv umbauen müssen. Pläne dafür existierten bereits, doch die Finanzierung überfordert die kleine Kommune.

Der Beleg dafür, dass Gomringer ursprünglich nicht Dichter werden wollte, sondern den Beruf des Generals vorgezogen hätte, findet sich hier auch. Aus einer Schublade holt der Dichter große gerahmte Zeichnungen hervor. Als 16-Jähriger malte er leidenschaftlich und extrem präzis Schlachtenaufstellungen. Die von Leuthen etwa, mit der Friedrich II. trotz geringerer Truppenstärke 1757 das übermächtige österreichische Heer schlug. "Strategisches Denken fasziniert mich", sagt Gomringer. Der Titel seines Lebensbuchs erklärt sich so auch: "kommandiert die poesie" nannte er die biografischen Berichte; die Aufforderung richtete schon Goethes Theaterdirektor im Prolog zum Faust an die Dichter.

Dort, wo das Archiv geplant gewesen wäre, ist nun ein schlichter Raum, "Poema" genannt. Eine Art Ehrenhalle für den Dichter: Die 14 wichtigste Gedichte hängen hier im Großformat. Darunter "avenidas", "schweigen" oder "kein fehler im system". Alles atmet wohltuende Einfachheit. Nur das kleine Schild am Schreibtisch erinnert an einen historischen Augenblick: "An diesem Tisch in der Mensa der HFG Ulm haben Eugen Gomringer und Decio Pignatari 1955 beschlossen, die neue Poesie gemeinsam als konkrete Poesie zu bezeichnen."

"In Sachen Poesie mache ich aber inzwischen wenig", sagt Gomringer und erzählt von den 120 Sonetten, die er in den vergangenen 20 Jahren geschrieben hat. Auch das ist eine Art Biografie, ohne je episch zu werden. Auf den Park sind die Gomringers übrigens vor allem dann stolz, wenn sie vom Fenster aus beobachten, dass die Rehauer auf Max Bill Eis essen. Oder die Anfangszeile eines Sonetts befolgen und "einfach mal sitzen und vom tun ablassen".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema