bedeckt München 21°

SZ-Serie: Ganz persönlich, Folge 3:Entenhausen liegt in Oberfranken

Das Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach an der Saale widmet sich ausschließlich Comics und deren Sprachkunst. Es ist das einzige Museum Deutschlands, das nach einer Übersetzerin benannt ist

Schwarzenbach an der Saale ist eine reizende Kleinstadt in Oberfranken. Jean Paul (1763 bis 1825) hat hier mehrere Jahre gelebt, unterrichtet, geschrieben und sogar zum ersten Mal geküsst, wie er in seiner "Selberlebensbeschreibung" berichtet. Aber die Aussicht, am selben Ort wie einst der humoristische Dichter zu leben, hat Erika Fuchs 1932 bei ihrem ersten Besuch in der Stadt nicht getröstet. Der geschockte Gesichtsausdruck, mit dem der Karikaturist Simon Schwartz diesen Moment im Leben der später so gefeierten Übersetzerin festhält, spricht Bände.

So provinziell hatte sich die promovierte Kunsthistorikerin ihr Leben nicht vorgestellt. Sie zog trotzdem her, der Liebe wegen, blieb 52 Jahre und begann hier, Jean Paul nicht unähnlich, zu dichten. Allerdings schrieb sie keine Romane, sondern füllte mit subversivem Witz und Lautmalerei die Sprechblasen von Micky Maus und der Duck-Familie. Ihr zu Ehren leistet sich die Stadt seit vier Jahren das einzige Museum Deutschlands, das nach einer Übersetzerin benannt ist und sich ausschließlich Comics und deren Sprachkunst widmet.

Comic Museum in Schwarzenbach

Die Gelegenheit, in Dagobert Ducks Talerbad zu springen, nutzen im Erika-Fuchs-Haus vor allem Kinder.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)

Einen Masterplan für das Erika-Fuchs-Haus habe es nicht gegeben, sagt die Leiterin Alexandra Hentschel. "Sonst hätte man es vermutlich nicht in Schwarzenbach, sondern in München angesiedelt, wo Fuchs ebenfalls lang lebte." Das Schicksal wollte es, dass der ehemalige Bürgermeister des Ortes 2006 Gerhard Severin kennenlernte. Der Jurist, damals noch in Ingolstadt wohnend, sammelt seit 25 Jahren alles, was er über die Familie Duck und Entenhausen findet. Schwarzenbach schien ihm Erika Fuchs' wegen die richtige Heimat für seine Sammlung zu sein. Er bot sie der Stadt als Grundstock für ein künftiges Museum an. Da der Bürgermeister von der Idee angetan war, ließ sich Severin als Richter ins nahe Hof versetzen und begleitete den Aufbau des Hauses mit, gründete eine Erika-Fuchs-Stiftung mit und rief einen Förderverein ins Leben, den Klub der Milliardäre.

Erst dachte die Stadt nur an eine kleine Sammlung und einige Texttafeln. Aber die eingeschalteten Fachstellen ließen keinen Zweifel daran, dass sie nur ein Haus mit wissenschaftlicher Leitung unterstützen würden, kein buntes Sammelsurium. Daher steht nun in der Bahnhofstraße, wo während der Zeit des Nationalsozialismus das "Braune Haus" und später eine Schule standen, ein heller, knapp fünf Millionen Euro teurer Neubau auf einem Grundstück, das nur 15 Meter breit, aber 60 Meter tief ist. Wer eintritt, landet im Museumsshop. Sehr praktisch, weil niederschwellig, sagt Alexandra Hentschel. Außerdem sei der Laden ein wichtiges Standbein, was die Finanzierung des Hauses betrifft. "Ich habe total Spaß am Verkaufen und sehe gern die Dollarzeichen blinken." Ungewöhnliche Töne für eine Museumsleiterin, aber in der Nachbarschaft Dagobert Ducks vermutlich normal.

Im Erika-Fuchs-Haus gibt es einiges zu entdecken.

(Foto: Michael Stumpf)

Zwei Sonderausstellungen gibt es gerade im Erdgeschoß. Die eine erinnert an Erich Ohser alias e.o.plauen und seine Vater und Sohn-Geschichten; die andere stellt anlässlich des 85. Geburtstags Donald Ducks ausgewählte Stücke aus der Severin-Sammlung vor, zeigt den ewigen Verlierer der Disney-Familie in allen möglichen Lebenslagen, auf Plakaten, Tassen, Kaffeekannen oder als Skulptur.

Eine breite Treppe führt nach Entenhausen. Es dauert, bis sich die Tür zum Duckschen Kosmos öffnet. Aber während des Countdowns bleibt Zeit, um die ungezählten Donald-Figuren in einer Vitrine zu studieren und die Veränderung seines Aussehens nachzuvollziehen: die Ente mit langem Schnabel, runden Augen, Watschelfüßen und Schwingen wandelt sich zum menschenähnlichen Wesen. Geboren wurde der schräge Vogel 1934 als Trickfilmfigur. Der Zeichner Al Taliaferro überzeugte Walt Disney, der Ente im Matrosenanzug einen eigenen Comicstrip zu widmen. Doch berühmt machte den ewigen Pechvogel der Zeichner und Autor Carl Barks.

Ein kurzer Film führt in die Comic-Geschichte ein. Dann steht man endlich in der zweidimensionalen Kulissenwelt von Entenhausen, blickt auf Dagobert Ducks Geldspeicher und dessen Talerbad, in dem er sich jeden Morgen erfrischt. "Jedes Haus, jeder Busch hier ist in Barks-Geschichten belegbar", sagt Hentschel. Die interaktive Landkarte, ein Werk des Kartografen Jürgen Wollina, räumt endgültig mit der Idee auf, Entenhausen sei nur ein fiktiver Ort. Seit Erika Fuchs liegt es eindeutig in Oberfranken. Oberkotzau, Schnarchenreuth, Großschloppen - Fuchs hat die Nachbardörfer in der Duck-Welt verewigt. Sogar die Wattefabrik Sandler, auf die zu fallen Donald seiner Cousine Daisy während eines Absturzes rät, existiert noch heute.

Die legendäre Übersetzerin und langjährige Chefredakteurin des Micky-Maus-Magazins lebte 52 Jahre in Schwarzenbach an der Saale.

(Foto: Daniel Hofer)

Fuchs' Leben hat Simon Schwartz amüsant auf raumhohen Comic-Tafeln dargestellt. Die höhere Tochter, 1906 in Rostock geboren, hatte in Lausanne, London und schließlich in München studiert. Dort lernte sie den Maschinenbaustudenten Günter Fuchs kennen, dessen Familie in Schwarzenbach eine Fabrik besaß, die Summa Feuerungen. Trotz ihrer anfänglichen Weigerung, fernab jeglicher Zivilisation zu leben, heirateten die beiden. An Scheidung habe sie nie, aber an Mord oft gedacht, gestand Erika Fuchs einmal der Schriftstellerin Asta Scheib. Und fügte hinzu, sie halte das für eine treffende Analyse einer glücklichen Ehe.

Anfangs war die Kunstexpertin ziemlich skeptisch, ob Micky Maus und Donald Duck in Deutschland funktionierten. Den Job als Chefredakteurin hatte sie 1951 erhalten, weil der dänische Ehapa-Verlag fand, ein Doktortitel im Impressum mache sich gut. Fuchs entwickelte schnell ein Faible für die Ducks, schuf für jede Ente eine eigene Sprechweise. Onkel Dagobert beherrscht sogar den Konjunktiv perfekt. Immer wieder jubelte sie ihren Figuren klassische Zitate von Shakespeare, Goethe oder Schiller unter. "Sie hat die Geschichten so erzählt, dass sie für deutsche Leser funktionierten", sagt Hentschel. Halloween, das in den Fünfzigerjahren hierzulande niemand kannte, verwandelte sie in den Rosenmontag, einen rosafarbenen Milchshake zu Erdbeereis. In den Räumen des Museums haben die Besucher auch genügend Gelegenheit, Fuchs' Umgang mit Sprache zu studieren und sich selbst zu erproben. Im Finden von Alliterationen, die Fuchs liebte, aber auch von Inflektiven, jenen Verben, deren Infinitivendungen weggefallen sind: "Gähn!", "Stöhn!" "Grübel" - Wortschöpfungen, die aus unserer Sprache nicht mehr wegzudenken sind. Kein Wunder, dass Fuchs-Fans dafür längst den Begriff "Erikativ" geprägt haben.

Bis 1988 blieb sie Chefredakteurin des Micky-Maus-Magazins. Schwarzenbach hatte sie nach dem Tod ihres Mannes 1984 sofort verlassen. Mit Literaturpreisen bedacht, starb sie 2005 in München.

In Schwarzenbach würde sich Hentschel noch mehr Besucher wünschen. Im Vorjahr zählte das Haus 12 500 Gäste, 2015 im Eröffnungsjahr waren 22 000 gekommen. Wäre schön, wenn sich das steigern ließe, sagt die promovierte Kulturwissenschaftlerin. Sie ist für ihren Job von Hamburg nach Oberfranken gewechselt. Anders als Erika Fuchs fiel ihr der Umzug nicht schwer. Vermutlich deshalb, weil sie einfach mehr in Entenhausen lebt.