SZ-Serie Europäische Plätze, Folge 4 Ihr habt etwas Besseres verdient

Arbeitslosigkeit, Frust, Leerstand: Am Civic Square in Tilbury zeigen sich viele der Gründe, die zum Brexit geführt haben. Jetzt soll der Platz umgebaut werden.

Von Alexander Menden

Der öffentliche Raum ist das Beste, was unsere Städte zu bieten haben. Heute aber steht er besonders unter Druck: von Sicherheitsbedenken etwa oder von immer stärkeren kommerziellen Ansprüchen. Deshalb schaut eine Serie im Feuilleton nach, wie es auf Europas Plätzen aussieht. Alle bislang erschienenen Folgen finden Sie unter www.sz.de/plaetze.

Zehn Gehminuten ist der Civic Square vom Bahnhof Tilbury Town entfernt. Zehn Minuten, in denen man an Take-away-Imbissen vorbeikommt, an grimmigen Sozialsiedlungen und verrammelten Altbauten. Die neuesten Gebäude gehören zu einem Altersheim; der Spielplatz der St-Mary's-Grundschule ringt inmitten all des Betons um etwas Fröhlichkeit. Auf diesem kurzen Weg ist man versucht, sämtliche Vorurteile über Tilbury für bestätigt zu halten.

Der Ort in der Grafschaft Essex, Teil des Verwaltungsbezirks Thurrock östlich von London, ist in England zu einem Kürzel für den Niedergang der weißen britischen Arbeiterschicht geworden. Tilbury gilt als Sackgassenstadt mit hoher Arbeitslosigkeit, vielen alleinerziehenden minderjährigen Müttern, als Gemeinde, die ihre Zukunft hinter sich hat. Die Zugfahrt von London hierher dauert zwar nur 40 Minuten, und doch ist London für manche hier so weit weg wie New York - oder Brüssel. Beim Referendum zur britischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union stimmten 72 Prozent der Wähler in Tilbury für den Brexit, eine Wut- und Protestwahl.

Bevor man den Civic Square erreicht, das nominelle Zentrum Tilburys, sieht man schon von Ferne viele Flaggen über dem Platz wehen. Die englische Sankt-Georgs-Fahne ist stark vertreten, auch der Red Ensign, die britische Handelsflagge. Vor der Bücherei steht weiß leuchtend ein Denkmal für die Gefallenen zweier Weltkriege und des Falklandkriegs. Seine Aufschrift: "Mögen Gnade, Gerechtigkeit und Frieden die Völker der Welt regieren". Man ist stolz auf das nationale Erbe, und auf die lokale Geschichte. Königin Elizabeth I. hielt unten an der Themsemündung 1588 ihre berühmteste Rede, einen feurigen Aufruf an ihre dort versammelten Truppen, sich der spanischen Armada entgegenzustellen. Im 20. Jahrhundert war Tilbury einer der ersten Orte in Essex, die geteerte Straßen und Elektrizität bekamen. Als drittgrößter Frachthafen Englands bot es Generationen von Werftarbeitern ein hartes, aber relativ sicheres Auskommen.

Mittlerweile spart der den Südosten Englands prägende Wohlstand Tilbury sichtlich aus. In den Achtzigerjahren wurden die Frachthäfen mechanisiert, es brauchte immer weniger Menschen. Für viele Hafenarbeiter, die nichts anderes gelernt hatten, bedeutete das: Langzeitarbeitslosigkeit. Die größte Hoffnung auf neue Arbeitsplätze setzt man derzeit in das Amazon-Lagerhaus, das demnächst im nahen Distribution Park entsteht.

"Die Lage, die Hauspreise, das ganze Potenzial von Tilbury sind hervorragend", sagt Amanda Reynolds, Chefin des Stadtplanungsbüros AR Urbanism. "Aber um es auszuschöpfen, braucht Tilbury dringend eine tief greifende Erneuerung." Das Team um Reynolds, eine muntere Neuseeländerin, gewann eine Ausschreibung der Stadtverwaltung von Thurrock zu einem Regenerationsplan für den Civic Square. Der Platz, derzeit auf einem Kreisverkehr gelegen, soll für Fußgänger besser erreichbar werden. Radwege sollen außerdem die Anbindung zur Themse verbessern.

Die Umgestaltung wird kommen. Es hängt von den Bürgern ab, ob sie davon auch etwas haben

Momentan kann man den Civic Square noch als Symbol der Gesamtsituation Tilburys lesen. Die Passagiere der großen Kreuzfahrtschiffe, die unten am Hafen landen, werden von hier busladungsweise nach London hineingekarrt. Das Stadtzentrum Tilburys bekommen sie dabei nicht zu sehen. Dabei hat der Civic Square von Westen aus betrachtet fast etwas Malerisches, wenn man den Blick nicht zu weit nach links und rechts abschweifen lässt. Die Gemeindebibliothek wurde gerade nach mehrmonatiger Renovierung wiedereröffnet. Ihr helles, einladendes Inneres dient als Treffpunkt für Menschen aus der Umgebung, für die hier unter anderem Computerkurse angeboten werden.

Der die Bibliothek beherbergende westliche Gebäuderiegel ist relativ schmal. In den Dreißigerjahren erbaut, sollte er ursprünglich der Vorderteil einer Gemeindehalle mit Konzertsaal werden. Doch das Geld ging aus, der Komplex wurde nie vollendet, und schaut man dahinter, wird das Bild deutlich trister: Nördlich begrenzt den Platz eine Ladenzeile, die schon bessere Tage gesehen hat. Südlich steht ein graublauer Klotz, die ehemalige Polizeistation. Sie wurde vergangenen Februar im Zuge von Sparmaßnahmen mit nur drei Tagen Vorwarnung geschlossen.

Das östliche Drittel des Civic Square dominiert die ehemalige Feuerwehrstation von Tilbury, bereits 1997 dichtgemacht. Heute beherbergt ihr Untergeschoss ein Kampfsportzentrum, der Rest ist verwaist. Hier präsentiert sich der Square als das Gegenteil eines bürgerlichen Versammlungs- und Repräsentationsortes; er wirkt eher wie eine Brache, umzingelt von dicht an dicht geparkten Autos.

Architektonisch hervorstechendstes und zugleich hässlichstes Merkmal ist eine turmartige Metallstruktur, die früher bei Feuerübungen Verwendung fand. Nach der Vorstellung von Amanda Reynolds und ihrem Team soll dieser von vielen Bewohnern Tilburys als Schandfleck betrachtete Turm einmal ein Juwel im Zentrum eines völlig verwandelten Platzes werden. Auf dem computergenerierten Bild, das die neue Vision des Civic Square zeigt, hat sich der finstere Stahlturm in eine bunte, leuchtende Skulptur verwandelt. Der Plan, den Reynolds in ihrem Londoner Büro erläutert, sieht vor, die Bibliothek nach Osten hin um ein zweistöckiges Gebäude mit gemischter Nutzung und einem Café zu erweitern. In der Mitte ein gepflasterter Platz mit reichlich Begrünung. Und am Ostende, anstelle der Feuerwache, ein neues Gesundheitszentrum, das der National Health Service (NHS) hier innerhalb der kommenden fünf Jahre eröffnen soll. Ob das alles kommt, hängt vor allem davon ab, ob das NHS-Zentrum gebaut wird.

Die Reaktionen der Anwohner waren laut Reynolds "gemischt": "Wir haben immer wieder gehört: 'Was soll das bringen? Die Jugendlichen machen sowieso alles wieder kaputt!'" Der erste Impuls in Tilbury sei, "alles zu verrammeln" - genau der falsche Weg: "Je mehr Menschen Überblick über einen Platz haben, desto weniger Vandalismus gibt es. Wenn man von vornherein nichts Ansprechendes anbietet, dann transportiert das die Botschaft: Ihr habt nichts Besseres verdient."

Betrachtet man den Civic Square, kann man sich nur mit Mühe vorstellen, all die fröhlichen Mittelschichtsmenschen hier auftauchen zu sehen, die von den Stadtplanern in ihren Computerbildern vorgesehen sind. Aber Les Morgan ist optimistisch: "Es gibt keinen Grund, warum das nicht in fünf Jahren so aussehen sollte!", sagt er. "Es wäre schön für all die jungen Mütter, einen Ort zu haben, wo sie sich treffen können." Morgan engagiert sich im Tilbury Riverside Project (TRP). Die Bürgerinitiative kümmert sich um Belange, für die sich die Stadtverwaltung nicht zuständig fühlt - das reicht vom Kauf von Arbeitsstiefeln für Werftarbeiter bis zur Weihnachtsbeleuchtung des Civic Square.

Andere sind skeptischer als Morgan. "So was kann doch jeder zeichnen - was glauben Sie, was allein die Planung gekostet hat?", fragt Colin Elliott, der sein ganzes Leben in Tilbury verbracht hat. "Es wäre zum Beispiel toll, etwas zu haben, wo Kleinkinder spielen könnten - aber jemand müsste sich darum kümmern, weil es eine Minderheit gibt, die alles kaputt macht." Der Spielplatz hinter der Kinderkrippe sei zweimal niedergebrannt worden.

Beim Gespräch mit anderen TRP-Mitgliedern schimmert zudem durch, dass es tiefer greifende Bruchlinien in Tilbury gibt, die die große Popularität der UK Independence Party in der Stadt zu erklären helfen. Von Zuzüglern aus Barking und Dagenham ist die Rede, vor allem Afrikaner und Osteuropäer, die von Einheimischen benötigte Sozialwohnungen bekämen. "The Anchor" ist emblematisch für diesen demografischen Wandel. Das Pub an der Nordostecke des Platzes war früher Stammkneipe vieler Anwohner. Nach mehreren Eignerwechseln und Polizeirazzien wegen Drogenhandels stand es eine Zeit lang leer. Heute trifft sich dort die nigerianische Gemeinde der "Redeemed Christian Church of God Fruitful Land". Eine Nutzung, die das Gebäude vor dem weiteren Verfall bewahrt, von manchen Alteingesessenen aber nicht mit ungeteilter Freude gesehen wird.

Momentan ist der Civic Square zwar die geografische, aber nicht die gesellschaftliche Mitte dieser fragmentierten Gemeinde. Eine rasche Gentrifizierung von Tilbury, wie sie die optimistischen Pläne der Stadtplaner vorsehen, kann man sich derzeit nicht recht vorstellen. Doch der Hunger nach Bauland in der Umgebung Londons ist nicht kleiner geworden, trotz Brexit. Die Baufirmen werden irgendwann anrücken und die Stadt verändern - mit oder ohne die Mitwirkung ihrer Bewohner. Civic Square bedeutet "Bürgerplatz". Von der Bereitschaft der Bürger, diesen Platz gemeinsam zum Leben zu erwecken, wird es nicht zuletzt abhängen, ob die Erneuerung Tilburys tatsächlich in seinem Zentrum beginnt.