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SZ-Serie: Endlich Zeit für:Wie du mir, so ich Tier

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Schriftsteller Jürgen Teipel erzählt in 39 Miniaturen von ganz besonderen Begegnungen zwischen Mensch und Tier.

(Foto: Jakob Feigl)

Jürgen Teipels neues Buch handelt von treuen Amseln und sterbenden Elefanten. Ein Plädoyer für mehr Empathie

Verschwende deine Jugend, aber verbringe viel Zeit mit Tieren. So könnte eine Maxime lauten, die Jürgen Teipel für das gute Leben ausgibt. Die Hingabe des bayerischen Autors zur Punk- und New Wave-Szene ist erschöpfend thematisiert, sein Doku-Roman "Verschwende deine Jugend" bescherte dem ehemaligen Veranstalter, DJ und Journalisten vor 17 Jahren große Resonanz (und eine erweiterte Neuausgabe 2012). Überraschender ist da schon Teipels Empathie für Glattwalbabys und Milchschafe, für Esel und Amseln, für Zwergziegen und Rieseneidechsen.

"Unsere unbekannte Familie" heißt sein Buch, erschienen in diesem Jahr bei Suhrkamp, mit dem er diese Liebe ausleuchtet. Im Untertitel verspricht es schlicht: "Wahre Geschichten von Tieren und Menschen". 39 Miniaturen vereint das Werk, in sich abgeschlossene Berichte von Menschen, die besondere Begegnungen mit Tieren hatten. Da wäre zum Beispiel Herr Dreißfuß, eine dreibeinige Katze, die nach der Rückkehr ihres Frauchens "bis auf Brusthöhe" durch die Luft springt, vor Freude über das Wiedersehen. Oder das menschenfixierte Eichhörnchen, das ohne Zögern am Menschenbein hochklettert und dem völlig Verblüfften bis in die Wohnung folgt. Auf das Sofa. In die Dusche. "Es kam mir hinterher. Das Wasser lief. Es krabbelte an mir hoch - während ich mich duschte - und saß da die meiste Zeit auf meiner Schulter. Ich musste immer kucken, dass es nicht vom Wasserstrahl erfasst wird. Das muss man sich mal vorstellen!" Es gibt die Story von Sita, der Orangfrau, die malt und ihrem Vertrauensmenschen die Wange berührt, wenn es diesem mal nicht so gut geht. Man lernt, dass man Schafe beim Melken nicht füttern soll und dass Esel keine sturen Böcke sind, sondern vorsichtige Zeitgenossen, die Situationen selbst erkennen wollen.

Die Menschen, denen Teipel zuhörte, um ihre Geschichte verdichtet aufzuschreiben, hat er in ganz Deutschland aufgestöbert. Bekannte und Freunde ebenso wie Bekannte von Bekannten von Bekannten. Fuchsfilmer und Zoologen ebenso wie Lehrer und Schreibwarenladenbesitzer. Eine Stärke von Jürgen Teipel ist seit jeher genau das: Leute treffen, zuhören, Geschichten herauskitzeln. Das hat er zuletzt bei "Mehr als laut - DJs erzählen" (2013) gemacht. Und dann in ihrer persönlichen Erzählerstimme auf den Punkt bringen. Mit Mut zum Kitsch, ohne kitschig zu sein. Anrührend ist die Amsel auf der Hand, verblüffend die aufmunternde Kuh, lustig der Dachs im Hinterhof. Und wem bei der Episode vom sterbenden Elefanten und dem tierischen und menschlichen Umgang damit nicht das leiseste "Hach" herausrutscht, der sollte zum sechswöchigen Pflichtpraktikum auf einem Gnadenhof verdonnert werden.

Wie viel im Buch womöglich literarisch geflunkert ist und hier und da zurechtgebogen, das wissen höchstens die Tiere. Spielt aber keine Rolle. "Wie gehen wir eigentlich mit Tieren um?" Darum geht's. Diese Kernfrage interessierte Teipel, der das Thema, wie er im Vorwort erklärt, seit vielen Jahren mit sich herumschleppte. Der Autor, Jahrgang 1961, lebt seit kurzer Zeit in Schondorf am Ammersee, seit vielen Jahren ist er - "mit Unterbrechungen" - Vegetarier. Zu Ernährungsfragen kann man stehen, wie man will. Zu einer Sache sollte das Buch aber allemal inspirieren: Mehr Empathie wagen kann nie schaden. Ein schöner Vorsatz für das neue Jahr. Für alle Lebewesen.