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SZ-Serie: Drehmomente:Eine Frau gibt Gas

Das Siegestor erhielt erst 1972 die im Krieg zerstörte Quadriga zurück.

(Foto: Schamoni-Film)

In May Spils' Film "Zur Sache Schätzchen" steuert Uschi Glas ein altes BMW-Cabrio über die Ludwig- und Leopoldstraße. Das Siegestor hat sich kaum verändert - ganz im Gegensatz zum Rest Schwabings

Kann irgendwer sagen, wann genau Schwabing aufhörte, das zu sein, was es mal war, oder zumindest, wofür es berühmt war: wild und ungestüm? Noch in den Achtzigerjahren galt Schwabing als was Besonderes. Wenngleich schon da viel Nostalgie mit im Spiel war, wenn von der Gisela (die mit dem Nowak) die Rede war oder man Geschichten erzählte, wo die Uschi (Obermaier) mit dem Mick (Jagger) rumgemacht hatte. Und wenn ältere Freunde von den Discos schwärmten, in denen sich Größen des Musik- und Showgeschäfts getroffen hatten, nachdem sie vorher in einem Studio um die Ecke weltbekannte Hits produziert hatten. Oder wenn diese Einheimischen von wilden Partys erzählten, auf denen Menschen, die man selbst nur aus den Medien kannte, Stammgäste waren. Lag das tatsächlich alles nur wenige Jahre zurück? Es klang wie aus einer anderen Zeit.

Aber immerhin: Selbst in den Achtzigern war Schwabing geprägt von Kneipen, Clubs, Kleinkunst und Künstlern. Und Münchens Leopoldstraße erschien mit ihren Straßenmalern wie ein Ableger des Montmartre in Paris - wenngleich auch nur ein Kleinstableger. Ein sommerlicher Bummel an den Straßenmalern vorbei, eine Fahrt im offenen Cabrio "die Leo" rauf und runter, ein Stopp im Venezia oder im Extrablatt, eine Nacht in den Kellern des BaBaLu gaben einem doch zumindest ein bisschen das Gefühl, nicht nur in München, sondern auch in Schwabing angekommen zu sein. Und heute? Diskutiert man in Schwabing eher über fehlende Kitas und Luxussanierung als über Sex, Drogen und Rock'n'Roll.

Doch als die Regisseurin May Spils 1967 den Low-Budget-Film "Zur Sache Schätzchen" drehte, schien Schwabing die perfekte Location dafür. Das Lebensgefühl einer die Werte der Vätergeneration verachtenden Jugend kam hier allein durch das Flair von Schwabing zum Ausdruck. In dieser lockeren Atmosphäre ließ sich die vorgetäuschte Striptease-Szene auf dem Polizeirevier bestens verorten - sie zählt zu den bekanntesten Momenten des Films, der ein Riesenerfolg wurde, nachdem er Anfang 1968 in die Kinos gekommen war.

Da ist der in den Tag hineinlebende Student Martin (Werner Enke), der sich mit Gelegenheitsjobs als Werbetexter mehr schlecht als recht über Wasser hält und sich selbst als "Gammler" und "Fummler" beschreibt. Seine Devise: "Es wird böse enden". Er trifft auf Barbara (Uschi Glas), ein Töchterchen aus gutem Haus - naiv, hübsch, ohne offensichtliches Lebensziel - das sich mitreißen lässt von Martins pseudophilosophischem Geschwafel. Ihr Lieblingsspruch: "Ich bin 'n Mädchen."

Auf der harmlosen Tändelei dieser beiden und Martins schwer gestörtem Verhältnis zur Obrigkeit basiert der Film, der wie die Münchner Light-Version von Godards "Außer Atem" daherkommt und ganz im Nouvelle-Vague-Stil auf der Straße gedreht wurde. Spils zählte damals zur Gruppe Münchner Autorenfilmer, die sich von der Filmtradition der Nachkriegszeit absetzen wollten. Doch auch wenn "Zur Sache Schätzchen" durch Produzent Peter Schamoni in die Nähe zum "Neuen Deutschen Film" gerückt wurde, wie ihn Kluge, Reitz und andere suchten, so fehlte Spils' Film doch der gesellschaftskritische Aspekt, den jene zum Ausdruck bringen wollten. "Zur Sache Schätzchen" ist vor allem ein sommerlich-leichter Unterhaltungsfilm, der das Lebensgefühl der Jugend im Schwabing der Sechziger jenseits von Politik und gesellschaftlicher Utopien zum Ausdruck bringt. Die Schwabinger Krawalle von 1962 wie die Studentenunruhen der 68er - sie scheinen Lichtjahre entfernt.

Obwohl viele Szenen auch in anderen Stadtteilen spielen - unvergessen die Szene im Tierpark mit der Ziege im Kinderwagen! - gibt es zuhauf Schwabinger Momente im Film: von den Bikinimädchen im Ungererbad über die Szenen am Drugstore und vor dem Alten Simpl bis hin zu den vielen Straßenszenen, in denen allenthalben Bekanntes auftaucht. Eine der zentralen Szenen hierbei ist Martins Flucht aus Polizeigewahrsam mit Hilfe von Barbara und seines Freundes Henry.

Wo einst die Straßenbahnschienen verliefen, steht heute die Plastik "Love-Hate" von Mia Florentine Weiss.

(Foto: Robert Haas)

Die Fahrt im offenen BMW-Cabrio geht über Ludwig- und Leopoldstraße am Siegestor vorbei. Damals fuhren die Trambahnen noch durch das Tor und die Quadriga fehlte noch. Erst 1972 wurde die restaurierte Großplastik der Bavaria mit dem Gespann der vier Löwen wieder aufgesetzt. "Dieser BMW war damals schon ein wunderschöner Oldtimer, einfach toll", erinnert sich die Hauptdarstellerin Uschi Glas an die Szene, "und ich war immer schon sehr autoaffin". Wer in einer Großstadt wie München aufwuchs, brauchte oft keinen Führerschein. Anders war es, wer aus dem ländlichen Raum kam wie Uschi Glas - sie ist in Landau an der Isar geboren.

"Schwabing, das war damals der Nabel der Welt für uns", sagt Uschi Glas. "Die Ludwig-, vor allem aber die Leopoldstraße, das waren die Hotspots in München. Dazu gehörten noch Wirtshäuser wie der Alte Simpel, das Café Europa oder das Weinlokal Hahnhof, wo man so viel Brot essen konnte, wie man wollte, wenn man ein Glas Wein bestellt hatte." Für arme Studenten wie auch für andere, die nicht viel hatten, ein guter Grund dort einzukehren.

Und an noch etwas erinnert sich Uschi Glas gut: "Der Werner war mächtig beeindruckt, dass ein Mädchen so gut Autofahren konnte! Er selbst hat ja bis heute keinen Führerschein." Vielleicht hat das "Schätzchen" nicht nur wegen der Pseudo-Striptease-Szene der Hauptdarstellerin, sondern auch wegen des Selbstverständnisses, mit dem sie das Auto mit dem vor der Polizei flüchtenden Martin steuert, mehr für die Emanzipation getan, als man dem Film im ersten Moment zutraut.

© SZ vom 29.08.2018/vewo/bhi
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