SZ-Serie: Die grüne Frage Selbsternannte Prediger

Folgt man dem "Budgetansatz" des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), so würde die Erreichung des 2-Grad-Klimaschutzzieles bedeuten, dass jedem Erdbewohner bis 2050 pro Jahr noch 2,7 Tonnen CO2 zur Verfügung stünden. Allein eine Flugreise nach New York (und zurück) verursacht circa 4,2 Tonnen CO2. Die durchschnittliche CO2-Bilanz eines Bundesbürgers wird derzeit auf desaströse 11 Tonnen pro Jahr geschätzt.

Die gravierende Fehlleistung bisheriger Kommunikationsstrategien rührt daher, dass zu viele kleine Al Gores in Erscheinung treten, die sich mit überlegener theoretischer Nachhaltigkeitsexpertise präsentieren, jedoch unverhohlen eine diametral entgegengesetzte Alltagspraxis vorführen.

Dies gilt nicht nur für eine hochdotierte Nachhaltigkeits-Schickeria, die im Namen des Klimaschutzes genauso pausen- wie wirkungslos von Kontinent zu Kontinent jettet, um den immer gleichen Vortrag - manchmal sogar vor den immer gleichen Konferenztouristen - zu halten.

Längst hat sich ein breiter Nachhaltigkeitsklerus verfestigt, der mit Karriere- und Entfaltungsmöglichkeiten lockt. Hier tummeln sich die vielen modernen Weltretter, die im Auftrag von (Hoch-) Schulen, Forschungseinrichtungen, Gebietskörperschaften, Verbänden, Unternehmen, Kirchen, Netzwerken oder aus intrinsischer Berufung agieren.

Ausufernde Konferenz- und Missionstätigkeit

Ihre Hauptaktivitäten bestehen darin, sich zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen, Dialoge anzubahnen, Feldforschung für eine anstehende Abschlussarbeit zu betreiben, Meetings abzuhalten, Forschungsergebnisse kundzutun, Standpunkte zu vertreten, Dokumente zu verfassen, Medienereignisse zu inszenieren - kurz: global präsent und wichtig zu sein. Öffentliche Budgets, Forschungsgelder, Spendeneinnahmen der Verbände und das finanzielle Engagement der Wirtschaft unterfüttern diesen Prozess.

Nicht nur aufgrund ihrer Kerosinträchtigkeit nebst anderen materiellen Voraussetzungen trägt die ausufernde Konferenz- und Missionstätigkeit zur Verschärfung der Probleme bei, die zu lösen sie vorgibt. Noch kontraproduktiver wirkt sich der Umstand aus, dass ein hyperventilierendes Engagement, das sich in bloßer Mobilität und Symbolproduktion erschöpft, die perfekte Antithese zur Verbreitung zukunftsfähiger Lebensstile bildet. Letztere sind ohne hinreichende Sesshaftigkeit und graduelle Abkehr von weiträumiger Fremdversorgung schlichtweg undenkbar.

Wir erleben derzeit eine Nachhaltigkeitsprofessionalisierung, die von jedem substantiellen Handeln im unmittelbaren Umfeld abstrahiert. An dessen Stelle tritt ein weiches Substitut in Form reiner Management-, Funktionärs- oder Lehrtätigkeiten.

Nachhaltigkeitsorientiertes Handeln wird so zu einem Teil jenes arbeitsteiligen Delegationsprinzips umdefiniert, das ja selbst niemals nachhaltig sein kann. Maßgeblich für diese Entwicklung ist das moderne Bildungssystem, und zwar nicht nur infolge einer ökologisch verheerenden Billigflug-Internationalisierung des "Bologna"-Studiums. Vielmehr konditioniert der umfassende Vollzug des modernen Bildungsideals überall Individuen, die vollständig in die globale Funktionsdifferenzierung eingebunden sind.

Das komfortabele, mühelose Leben

Schüler und Studenten werden mit hoher Reflexions- und Kommunikationsfähigkeit ausgestattet, verfügen aber über eine manuelle Kompetenz, die sich auf die Bedienung eines Touchscreens beschränkt. Diese praktisch-manuelle Beunfähigung ist der Preis für eine an Fortschrittsgläubigkeit nicht zu überbietende pädagogische Mobilmachung, die nur ein Ziel kennt: möglichst jeden Menschen mit einem Hochschulabschluss zu versehen, um ihn an der abstrakten Arbeitsteilung und einem komfortablen, mühelosen Leben teilhaben zu lassen.

Aber Lehreinheiten, Auslandspraktika, kluge Vorträge oder medienwirksame Aktionen bilden keinen Ersatz für den eigenen Vollzug einer räumlich und zeitlich sinnvollen Lebensführung. Umso prägnanter ist der Eifer, mit dem die sich perpetuierende Wirkungslosigkeit ausgebreitet wird.

Jede Bildungs- und Forschungseinrichtung, die etwas auf sich hält, engagiert sich im neuen Funktionssystem "Weltverbesserung". Die vielen daraus hervorgehenden Multiplikatoren und Podiumsexperten identifizieren und traktieren jede auch nur im Entferntesten tauglich erscheinende Zielgruppe, womit die konkrete Materialisierung von Nachhaltigkeit gleichsam an diese delegiert wird. Was aber, wenn sich die Adressaten - Chinesen, Inder, Afrikaner? - weniger von den ohnehin unglaubwürdigen Nachhaltigkeitsimperativen als von den vorgelebten Wohlstandspraktiken der selbsternannten Prediger inspirieren lassen?

Würde das moderne Credo von komfortabler Fremdversorgung und immer "höherer" Bildung konsequent fortgeschrieben, dann wäre der Planet irgendwann nur noch von wohlsituierten, ökologisch aufgeklärten Konsumenten bevölkert, die darüber kommunizieren, dass sich etwas ändern muss, aber niemanden mehr haben, dem sie die Schmutzarbeit dieser Änderung zuschieben können - außer einer technischen Infrastruktur, von der längst bekannt ist, dass sie nicht Teil der Lösung, sondern des Problems ist.

Immer augenscheinlicher formt sich ein Befund aus, der an eine Binsenweisheit gemahnt, nämlich dass Scharlatane, die Wasser predigen, aber Wein trinken, den größten anzunehmenden Kommunikationsunfall in Sachen Ökologie verursachen: Sie reproduzieren die Schizophrenie einer Gesellschaft, deren Nachhaltigkeitsziele nie lauter bekundet wurden und deren Lebenspraktiken sich nie weiter davon entfernt haben.

Der Autor vertritt derzeit den Lehrstuhl für Produktion und Umwelt an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg. Er hat zahlreiche Publikationen zur Nachhaltigkeitsforschung vorgelegt und ist Vorsitzender der Vereinigung für ökologische Ökonomie.

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