SZ-Serie: Die grüne Frage Golfbälle gegen die Katastrophe

Man fragt sich, wann der moderne Mensch erkennen wird, dass er nicht Atome spalten und Öl vom Meeresboden saugen kann, wenn der Preis dafür ist, dass kein gesundes Essen mehr auf den Tisch kommt.

Von Paul Greenberg

Anfang des Monats gaben Verantwortliche des Kernkraftwerks Fukushima-Daiichi bekannt, dass sie Sägemehl, drei Müllbeutel voller Zeitungspapier und eine absorbierende Chemikalie, die normalerweise in Windeln verwendet wird, einsetzten, um zu versuchen ein Leck in der Wand des Reaktors zu stopfen, durch das Tausende Liter radioaktives Wasser in den offenen Ozean liefen.

Fukushima-1 und Deepwater Horizon zeigen, wie planlos und stümperhaft Katastrophenmanagement oft betrieben wird - weil im Bemühen um moderne Technologien die Kosten für deren Risiken oft außer Acht gelassen werden.

(Foto: AFP)

Als ich über diese erschreckend steinzeitliche Lösung für etwas las, das sich zu dem bislang schwierigsten Umweltproblem des 21. Jahrhunderts entwickelt, konnte ich nicht anders als mich an die technisch ähnlich simplen (und ähnlich schrecklichen) Lösungen zu erinnern, die man angewandt hatte, um vor einem Jahr ein anderes hoch technisches Problem zu "lösen" - das massive Ölleck der British Petroleum, das 1600 Meter unter der Meeresoberfläche in den amerikanischen Gewässern des Golfs von Mexiko aufgetreten war und durch das zwischen 500.000 und einer Million Tonnen Rohöl auslaufen sollte.

Als sich damals im Frühjahr 2010 in einem vor der Küste Louisianas planlos agierenden Notfallteam aus Spezialisten von BP und Regierung Panik breit machte, versuchten es die Arbeiter mit einem sogenannten "Junk Shot" (Tonnen von Golfbällen und alten Gummireifen, die in die sprudelnde Öffnung der Quelle gestopft wurden), einem "Top Kill" (weitere Tonnen Bohrschlamm und Zement, die ebenfalls erfolglos aus Hunderten Metern Höhe abgeworfen wurden), und als all das schließlich gescheitert war, versuchte man es mit einer weiteren Lowtech-Lösung für das Problem, die noch auf Jahre hinaus massive Auswirkungen auf die Region haben wird.

Als das Öl im vergangenen Frühjahr auf die Küste zutrieb, entschied der Küstenkoordinator des Gouverneurs die Süßwasser-Umleitungskanäle des Mississippi zu öffnen. Diese Notmaßnahme ergriff man in der Hoffnung, dass in Gegenrichtung strömendes Süßwasser das Öl von der Küste wegtreiben würde. Ironischerweise waren die Süßwasserumleitungen erst in jüngerer Zeit geschaffen worden, um die Bedingungen für das Delta und seine Austernbänke zu verbessern.

Dem Idealplan zufolge leiten die Umleitungen des Mississippi langsam einen geringen Süßwasserstrom in das Marschland. Austern brauchen zum Leben sowohl Süß- als auch Salzwasser, und ein langsamer Durchfluss des Süßwassers bot die Möglichkeit, dem sich verschlechternden, und zunehmend versalzenden Marschsystem zu helfen. Zu viel Süßwasser aber ist sehr schlecht für Austern. Und als entschieden wurde, die Umleitungen zu öffnen, führte der Mississippi gerade extrem viel Wasser - 2010 war ein El-Niño-Jahr.

So wurden Millionen Liter Süßwasser über die Austernbänke geschwemmt, veränderten auf für sie tödliche Weise den Salzgehalt des Deltas und löschten nach manchen Schätzungen bis zu 80 Prozent der Bänke aus.

Aus ökologischer Sicht ist das gewaltig. Eine einzelne Auster kann etwa zehn Liter Wasser am Tag filtern, und die Millionen Austern in Louisiana gehören zu den Faktoren, die den Golf als Ökosystem funktionieren lassen.

Das alles ist noch schmerzlicher, wenn man bedenkt, wie düster die Lage der Austern allgemein ist. In einer Ausgabe des amerikanischen Journals The Proceedings of the National Academy of Sciences aus dem Jahr 2004 wurde das Phänomen als "eine Wanderwelle der Ausbeutung" bezeichnet. Der Kollaps der Austern zog sich die amerikanischen Küsten entlang nach Süden, wobei immer weiter entfernt gelegene Reviere die Austern-"Saat" liefern mussten, um die zusammenbrechenden Fischereibetriebe im Norden am Leben zu erhalten. Die Wasserverschmutzung beschleunigt den Prozess.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum die Unbeschadetheit der Meeresfrüchte für die Bewohner so wichtig ist.

Ein Jahr nach der Ölpest

Das große Versagen