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SZ-Serie: Die grüne Frage:Verteilung von Überschüssen

Wie steht das neue Wirtschaftsmodell zu wirtschaftlichem Wachstum? Es ist klar, dass drei seiner Merkmale das Wachstum tendenziell verlangsamen. Das erste sind die ökologischen Grenzen. Natürlich kommt es darauf an, wie streng diese Grenzen gezogen werden. Nimmt man diese Bedingung aber ernst, dann könnte das erhebliche Auswirkungen auf das Wachstum haben.

Die zweite Kraft, die das Wachstum im neuen Wirtschaftsmodell nach unten drückt, folgt aus dem Übergang zu neuen Formen der Dienstleistung. Die Arbeitsintensität dieses Sektors legt nahe, dass sich frühere Wachstumsraten nicht halten lassen werden. Das Wachstumspotenzial der Wirtschaft wird dadurch erheblich beschnitten.

Dazu müssten, drittens, andere Produktionsfaktoren schrumpfen. Arbeit ist darunter der wichtigste. Eine Verringerung der Gesamtarbeitszeit reduziert die Wirtschaftsleistung. Dies würde auch das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben verbessern. Soll dies aber nicht zu Arbeitslosigkeit führen (was einfach ungerecht wäre), würde das bedeuten, dass die verbleibende Arbeit durch Arbeitszeit- und Beschäftigungsregeln verteilt werden muss.

Grundsätzlich könnte es also sein, dass das neue Wirtschaftsmodell "weniger kapitalistisch" sein wird. Neue ökologische Investitionen werden voraussichtlich das Gleichgewicht zwischen privaten und öffentlichen Investitionen verändern. Langfristige, weniger produktive Investitionen sind für die Nachhaltigkeit unabdingbar, für das private Kapital aber weniger attraktiv. Darum wird der Staat bei der Finanzierung eine entscheidende Rolle spielen.

Will man die Staatsschulden nicht erhöhen, können solche Investitionen nur auf zwei Wegen finanziert werden: durch höhere Steuern oder indem die öffentliche Hand Eigentum an produktivem Vermögen übernimmt.

Interessanterweise wurde während der Finanzkrise darüber diskutiert, dass der Gesichtspunkt Gerechtigkeit eigentlich für einen höheren öffentlichen Anteil an Eigentum spräche. Warum sollte der Steuerzahler, wenn Garantien für den Finanzsektor übernommen werden, nur die Risiken tragen und keinen Gewinn erzielen?

Das gleiche Prinzip gilt bei staatlichen Investitionen in ökologische Vermögenswerte. Nicht alle sind im konventionellen Sinne produktiv, manche aber schon. Forstwirtschaft, erneuerbare Technologien, lokale Infrastruktur, natürliche Ressourcen - hier lässt sich Einkommen erzielen. Allgemeiner gesprochen, wird die gesamte Wirtschaft vom Wertschöpfungspotenzial ökologischer Dienstleistungen getragen. Öffentliche Investitionen in diese Aktivposten sollten aus prinzipiellen Gründen von der öffentlichen Hand als Einnahmequelle genutzt werden.

Die Anforderungen des neuen Wirtschaftsmodells machen es nötig, Produktivität, Wirtschaftlichkeit, Eigentum an Vermögen sowie die Kontrolle über die Verteilung von Überschüssen neu zu denken und zu ordnen.

Kann man das immer noch Kapitalismus nennen? Spielt das überhaupt eine Rolle? All denen, für die es eine Rolle spielt, könnten wir in Anlehnung an Mr. Spock in Raumschiff Enterprise sagen: "Es ist Kapitalismus, Jim. Aber nicht so, wie wir ihn kennen."

Der britische Wirtschaftsexperte Tim Jackson war Leiter der Wirtschaftlichen Führungsgruppe der Kommission für Nachhaltige Entwicklung, einem unabhängigen Beirat der Britischen Regierung. Sein Buch "Wohlstand ohne Wachstum", herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Oekom-Verlag, ist vor kurzem in Deutschland erschienen.

Übersetzung: Eva Leipprand