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SZ-Serie: Die grüne Frage:Belastbarkeit, Arbeit und ihre Grenzen

Worauf kommt es an? Zum Beispiel auf Belastbarkeit. Volkswirtschaften, die bei Störungen zusammenbrechen, gefährden unmittelbar das Gedeihen. Wir wissen auch, dass es auf Gleichheit ankommt. Ungleiche Gesellschaften treiben den unproduktiven Statuswettbewerb an und untergraben das Wohlbefinden nicht nur direkt, sondern auch indirekt, indem sie das bürgerschaftliche Gemeinschaftsgefühl sabotieren.

Auch Arbeit ist für das neue Wirtschaftsmodell aus verschiedenen Gründen wichtig: Bezahlte Arbeit trägt ganz offensichtlich zum Lebensunterhalt der Menschen bei. Davon abgesehen nehmen wir dadurch, dass wir arbeiten, am gesellschaftlichen Leben teil. Durch Arbeit schaffen wir die gesellschaftliche Welt immer wieder neu und finden darin einen glaubwürdigen Platz.

Wir wissen zudem, dass sich die Wirtschaft innerhalb bestimmter Grenzen bewegen muss. Diese Grenzen werden zum Teil durch die Ökologie des Planeten bestimmt, zum Teil durch die Größe der Weltbevölkerung. Beide Faktoren zusammen bestimmen, wie viele Ressourcen und wie viel Raum uns zur Verfügung stehen.

Diese Grenzen müssen für die nachhaltige Organisation einer Volkswirtschaft beachtet werden. Die Entwicklung ökologischer Dienstleistungen, das Umschalten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auf "grün", die Suche nach ökologisch bedingten Grenzen der Produktion - all das ist für die Entwicklung eines nachhaltigen Wirtschaftsmodells höchstwahrscheinlich unabdingbar.

Solche Tätigkeiten zu unterstützen und auszuweiten heißt natürlich nicht, die Wirtschaft allein darauf zu beschränken. Viele überkommene Wirtschaftssektoren werden weiterhin eine Rolle spielen. Aber die Ressourcengewinnung wird in dem Maße an Bedeutung verlieren, in dem weniger Material verbraucht und mehr wiederverwertet wird. Dabei werden Industrie, Bauwesen, Nahrung und Landwirtschaft sowie eher konventionelle Dienstleistungen wie Einzelhandel, Kommunikation und Finanzdienste jedoch nach wie vor von Bedeutung sein.

Entscheidend ist aber, dass diese Sektoren wesentlich anders aussehen werden als heute. Die Industrie wird verstärkt darauf zu achten haben, dass Produkte haltbar sind und sich einfach reparieren lassen. Das Bauwesen muss sich darauf konzentrieren, Gebäude zu sanieren und neue nachhaltige, einfach zu reparierende Infrastrukturen aufzubauen. Die Landwirtschaft wird verstärkt auf den Schutz der Böden und das Wohl des Viehs Rücksicht nehmen. Finanzdienstleister werden sich weniger auf eine Expansion der Geldmenge als auf vernünftige, langfristige und stabile Investitionen stützen.

Das neue Wirtschaftsmodell ist weiterhin dringend auf Investitionen angewiesen, doch ihr Charakter wird sich ändern. Investitionen werden sich von ihrer herkömmlichen Rolle emanzipieren. Sie sind dann nicht mehr Anreiz für ein weiteres Wachstum der Produktivität, sondern Anreiz für ökologische Transformation: für erhöhte Energie- und Ressourceneffizienz, für erneuerbare und kohlenstoffarme Technologien und Infrastrukturen, für öffentliche Güter, für Klimaanpassung und ökologische Aufwertung.

Lesen Sie weiter auf Seite 4, wo das Wachstum bleibt.