SZ-Serie: Die grüne Frage Tragödie ohne Ausweg

SZ: Aber das ist doch tatsächlich ein großes Problem.

Brand: Oh nein. Das Problem ist trivial. Ich war geradezu schockiert, wie klein das Problem ist. Ich habe mit dem Global Business Network für die Nuclear Waste Management Organization in Kanada gearbeitet. Die haben alle möglichen Szenarien entworfen. Und sie sind darauf gekommen, dass die Lagerung in einem Bergstollen durchaus sicher ist. Dann haben sie gesagt, ok, jetzt betrachten wir das ganze mal, wie es die Indianer betrachten würden - sieben Generationen in die Zukunft. Das sind 175 Jahre. Wenn man den Müll aus einem gut funktionierenden Reaktor nimmt, dann ist die Radioaktivität nach 170 Jahren auf ein Level von 100 Tausendstel gesunken. Und es sinkt weiter. Das großartige an Kernenergie ist, dass das Zeug eine Halbwertszeit hat und irgendwann nicht mehr giftig ist. Wenn man dagegen andere Verschmutzungen nimmt, Quecksilber oder Dioxin zum Beispiel. Das hat keine Halbwertszeit. Sie können Quecksilber irgendwo einlagern und in 10.000 Jahren haben sie das exakt gleiche Problem wie jetzt. Manche Stoffe wie Dioxin oder Biokonzentrate werden über die Jahre sogar noch schlimmer. Außerdem gibt es für die Kernenergie längst Existenzbeweise.

SZ: Was sind denn Existenzbeweise?

Brand: Das ist der schlüssigste Beweis, den es gibt. Wenn etwas schon der Fall ist, dann ist es auch wahrscheinlich der Fall und man muss das nicht beweisen, weil es ja schon der Fall ist. Viele Atomkraftgegner sagen, dass die Atomenergie selbst vielleicht zu beherrschen ist, aber dass der Transport von Atommüll gefährlich ist. Wenn man entgegnet, man habe in den letzten 40 Jahren Atommüll schon Tausende von Kilometern weit transportiert, sagen sie, ja aber was ist mit Unfällen. Nun, es gab schon sechs Unfälle, die genau beobachtet wurden und die Behälter für Atommüll wurden ja so konstruiert, dass sie Unfälle wie Entgleisungen überstehen. Genau so hat das auch funktioniert. Der Existenzbeweis ist, dass das Problem, das beschrieben wird, nicht bewiesen werden muss, weil ja schon bewiesen wurde, dass es gar kein Problem ist.

SZ: Was nichts daran ändert, dass Kernenergie große Mengen an radioaktivem Müll erzeugt.

Brand: Man braucht 20 Tonnen Brennstoff für ein Gigawattjahr sauberer Energie und die erzeugen 20 Tonnen Müll. Nehmen Sie Kohle - da brauchen Sie drei Millionen Tonnen Brennstoff, der sieben Millionen Tonnen CO2 produziert. Wenn Sie noch den Sauerstoff zum Kohlenstoff dazurechnen, müssen Sie das mit 2,4 oder so multiplizieren. Und das geht direkt in die Atmosphäre, die sie schlecht reinigen können. Anstatt in einem sicheren, trockenen Behälter zu lagern.

SZ: Solche Zahlenspiele erinnern an die Studien, die aufrechnen, wie viele Tote die zivile Atomkraft schon gefordert hat, wie viele Öl und Kohle, wenn man die Langzeitfolgen dazurechnet. Sind das nicht Milchmädchenrechnungen, die im Weichendilemma der Moralphilosophie nicht aufgehen? Weil man eben nicht Tote gegen Tote rechnen kann?

Brand: Mit einer Moralphilosophie, die sich gegen eine rationale Risikoabwägung sperrt, stimmt etwas nicht. Die gesundheitlichen Folgen von Fukushima werden viel geringer sein, als man derzeit befürchtet. Sicher, die ökonomischen Folgen der Aufräumarbeiten werden entsetzlich sein. Aber das ist ja auch der Hauptgrund, warum man nun neue und sichere Reaktoren bauen muss.

SZ: Aber es muss doch Gründe dafür geben, dass die Ökologiebewegung weltweit gegen Atomkraft ist!

Brand: Dafür gibt es zwei Erklärungen. Zum einen hat linksgerichtete Politik den ökologischen Konsens geprägt. Und dann gibt es noch diese romantische Idee vom Drama des Niedergangs, diese Vorstellung, dass es in der Geschichte immer bergab geht. Dass schlechte Leute und schlechte Ideen und schlechte Institutionen alles zerstören, was wahrhaftig, gut und wunderbar ist. Und dass wir da Widerstand leisten müssen. Dieses Drama ist spätestens seit Rousseau in Europa, aber auch in Teilen Amerikas populär. In Asien und Afrika übrigens nicht. Das ist die Position der heroischen Verzweiflung.

SZ: Heroische Verzweiflung?

Brand: Heroische Verzweiflung geht davon aus, dass es sich um eine Tragödie handelt, und der Kern jeder Tragödie ist, dass es keinen Ausweg gibt.

SZ: Hatten Sie nicht selbst solche Reflexe, als Sie jünger waren? In den Anfangszeiten der ökologischen Bewegung?

Brand: Ich glaube, jeder hat so eine Geschichte - wie er mitansehen musste, dass ein Stück Paradies in einen Parkplatz verwandelt wird. Ich hatte selbst einige solcher Erlebnisse. Das fühlt sich wie eine Schändung an. Die Momente, die die romantische, grüne Einstellung prägen, sind die Momente, in denen man etwas Wundervolles sterben sieht oder die Glücksmomente in der Natur, Momente, in denen man das Gefühl hat, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das ist schön und es macht auch großen Spaß, als Aktivist irgendwo genetisch modifizierten Reis aus der Erde zu ziehen. Aber Ökologie wurde zum Namen einer politischen Bewegung, obwohl es eigentlich eine Wissenschaft gibt, die Ökologie heißt. Das ist die Haltung, die ich repräsentiere. Das ist für mich auch keine neue Haltung. Als wir den Whole Earth Catalogue veröffentlichten, haben wir vor allem Technologien und Produkte beschrieben. Wir waren von Anfang an technikfreundliche Umweltschützer.

SZ: Aber haben Technologie und Wissenschaft denn Lösungen gefunden?

Brand: Ich gehe Probleme eher wie ein Ingenieur an. Es gibt ein Designproblem, für das findet man eine Lösung, wendet sie an und wendet sich dem nächsten Problem zu. Problemlösungen waren bisher keine Stärke der Umweltbewegung. Trotzdem haben wir schon viele Probleme mit Design gelöst. Wir haben Wildnis geschützt und wiederhergestellt. Wir haben Autos neu designt, um Energie zu sparen. Wir haben die Energiespeicherung und Effizienz mit Mitteln der Technik verbessert. Es gibt heute großartige technische Debatten. Die sind allemal sinnvoller als ideologische Debatten. Diese Debatten werden auch die Führungsriegen der Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace zwingen, ihre Haltung zu überdenken. Das sind Mitgliederorganisationen. Wenn immer mehr Mitglieder fragen, warum die Organisation gegen Kernkraft ist, obwohl Kernkraft hilft, den Klimawandel in den Griff zu bekommen, werden sie sich damit auseinandersetzen müssen. Klimawandel ist das prägende Thema für diese Generation. Und die Ingenieurslösung ist immer eine Bejahung von Dingen, die funktionieren. Also - ja zur Atomenergie, ja zur Gentechnik, ja zur Urbanisierung. Wie Kevin Kelly sagt - die Lösung für schlechte Technologie ist gute Technologie.

Ökostrom

Wo die grünen Deutschen wohnen