Süddeutsche Zeitung

SZ-Serie von Martin Schoeller:Hier kommen die Gläubigen

Lesezeit: 4 min

In New York gibt es eine größere Vielfalt der Religionen als an jedem anderen Ort der Welt. Martin Schoeller hat sie porträtiert - in einer SZ-Fotokolumne.

Von Andrian Kreye

Kommt man aus einem Land mit zwei sehr dominanten christlichen Konfessionen nach New York, scheint es erst einmal wie eine Befreiung zu sein. Man glaubt eine Stadt zu erleben, in der Religion offenbar keine Rolle spielt. Es war schließlich New York, das der Theologe Harvey Cox in seinem gleichnamigen Buch schon 1965 zur "secular city" ausrief, oder wie es die deutsche Übersetzung nannte: zur "Stadt ohne Gott".

Man merkt allerdings rasch, dass der Glaube hier viel stärker sein kann als in der Heimat. Und mindestens so allgegenwärtig, auch wenn nicht überall die Kirchenglocken läuten. Wenn man beispielsweise auf der Lower Eastside lebte, jenem traditionellen Einfallstor der Einwanderer, dann schlich sich der Glaube bald schon in sämtliche Sinne. An warmen Tagen konnte man die Pfingstkirchler der Iglesia El Eden ihre Psalmen singen hören. Das Aroma der Räucherstäbchen auf den Altären in den chinesischen Souterrains zog durch die Straßen. An der Ecke sah man die Jemeniten hinten in ihrem Laden beim Beten. Und nein, die Byalis aus Kossars Bäckerei haben nichts mit Religion zu tun, sind aber doch ein Relikt jener Zeit, als hier der jüdische Glaube ein erstes Zentrum in der neuen Welt fand.

Seit fünfzehn Jahren nimmt die Zahl der Gläubigen in dieser Stadt stetig zu

Bald schon stieß man auf immer wunderlichere Glaubensformen. Auf dem Broadway stand der "Mitzvah-Panzer", jenes Wohnmobil der Chassiden, das auf seinen missionarischen Patrouillen die Schwachgläubigen zurück in die Reinheit der Orthodoxie holen soll. Ein paar Blöcke weiter nördlich predigten die wild kostümierten Jünger der Israelite Church of God, dass Jesus ein Schwarzer und jeder Weiße ein Teufel sei. In den Seitenstraßen verkauften Botanicas das Zubehör für die Rituale der Santeria und des Voodoo.

Dem deutschen Fotografen Martin Schoeller, 49, ging es in seinen ersten Jahren ähnlich, nachdem er 1993 nach New York gezogen war. "So viele Religionen an einem Ort kannte ich nicht", sagt er. Nach seiner Lehrzeit bei Annie Leibovitz entwickelte er schon bald seine "Close-Ups", Porträts mit enormer Leuchtkraft, die er von Stars und Politikern machte und die bald weltweit auf den Titeln der großen Magazine zu sehen waren, und auf den Seiten des New Yorker, wo er der Nachfolger des Hausfotografen Richard Avedon wurde. Immer wieder schlug er Magazinen vor, eine Bilderserie mit Gläubigen zu machen. Alle lehnten ab. Zu heikel war ihnen das Projekt, zu groß die Gefahr, dass die Gläubigen eine Gegenüberstellung mit anderen Religionen als Wettbewerb verstehen könnten.

Im Sommer dieses Jahres begann er nun sein Projekt in Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung. In den kommenden Monaten wird er seine Bilder jeden Freitag in der neuen Fotokolumne "Die Gläubigen" im Feuilleton präsentieren. Gleichzeitig wird er sie auf seinem Instagram-Konto veröffentlichen ( www.instagram.com/ martinschoeller/), auf dem gerade eine ähnliche Serie über Obdachlose in Los Angeles zu Ende geht. Dazu gibt es Protokolle der Gläubigen und Geistlichen, deren Bekenntnisse unkommentiert bleiben sollen.

New York ist dafür die ideale Stadt. Es gibt wirklich nirgendwo auf der Welt eine so große Vielfalt der Religionen wie hier. Das ist eine akademisch belegte, wenn auch statistisch kaum erfasste Tatsache. Denn ähnlich schwer wie die Bildredaktionen tun sich auch die US-Ämter und Institute für Statistik. Zwar werden von den US-Volkszählungen fast alle persönlichen Daten erfasst und öffentlich gemacht, egal ob Einkommen, Strafregister, Wohnverhältnisse oder der ethnische Hintergrund, der im Behördenenglisch immer noch Rasse heißt. Doch: "Es gibt keine verlässlichen Statistiken für religiöse Demografie in Amerika, weil der Census der Vereinigten Staaten danach nicht fragen darf", sagt Henry Goldschmidt, der Direktor des interreligiösen Interfaith Center of New York. "Das steht schon in der Verfassung, die in ihrem ersten Zusatz die Trennung von Kirche und Staat vorschreibt."

Der Journalist und Experte für urbane Religionen Tony Carnes bestätigt allerdings: "Wir haben viel Erfahrung mit der Untersuchung der Religionen in Ballungsräumen und sind uns sicher, dass New York City die größte Vielfalt hat." Indizien gibt es. "Der US Census belegt, dass der Stadtteil Elmhurst im Bezirk Queens mit Menschen aus 156 verschiedenen Nationen der ethnisch vielfältigste Ort der Welt ist. Dazu kommt die Untersuchung des Instituts für bedrohte Sprachen, das herausgefunden hat, dass New York auch der Ort ist, an dem die weltweit meisten Sprachen gesprochen werden. Mehr als 800. Und die meisten Einwanderer bringen ihren Glauben mit." Für Einwanderer war der Glaube schon immer eine Heimat in der Fremde.

Ob der Superlativ auch für den Rest der Welt gilt? "London könnte mit New York konkurrieren. Aber auf Basis des British Census halte ich die Vielfalt in New York für höher", sagt Carnes. Eine andere Untersuchung fand heraus, dass in New York mehr Gläubige leben als im "Bible Belt" des Südens. Nur dass es eben nicht nur Christen sind, denn in den USA bekommen auch Sekten wie die Scientology und die Church of Satan den steuerfreien Status einer Glaubensgemeinschaft. Und gerade in den letzten 15 Jahren haben sich die Religionen in New York enorm vermehrt.

Hier hat jede Religion ihren eigenen Platz, den ihr keine andere streitig machen kann

Aus Harvey Cox' säkularer Metropole ist laut Tony Carnes' Langzeitstudie "A Journey through NYC Religions" die exemplarische postsäkulare Metropole geworden, die direkt an Jürgen Habermas' Idee von der postsäkularen Gesellschaft anschließt. Demokratischer kann Glaube nicht sein. Hier hat jede Religion ihren eigenen Platz, den ihr keine andere streitig machen kann. Selbst der Atheismus und der säkulare Humanismus stehen als gleichberechtigte Glaubenssysteme daneben.

Das war Martin Schoeller von Anfang an wichtig: "Als ich in New York ankam, war David Dinkins Bürgermeister. Der hat damals den Begriff von der Stadt als ,wunderschönem Mosaik' geprägt. Und genau das zeigt ja die Vielfalt der Glaubensrichtungen." Gerade in einer Zeit, in der Religion für Spaltung und Konflikt missbraucht wird, zeigt diese Serie eben keinen Wettbewerb der Bekenntnisse, sondern einen Blick auf Menschen, die glauben.

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Quelle:
SZ vom 01.12.2017
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