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SZ-Serie: Der große Graben (2):Die elende Kraft der zwei Herzen

Wir erleben eine Gerontokratie, so starr und verkalkt, als hätten sich Nicolae Ceausescu und Leonid Breschnew die ganze Sache ausgedacht. Einen echten Generationenkonflikt gibt es zwar nicht mehr - doch allmählich ducken wir uns alle ängstlich vor der unaufhaltsamen Alterslawine.

ALEX RÜHLE

Generationenkonflikte gibt es hierzulande, seit die Romantiker versucht haben, eine Alternativkultur zum Weimarer Establishment zu etablieren. Man kann die Bohème des späten 19. Jahrhunderts als Absatzbewegung vom rigiden Wilhelminismus sehen. Die Expressionisten träumten davon, dass "dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut". Der Nationalsozialismus bezog einen Großteil seiner Faszination aus der nassforschen Selbstinszenierung als frische Kraft, die endlich aufräumt mit all den überkommenen Werten. Und die 68er waren ein alle Schichten übergreifendes Generationenprojekt, das sich in erster Linie nicht gegen den Vietnamkrieg oder den Muff aus 1000 Jahren, sondern ganz generell gegen die Generation der Eltern richtete.

Generationengerechtigkeit ist erreicht, wenn die Chancen nachrückender Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse mindestens so groß sind wie die der vorangegangenen Generation.

Im aktuellen Generationenkonflikt aber geht es nicht um Weltanschauliches: Einer Umfrage des Forsa-Institutes zufolge sagen mehr als 70 Prozent der Jugendlichen, dass sie sich mit ihren Eltern wunderbar verstehen. Die Jugendlichen haben heute oftmals nicht so sehr das Problem, dass sie sich unbedingt abgrenzen wollen. Im Gegenteil, selbst wenn sie wollten, sie wüssten gar nicht, wo sie hingehen sollten zum Abgrenzen, schließlich teilt man sich den Partykeller seit Jahr und Tag mit den Eltern. Wenn der Sohn in ein Deathmetal-Konzert will, sagt sein Vater, tadellose Idee, Youngster, ich hab schon für die ganze Familie Karten gekauft. In den Kleiderläden treffen die Töchter ihre eigenen Mütter, die ihnen dann ungefragt was vorheulen von PMS und Beziehungsproblemen. Und bei vielen Großeltern kann man sich von ihrem schrillen Erscheinungsbild her des Eindrucks nicht erwehren, dass "Jugendwahn" inzwischen in erster Linie eine Art von ästhetischer Altersdemenz ist.

Umgekehrt scheinen viele Jugendliche in Sachen patriarchalischer Strenge ihre eigenen Großeltern rechts zu überholen. Man braucht nur mal auf die Website des Rings Christlich-Demokratischer Studenten Niedersachsen, www.jugend-fuer-merkel.de, zu gehen, um zu sehen, wie da 15- bis 20-Jährige fest entschlossen sind, jemanden herbeizuwählen, der endlich mal richtig durchregiert und ihnen sagt, wo geistig-moralisch der Hammer hängt (siehe SZ vom 18. August).

So geht es bei dem jetzigen "Generationenkonflikt" nicht um kulturelle Differenzen. Es geht schlicht ums Geld. Das Wort Generation scheint momentan soziologische Kategorien wie Klasse oder Milieu abzulösen. Der Soziologe Franz-Xaver Kaufmann schreibt in seinem gerade erschienenen Buch "Schrumpfende Gesellschaft - Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen": "War in der Entstehungsphase des Sozialstaates und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Eingrenzung des Klassenkonflikts das Hintergrundthema aller sozialpolitischen Auseinandersetzungen, so scheint dies im 21. Jahrhundert die Eingrenzung des Generationenkonflikts zu werden." It's the demography, stupid!

Kaufmann vergleicht die demografische Entwicklung mit einem Gletscher. Ein Gletscher wandert. Sehr langsam, fast geräuschlos, aber unaufhaltsam. Und wenn er da ist, kann man ihn nicht aufhalten. Man muss beiseite treten. Weggehen. Sonst wird man von ihm verschluckt, eingesargt.

Die Überalterung der Gesellschaft ist so langsam auf uns zugekommen, dass sie mit bloßem Auge nicht zu sehen war. Das hätte eine Chance sein können. In den siebziger Jahren warnten die ersten Demografen davor, dass das bundesrepublikanische Sozialsystem von der Überalterung der Gesellschaft zermalmt werden würde. Wer, so fragten sie, wer wird die Renten zahlen, wenn 2030 die geburtenstarken Jahrgänge pensioniert werden? 2030? Da konnte Norbert Blüm noch Mitte der neunziger Jahre nur lachen. Das klang nach intergalaktisch fernen Zeiten, nach Science-Fiction im Rollstuhl. Landtagswahlen sind im März und Mai! Die Renten sind sicher, Leute.

Es ist auch auf andere Weise ähnlich wie mit den Gletschern: Jeder sieht mittlerweile, dass sie immer schneller schrumpfen, fast jeder weiß, dass das an der Erderwärmung liegt, aber es passiert nicht viel. Natürlich, es wird inzwischen geredet, gewarnt, gemessen, aber die Erde erwärmt sich weiter. Und selbst wenn die Leute sofort kollektiv aus ihren Autos aussteigen würden, würde sich das erst in 30 Jahren bemerkbar machen.

Es sei "30 Jahre nach 12", schreibt Herwig Birg in seinem neuen Buch "Die ausgefallene Generation", das Ende September im Beck-Verlag erscheint. Selbst wenn durch irgendein Wunder die Geburtenrate hierzulande plötzlich auf zwei Kinder pro Frau ansteigen würde, es würde Jahrzehnte dauern, bis die Alterung der Gesellschaft wieder gestoppt wäre. Läuft ein demografischer Prozess ein Vierteljahrhundert in die falsche Richtung, so dauert es ein Dreivierteljahrhundert, um ihn zu stoppen. Selbst Gletscher reagieren schneller.

Im Sommer 2003 konnte man hierzulande einen Vorgeschmack auf die Klimakatastrophe bekommen: Die Erdachse schien festgeschmolzen von der Hitze, die Städte schwammen im Asphalt, die Kirchturmuhren tropften von den Türmen, da sprang Philipp Mißfelder mit einem ohrenbetäubenden Bauchplatscher ins mediale Sommerloch: Der 23-jährige Vorsitzende der Jungen Union polemisierte, es sei angesichts der Probleme der Sozialsysteme nicht nachvollziehbar, "wenn 85 Jahre alte Menschen noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft" bekämen.

Mißfelders Unverschämtheit besteht natürlich darin, Alt und Jung mit Reich und Arm gleichzusetzen und "die Alten" als alleinige Profiteure des Sozialstaates zu brandmarken. Was aber die Rhetorik angeht, so war er noch vergleichsweise harmlos: Um die Jahrtausendwende schlug der demografische Fatalismus mit einem Mal um in ein panisch aggressives Gerede. Die Bevölkerungsdämmerung brach an. Versicherungsanstalten, Zeitungen, Populisten - sie alle schienen in einen Formulierungswettstreit um die zynischsten Begriffe getreten zu sein: "Kostenfaktor auf zwei Beinen", "frühverträgliches Ableben", "Altenlastkoeffizienten", "Rentnerfluten", "Langlebigkeitsrisiko" . . .

Meinhard Miegel warnte kürzlich, es werde eine "hohe zivilisatorische Leistung" sein, den heutigen Standard in der Altenpflege in den kommenden Jahrzehnten aufrechtzuerhalten. Das ist irritierend optimistisch formuliert. Es wird ja jetzt schon an den kranken Alten gespart. Eine Studie des Max-Planck-Institutes für demografische Forschung in Rostock ergab, dass für die Medikamente eines 90-jährigen Krebspatienten im Schnitt 1000 Euro weniger ausgegeben werden als für die Medikamente eines 60-jährigen Patienten.

Dennoch wird von all den "Gelegenheitsdemographen" (Birg), deren Demografie vor allem nach Demagogie klingt, mit geradezu lüsterner Rhetorik die Angstphantasie einer Tyrannei des Alters bedient. Claudius Seidl prognostiziert in seinem so unterhaltsamen wie unausgegorenen Buch "Schöne junge Welt": "Die Herrschaftsform wird eine Gerontokratie sein, so starr und verkalkt, als hätten sich Nicolae Ceausescu und Leonid Breschnew die ganze Sache in einer schlaflosen Nacht am Telefon ausgedacht." Frank Schirrmacher droht eigentlich etwas ganz Ähnliches an. Der FAZ-Herausgeber hat in seinem katastrophischen Generationsevent "Methusalem-Komplott" nicht gesagt, dass wir uns um alle alten Menschen kümmern müssen, sondern um ihn, wenn er alt ist. Sein Buch kreist mit beeindruckendem Egoismus um eine einzige Generation - seine eigene: "Wir müssen lange leben und dabei ein starkes, uneingeschüchtertes Selbstbewusstsein haben."

Der 31-jährige Jörg Tremmel, geschäftsführender Gesellschafter der "Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen" - das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen -, schreibt in seinem "Handbuch Generationengerechtigkeit": "Generationengerechtigkeit ist erreicht, wenn die Chancen nachrückender Generationen auf Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse mindestens so groß sind wie die der vorangegangenen Generation." Mindestens! Ich auch! Mehr!

So landen alle am Ende bei der beunruhigenden Forderung, für die eigene Alterskohorte möglichst viel von den weniger werdenden Ressourcen abzukriegen. Wenn man daraus Prognosen für das gesellschaftliche Klima ableiten sollte, so spricht alles dafür, dass es sich weiter erhitzen wird.

Vielleicht kann dieses demografische Wetterleuchten am Horizont aber auch ein Licht darauf werfen, warum es keinen kulturellen Generationenkonflikt gibt. Denn eigentlich ist es ja zutiefst verwunderlich, dass die Jugendlichen und die 20- bis 30-Jährigen nicht beunruhigter zu sein scheinen. Der Jurist und Soziologe Felix Ekardt behauptet, gerade bei den Jugendlichen sei die Vorstellung verankert, "es geht um mich und mein einzigartiges Leben. In dieser egoistischen Perspektive verbündet man sich nicht mit anderen." Außerdem: Wie soll man sich gegen demografische Sachverhalte verbünden?

So merken die Jungen, das sie sich ein Aufbegehren gar nicht mehr leisten können. Nur wer sich brav und lange anstellt, kriegt eventuell noch Krümel ab vom jährlich kleiner werdenden Kuchen. Die aber, die früher die Alten waren und jetzt infantile Eltern sind, haben vielleicht einfach deshalb solche Angst vor dem Altern, weil sie ahnen, dass es in den Altersheimen bald schon zugehen wird wie in rumänischen Verwahranstalten zu Ceausescus Zeiten.

Da hilft nur jung bleiben, für immer jung.

© SZ vom 22.8.2005
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