SZ-Serie: Aufmacher (XVI) Die fünfte feindliche Großmacht

SZ-Serie über große Journalisten (XVI): Der Publizist Joseph von Görres wurde zum Artilleriedirektor der katholischen Sache

Von FRANZISKA AUGSTEIN

(SZ v. 24.03.2003)

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Die "fünfte feindliche Großmacht" soll Napoleon ihn genannt haben: Die fünfte nach Russland, Großbritannien, Preußen und Österreich. In Wahrheit war es ein Mitarbeiter des Rheinischen Merkur , der das gesagt hatte, und Joseph von Görres (1776 bis 1848) - der von vielen immerhin groß genannt wurde - verfügte nie über wirkliche Macht. Was der Publizist an Einfluss besaß, war ihm von Gnaden der preußischen Regierung verliehen worden. Zwei Jahre lang, von 1814 bis Anfang 1816, gab Görres in Koblenz den Rheinischen Merkur heraus, eine von der örtlichen Zensur freigestellte Zeitung, welche die preußische Regierung "in engländischem Geiste" ins Leben gerufen hatte, um den Kampfeswillen der Deutschen im Krieg gegen Napoleon zu bestärken. Die Rheinlande waren immerhin Grenzregion.

Der enorme Erfolg, den der als Propagandaorgan gegründete Rheinische Merkur während der kurzen Zeit seines Bestehens genoss, ergab sich aus zwei Umständen: Görres' rhetorischer Begabung und der glücklichen Fügung, dass er genügend Kuriere, Reisende, Informanten in allerlei Sendung an der Hand hatte, die ihm vom Kriegsgeschehen in Frankreich berichteten. Kaiser Napoleon hielt Görres für ein Werkzeug der Vorsehung: Der Zornesengel werde ihn solange decken, bis "das Gericht" vollzogen sei, das Gott den Menschen vorbehalten habe. Die Schlachtenberichte im Merkur waren ungewöhnlich genau. Dass der Herausgeber sich für die Toten auf den Äckern weniger interessierte als für die höhere, gottgewollte Bedeutung, die er diesem Krieg beimaß, war - und ist - zeitgemäß. Es störte die Leser nicht.

Görres war 1776 in Koblenz zur Welt gekommen, hatte dortselbst 1797 noch im Angesicht des "Freiheitsbaumes" auf dem Paradeplatz eine "Freiheitsrede" gehalten, hatte dann eine Deputiertenreise nach Paris absolviert und war von dort um zwei Lehren reicher zurückgekehrt: "Dass nämlich unser Jahrhundert für die despotische Form zu reif, für die demokratische aber zu roh sei" und dass er sich fürderhin eher für andere Dinge als die Politik interessieren werde.

So hielten es zu Görres' Zeiten viele enttäuschte deutsche Jakobiner, die sich von der Politik abwandten und auf andere Felder des Wissens wechselten. Görres im besonderen beschäftigte sich mit Literatur, Mythologie, Philologie, Medizin, Chemie, Physik und Astronomie. Und da er einmal so vielseitig war, fand er sich berufen, diese Fächer in vielfältigen Synthesen zu verbinden, so dass am Ende eine gesamte Weltweisheit dabei herauskommen mochte. Auch das war nichts ungewöhnliches in jenem Zeitalter, welches das Romantische heißt und sich dadurch auszeichnete, dass das Grillenfangen ein früher Massensport war.

"Das ist daher das Verhältnis der Philosophie und der Physiologie", schrieb Görres: "Alleben und Einzelleben; Weltgeist und Menschengeist, Himmelsbahn und irdisch Pulsieren, unendlich Tun, unendliches Streben; ewig Schicksal, endliche Notwendigkeit." Erst als Napoleons Schlachtenglück sich wendete, fand Görres wieder Geschmack am politischen Geschehen. Der rabiate Publizist empfahl sich alsbald dem Staatskanzler Karl August von Hardenberg, der dem Merkur die Pressefreiheit einräumte. Görres dann über Hardenberg: "Guter Mann, kann aber keine Faust machen."

Solange Europa gegen Napoleon kämpfte, insbesondere während der "hundert Tage" des Kaisers, versah der Rheinische Merkur seine patriotische Rolle zur preußischen Zufriedenheit. Anders nahm es sich hingegen aus, was die Berichterstattung über den Wiener Kongress anging. Die Rückkehr zur Kabinettspolitik des Ancien Régime war Görres ein Dorn im Auge. Die Fürsten mochten herrschen, doch nur zusammen mit ihren Völkern. Görres machte sich nach Kräften unbeliebt. Es hagelte Beschwerden, aus Bayern und von Seiten der Württemberger. Dann war der König von Preußen selbst agaciert.

Anfang 1816 wurde der Merkur verboten. Weit davon entfernt, klein beizugeben, verlegte Görres sich aufs Bücherschreiben. 1819 spitzten die Dinge sich zu, es drohte Festungshaft. Görres aber drohte dem König: "Wenn man fortfährt, mich ferner aufs Äußerste zu treiben, dann werde ich auch auf der äußersten Spitze kühn meine Stelle nehmen ohne Schwindel, und dann will ich von da den Pfuhl unseres öffentlichen Lebens ... sondiren bis zu seinem innersten und tiefsten Grunde; ich will der Welt kundig machen, was es ist was Reiche verdirbt, Völker zu Schanden macht, und Teutschland an den Rand des Unterganges gebracht."

Das war zu viel. Görres war genötigt, sich nach Strassburg abzusetzen. In Berlin hielt man ihn mittlerweile für überkandidelt: "Wie kann der heillose Mann seinen Wirkungskreis mit dem des Luther vergleichen?", fragte ein Beamter, und unbegründet war der Vorwurf nicht. Freilich, Görres war Katholik. Nun, da in Europa die Reaktion das Szepter führte, wurde er zum "Artilleriedirektor der katholischen Sache" (Clemens Brentano). Das war seine Natur: Er lebte von der selbsterzeugten Begeisterung. War es nicht der politische Furor, so war es eben die Religion.

Das eigentlich Politische und die katholische Religion setzte er nun gleichsam parallel: Aus ihrem harmonischen Zusammenwirken ergebe sich wie von allein eine solide gesellschaftliche Verfassung. "Der Himmel hat aber die Fürsten zum Wohle der Gesamtheit eingesetzt", befand er: "Auch die Rechte der Völker sind von Gott, und deshalb sind sich Fürsten und Völker dieselbe Treue und Liebe schuldig." Das romantische Denken, das in Metaphernbildungen und Analogien schwelgte, neigte zur Bildung von Symmetrien. Zusammen mit zeitgenössischen Phantasmen von der Ständeverfassung im Mittelalter führte die Vorliebe für derlei geometrische Gespinste Joseph von Görres zu der Ansicht, dass Deutschland wieder einen Kaiser brauche, und zwar einen österreichischen.

Wolfgang Frühwald hat über Görres geschrieben: "Es gehört zu den Vorzügen, wie zu den Nachteilen romantischen Denkens, dass es die differenzierten Bewegungen der Zeit auf ihre einfachen Grundstrukturen zurückführte und diese sogleich wieder komplex, symbolistisch ausdeutete. Preußen, als Hort der Reformation, wird so zum Land der Unterdrückung katholischen Geistes." Bayern betrieb zwar auch keine liberale Politik, aber daran störte Görres sich nicht: Bayern war katholisch. Im übrigen erhielt er 1826 einen Lehrstuhl für "allgemeine und Litterärgeschichte" an der Münchner Universität. "Görres wird täglich katholischer und wird gewiss Kardinal", schrieb Heinrich Heine 1828, "Madame Görres strickt schon violette Strümpfe."

Joseph von Görres wurde "das Gewissen seiner Zeit" genannt. Heute noch plausibel ist ein anderes Urteil: Er sah dem Zeitgeist so ähnlich, dass dieser mitunter aussah wie Görres. Jakobinertum, deutsche Emanzipation, Romantizismus und Katholizismus: alles vertrat er jeweils ganz. So sehr ihm selbst sein Leben als Einheit erscheinen mochte, waren viele Zeitgenossen doch verwirrt angesichts der Wandlungen, die der einstige Herausgeber des Rheinischen Merkur durchlief. "Was Görres eigentlich will", schrieb Carl von Clausewitz, "scheint er, nach seinen Schriften zu urteilen, selbst nicht klar zu wissen . . . Ob wir Deutsche uns je von dieser unglücklichen Suche nach den abstrakten Regeln heilen werden, ob wir je von den Franzosen lernen werden, klar und bestimmt über die Angelegenheiten des Staates und der Gesellschaft zu denken, weiß der Himmel; aber der jetzige Augenblick verspricht es nicht."