SZ-Serie: Aufmacher Asphalt Cowboy

SZ-Serie (VII): Friedrich Sieburg - isolierter Kritiker und Vater des politischen Feuilletons

Von IJOMA MANGOLD

Dafür, dass er einst als übermächtiger Kritikerfürst gefürchtet war, ist Friedrich Sieburg der Nachwelt ziemlich abhanden gekommen. Von dem Bestsellerautor historischer Monographien ist heute im Handel kein Buch mehr erhältlich. Die - wie der Schriftsteller Alfred Andersch kraftmeierte - "größte und stinkendste Kanalratte in dem, was sich heute , deutsche Literatur' nennt", ist dem kulturellen Gedächtnis entschwunden. Noch 1967, drei Jahre nach Sieburgs Tod, erinnerte sich Marcel Reich-Ranicki (der einige Jahre später Sieburgs Nachfolger als FAZ-Literaturchef werden sollte) in der Zeit: "Wenn deutsche Schriftsteller zusammensaßen und von der Langeweile bedroht wurden, genügte es, seinen Namen zu nennen, um sogar die Schläfrigsten auf den Plan zu rufen."

Als Literaturkritiker im Nachkriegsdeutschland war Sieburg die große Gegenfigur zur Gruppe 47. Er hatte, was Bildung, Geschmack, gedankliche Originalität und Eloquenz angeht, nicht seinesgleichen. Doch glücklich kann man sein Wirken als Kritiker nur bedingt nennen: Dafür trennte ihn zuviel von jener Schriftstellergeneration, die nach dem Krieg das literarische Leben der jungen Bundesrepublik prägte. Das meiste von dem, was aus heutiger Sicht die Literatur jener Jahre ausmacht, hat Sieburg - mit Karl Valentin zu sprechen - nicht einmal ignoriert. Sieburg ragte aus einer anderen Zeit herein, und seine Brillanz machte ihn zwar zu einer großen Autorität für seine passionierten Leser, sie verfing aber nur wenig bei der aktuellen Literaturproduktion. Als Kritiker war er isoliert, so fern und fremd waren sein Geist, dass seine Invektiven geradezu systematisch missverstanden wurden. Einmal meinten einige Schriftsteller der Gruppe 47, sich Luft verschaffen zu müssen, und sie schickten dem verachteten Großkritiker einen Gartenzwerg. Dass sie glaubten, damit den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben, sagt mehr über das kleinbürgerliche Milieu der Gruppe 47 aus als über Sieburg. Denn eines war er gewiss nicht: Ein Spießer.

Friedrich Sieburg kam 1893 im westfälischen Altena zur Welt. 1912 begann er ein Studium der Geschichte, Nationalökonomie, Literaturwissenschaft und Philosophie in Heidelberg. Die liebliche Stadt am Neckar war seinerzeit eines der Zentren des George-Kreises. An der Universität lehrte Georges Meisterschüler Friedrich Gundolf, dessen Vorlesungen Sieburg begeistert besuchte ("Gundolf war der Stern"). Mit dem ,geheimen Deutschland' des George- Kreises teilte Sieburg das Misstrauen gegen die Massen und einen elitären Kulturbegriff. Er war Fliegeroffizier im 1. Weltkrieg, erlebte die Straßenkämpfe der Weimarer Republik mit und war eine eigenständige Stimme innerhalb der so genannten Konservativen Revolution. Allesamt Erfahrungen, von denen die junge Bundesrepublik es für besser hielt, nichts mehr von ihnen wissen zu wollen.

Das große liberale Bildungsblatt, die Frankfurter Zeitung, schickte den jungen Sieburg 1926 als Korrespondenten nach Frankreich - als Nachfolger von Joseph Roth. Seine Zeit in Frankreich sollten Sieburgs schönsten Jahre werden. Die Summe seiner Eindrücke und Erfahrungen fasste Sieburg in einem glänzenden Buch zusammen, dessen Titel, Gott in Frankreich?, schon bald zur stehenden Wendung wurde.

Wer Sieburgs Begeisterung für Frankreich begreift, der hat die Koordinaten seines Denkens erfasst. Wo Deutschland seine romantische Unendlichkeitsversponnenheit seit der Reichsgründung in industrielle Dynamik transponiert habe und also in der Herausbildung der modernen Massengesellschaft an der Spitze des Fortschritts schreite, halte Frankreich trotzig an dem von ihm errungenen individualistischen und freiheitlichen Menschenbild fest. Damit sei die Grande Nation zwar anachronistisch (und deshalb wirtschaftlich Deutschland auf Dauer unterlegen), aber die Süße des Lebens sei dafür in Frankreich noch eine erfüllte Wirklichkeit. Alle Attribute des Individualismus wie Takt, Geschmack, Esprit und Formbewusstsein bewundert Sieburg an Frankreich - es sind die nämlichen, mit denen man Sieburg selbst beschreiben könnte.

Seine nächstes Buch, Es werde Deutschland, erschien 1933, und obwohl es in den Kontext der Konservativen Revolution gehört, wurde es von den Nazis verboten, weil Sieburg darin den Antisemitismus das größte Unglück der Zeit nannte. Ein Parteigänger der Nazis war er nicht, aber er war ehrgeizig und von seinem Genie überzeugt und deshalb nicht bereit, für die nächste Runde in der Weltgeschichte auszusetzen. Er blieb in Frankreich und ließ sich 1939 auf eigenen Wunsch in Ribbentrops Auslands informationsabteilung berufen. Aus dieser Zeit ist ein unschönes Bekenntnis zum Nationalsozialismus überliefert, das man ihm später oft vorhalten wird.

Sieburg war ein Herr und wollte es sein. Der Zuschnitt dieser Rolle verlangte, handelnd in die Welt einzugreifen, scharfsinniges Räsonnement mit mondänem Auftreten zu verbinden - geist- und einflussreich zugleich zu sein. So schritt Friedrich Sieburg erhobenen Hauptes bei nicht selten erheblich schlingerndem Kurs durch die Opportunismen seiner Zeit - die Schuldverstrickung nicht scheuend, die mit jeder Tat verbunden ist. Deshalb war Sieburg der kongeniale Biograph Chateaubriands, dieses eleganten Literaten und mit allen Wassern gewaschenen Politikers, über den er eine emphatische Monographie verfasste.

Von den Weltläufen also einigermaßen mitgenommen, kam Sieburg in der Bundesrepublik an. Und doch wurde er hier rasch zum Fixstern der geistigen Debatten seiner Zeit. Denn keiner konnte so spöttisch, scharf und zugleich geschmeidig formulieren wie er - der Meister der glatten Fügung. Zurückgezogen wie ein Privatier in ländlicher Noblesse, schickte er aus seinem schwäbischen Wohnort (bei der FAZ nur durch seine Sekretärin vertreten) seine Beobachtungen zur Zeit in die Welt. Einsamkeit und zunehmende Gereiztheit gegenüber einer Nation aus "Endverbrauchern" waren unüberhörbar - wie der Titel eines jener Bücher verrät, durch die Sieburg auch zum Vater des politischen Feuilletons wurde: Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene. Es war die Urbanität des französischen Geistes, die er an der verklemmten Bundesrepublik vermisste. Über deren allzu ländliche Literatur sagte der aparte Lebemann: "Äcker und Feldwege sind eine schöne Sache, aber Asphalt ist auch nicht schlecht."

Das Raffinement seiner geradezu szenischen Arrangements, mit denen er seine Ideenwelt inszenierte, die eigene Schreibsituation in den Text hineinholte, die abstrakten Triebkräfte der Geschichte zu personalisieren verstand, der filmische Zuschnitt seiner besten Passagen - das alles hat leider kaum Nachfolge gefunden.