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SZ-Kultursalon zu "Macht und Musik":Symphonie politique

Alexander Liebreich arbeitete schon in Nordkorea, ist Chefdirigent in Polen und weiß ein Lied zu singen von der Bedrohung der Demokratie

Wie mächtig ein totalitäres Regime sein kann, merkte Alexander Liebreich, als eine Bühne zu klein war. Mit der Jungen Deutschen Philharmonie (JDPh) war der Dirigent 2002 auf Tournee in Nord- und Südkorea. Im nordkoreanischen Pjöngjang sollte das Orchester im Isang-Yun-Institut spielen, einem Nachbau der Berliner Philharmonie - allerdings mit nur etwa 400 Plätzen im Publikum und etwa 60 Plätzen auf der Bühne. Liebreich war aber mit 120 jungen Musikern aus Deutschland angereist, die für Bruckners achte Sinfonie auf die Bühne sollten. "Die Nordkoreaner haben gesagt: Gar kein Problem, wir gehen in einen anderen Saal. Das war dann das Moranbong-Theater, riesengroß, 3000 Sitzplätze", erzählt Liebreich. Vor leerem Saal musste er trotzdem nicht spielen: Vier Stunden später waren 3000 Leute da.

Alexander Liebreich erzählt diese Geschichte unter gewaltigen Lautsprechern, auf einem Barhocker sitzend, im Münchner Blitz Club. Im SZ-Kultursalon sprach er vergangenen Dienstag mit Susanne Hermanski, Leiterin der Kulturredaktion, und Musik- und Theaterkritiker Egbert Tholl über Musik und Macht. Liebreich hatte immer wieder mit unterschiedlichen politischen Systemen und deren Verständnis davon, was Musik darf und was nicht, zu tun. Nach der Tour in Nordkorea war er mehrere Jahre Gastprofessor beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) und unterrichtete Dirigierstudenten in Pjöngjang. "Meine Erfahrung war hochpositiv und hochmenschlich". Obwohl er einen Übersetzer und einen Kontrolleur des Übersetzers immer bei sich hatte, konnte er sich auch sehr persönlich über politische Dinge mit den Menschen unterhalten. "Trotzdem ist das System dort überhaupt nicht akzeptabel."

Alexander Liebreich

Alexander Liebreich in ungewohnter Umgebung: Der Dirigent hat unter der Lichtorgel im „Blitz“ Platz genommen.

(Foto: Robert Haas)

Der Dirigent brachte viel Repertoire des 20. Jahrhunderts nach Nordkorea, das dort noch nie gespielt worden war - das Notenmaterial ist schlicht zu schwer zu bekommen. So hat Liebreich alle Mahler-Sinfonien in Nordkorea erstaufgeführt. "Ich glaube, das ist das Größte, was man als Dirigent erleben kann: Zu wissen, dass ein Orchester zum ersten Mal diese Musik spielt und sie ein Publikum zum ersten Mal hört." Von 2006 bis 2016 leitete Liebreich das Münchener Kammerorchester und reiste mit ihm auch nach Nordkorea. Seit 2012 war er außerdem Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Sinfonieorchesters des Polnischen Rundfunks in Katowice - der erste deutsche Chefdirigent eines großen polnischen Orchesters.

Eine sehr internationale Karriere, die ihn auch in die Niederlande und zum BBC Symphony Orchestra führte. So wird Liebreich immer wieder gefragt, wie deutsch er denn als Dirigent sei. "Es spielt für die Arbeit überhaupt keine Rolle. Wenn ich vor dem Orchester stehe, ist es ganz egal, ob ich Deutscher bin." Während die Nationalität für die Musik egal ist, bereiten die Anforderungen von außen manchmal Schwierigkeiten. Die polnischen Volkslieder zum Nationalfeiertag am 11. November durfte Liebreich nicht dirigieren. "Das war vor einigen Jahren noch ganz anders, aber nun sagte man: Nein, nein, Sie sind kein Pole." Die Beziehung zur polnischen Regierung wurde nicht inniger, der Vertrag läuft gerade aus. Nun geht es nach Tschechien: Liebreich hat schon im vergangenen Jahr seine neue Position als Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Prag aufgenommen.

Heute die Heimat des Clubs "Blitz": Der Kongresssaal des Deutschen Museums und seine Verwaltungsräume haben eine wechselvolle Geschichte hinter sich.

(Foto: Robert Haas)

Nach Tschechien hat Liebreich auch familiäre Bezüge: Sein Vater ist in Ústí nad Labem in Nordböhmen geboren, die Familie kommt aus Mähren: "Seit drei, vier Jahren bin ich eng mit Brünn verbunden, weil es die Stadt meiner Großeltern ist." Als im Münchner Abkommen die Tschechoslowakei gezwungen wurde, dass Sudetenland an das Deutsche Reich abzutreten, kam Liebreichs jüdischer Großvater von Ústí nad Labem nach Brünn. Nach der Annexion des restlichen Landes kam er ins Arbeitslager - er überlebte. Liebreichs Urgroßmutter starb in Auschwitz. "In Theresienstadt hat sie aber vorher Uraufführungen von Karel Ančerl mitbekommen, der dort das Orchester leitete", sagt Liebreich. Ančerl war der erste Chefdirigent des Prager Rundfunk-Sinfonieorchesters. "Die Geschichte dreht sich irgendwie in Kreis und hat doch eine Relevanz, die klarmacht, dass wir überall Anker und Federn haben."

Ein weiterer Bezug: Das Münchner Abkommen, das den Großvater vertrieb, wurde von Hitler in der Münchner Musikhochschule beschlossen - dort, wo Liebreich Dirigieren studierte und nun auch unterrichtet. "Man muss mit dieser Geschichte umgehen. Es ist eben immer ambivalent", sagt Liebreich. Er studierte hier auch Gesang, er ist in Regensburg geboren - und war dennoch kein Domspatz: "Es gibt eben viele Gymnasien in Regensburg."

Seit vergangenem Jahr ist Liebreich künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals in Garmisch-Partenkirchen und hat dort wieder mit Widersprüchlichkeiten zu tun: Richard Strauss hatte im nationalsozialistischen Staat eine überaus ambivalente Rolle, er war Präsident der Reichsmusikkammer, schrieb freundliche Briefe an Hitler, fiel auch in Ungnade, als er sich für Stefan Zweig einsetzte. "Man muss ihn kritisch sehen. Aber stigmatisieren, das geht nicht", sagt Liebreich. Ihn reizte am Festival besonders der Schauplatz: "Das ist seit zehn Jahren meine Langlaufroute. Es ist ein unglaublicher Ort." Strauss erwarb hier 1906 ein Grundstück und beauftragte den Architekten Emanuel von Seidl - eine Verbindung zum Ort des Kultursalons: Seidl baute mit seinem Bruder auch das Deutsche Museum.

Liebreich hat auch selbst gewisse musikpolitische Macht: 2014 wurde der neue Konzertsaal in Katowice mit Liebreichs Beteiligung fertiggestellt, er eröffnete den Saal mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks. Nun ist Liebreich im Akustiker-Kuratorium des geplanten neuen Münchner Konzertsaals, dessen Bau auch auf dem Gelände des Deutschen Museums erwogen wurde, nun aber für das Werksviertel geplant ist. Katowice bekam die Akustik von Yasuhisa Toyota, der auch mit der Gasteig-Akustikrenovierung beauftragt ist. Dagegen kümmert sich im Werkviertel Tateo Nakajima um den richtigen Klang, er plante den neuen Konzertsaal in Brünn. Ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland: "Beim neuen Saal in Kat owice waren es ein Jahr Planungszeit und zwei Jahre Bauzeit für umgerechnet knapp 80 Millionen Euro" - ein großer Unterschied zu den hiesigen, Jahrzehnte währenden und Hunderte Millionen teuren Baustellen. "Das ist eben der Preis der Demokratie."

Zum Ende des Kultursalons musste die mächtige Anlage des Blitz Clubs präsentiert werden: Passend zum Thema hatte Liebreich das Agnus Dei aus dem Requiem von Tigran Mansurian mitgebracht. Der armenische Komponist widmete das Werk den Opfern des 1915 bis 1917 verübten Genozids an den Armeniern. Es entstand als Auftragswerk des RIAS Kammerchores Berlin und des Münchner Kammerorchesters unter Liebreich und wurde auch für den Grammy nominiert. "Ein wunderschönes Stück. Ich glaube, dass Musik im Kern apolitisch ist und alle Leute anspricht", sagt Liebreich. Und es lässt sich in der Tat nur schwer vorstellen, wie sich jemand dieser Musik entziehen soll, besonders auf dieser Sound-Anlage: Der a cappella gesungene Friedenswunsch erfüllt den Club, abgelöst von klagenden Streichern mit sehr präsentem Bass. So auch in Strauss' "Also sprach Zarathustra" dessen tiefe Anfangstöne von Kontrabässen und Orgel hier überdeutlich zu hören sind. Die Paukenschläge werden körperlich, der Herzschlag passt sich ihnen an. Man bekommt eine Ahnung von der Macht der Musik.

Richard-Strauss-Festival 2019 , 21. bis 29. Juni, verschiedene Orte, Garmisch-Partenkirchen, weitere Informationen: www.richard-strauss-festival.de